Der Fall Pezzoni und ein Klub mit einem Imageproblem

Was wir bereits wissen
Kevin Pezzoni ist auf Tauchstation gegangen. Der Abwehrspieler, der nach den Gewaltandrohungen vor der eigenen Haustür und im Internet seinen Vertrag beim 1. FC Köln aufgelöst hat, befindet sich offenbar bereits im Ausland. Zurück bleibt ein Klub, der sich in der Causa zunehmend hilf- und ratlos präsentiert sowie eine Anhängerschaft, die deutschlandweit längst in Verruf geraten ist.

Köln.. Denn die Liste der Verfehlungen Kölner Fans ist lang, und so ist Rainer Mendel mal wieder ein gefragter Mann. Mendel ist Fanbeauftragter des FC und muss erneut Vorfälle erklären, die er selbst kaum erklären kann. Die Gewaltausbrüche seien nicht zu tolerieren, der Klub werde rigoros vorgehen, sagt Mendel im Interview der dapd Nachrichtenagentur und spricht Stadionverbote und Mitgliederausschlüsse an.

Ähnlich hat sich Mendel auch schon im März dieses Jahres geäußert, als Kölner Krawallmacher einen Gladbacher Fanbus von der Autobahn abdrängen wollten und schließlich auf dem Rastplatz Siegburg-Ost mit Steinen bewarfen. Es war in der vergangenen Saison der negative Höhepunkt zahlreicher Entgleisungen Kölner Anhänger. Trotzdem wollen die Kölner Verantwortlichen von einem grundsätzlichen Problem in der Fanszene nichts wissen.

"Wirrköpfe" und Chaoten"

Kommentar "Diese Geschichte mit den fünf Personen ist eine Sache von Wirrköpfen gewesen. Man muss vorsichtig sein, das als reines Kölner Phänomen anzusehen. Das Überschreiten von Grenzen findet auch anderweitig statt", sagt Mendel, und auch FC-Präsident Werner Spinner stellt sich hinter die große Anhängerschaft: "Ich bin der Auffassung, dass wir tolle Fans haben. Bei Pezzoni waren es keine Fans, sondern Chaoten."

Gar so einfach ist es aber doch nicht. Es sei denn, man geht davon aus, dass es in der Domstadt eine besonders große Anhäufung von "Chaoten" oder "Wirrköpfen" gibt. Denn von Einzelfällen kann längst keine Rede mehr sein. Pezzoni war erst im Februar bei einem tätlichen Angriff im Karneval das Nasenbein gebrochen worden. Genauso erging es dem Leverkusener Abwehrspieler Michal Kadlec im April in einer Kölner Diskothek. Vorfälle, die Kadlecs Teamkollege Andre Schürrle dazu veranlasst haben, seinen Wohnort von Köln nach Düsseldorf zu verlegen.

Feindselige Rivalität zu Gladbach

Auch die Rivalität mit Mönchengladbach wird seit Jahren immer feindseliger gelebt. Das Verhältnis zwischen den beiden Fangruppen hat sich insbesondere nach dem Fahnenklau im März 2008, als im Gladbacher Borussia-Park eine überdimensionale Fahne entwendet und drei Wochen später während des Derbys zerrissen worden war, stark verschlimmert. Weitere negative Entgleisungen waren etwa der Fäkalien-Wurf auf Schalke oder die Rauchbomben beim Abstieg im Mai, die dem Klub ein halbes Geisterspiel einhandelten.

Mendel glaubt trotzdem, dass sich das Verhalten der Kölner gebessert habe. "An den ersten vier Spieltagen von der 1. bis zur 3. Liga hat es 43 Vorfälle im Umfeld von Fußballspielen gegeben. Beim 1. FC Köln gab es trotz dieser sportlich wenig zufriedenstellenden Situation keinen einzigen Vorfall. Das zeigt uns, dass der angefangene Dialog erste Früchte trägt", sagt Mendel und spricht den von Spinner eingeleiteten Fandialog an.

Fan-Gewalt Auch sei eine Arbeitsgruppe Fankultur gegründet und ein Projekt mit der Uni Hannover auf den Weg gebracht worden, um die Phänomene begleiten zu lassen. Dazu werde der FC neue Kameras im Stadion installieren lassen, um besser gegen Störer vorzugehen.

All dies wird Pezzoni nichts mehr nützen. Ob es den Klub aus den Negativschlagzeilen bringt, wird die Zukunft zeigen. Fest steht nur, dass die Kölner Strafanzeige gegen Unbekannt wegen der Facebook-Einträge, die zu Gewalt gegen Pezzoni aufriefen, gestellt haben. Das bestätigte der zuständige Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn. Mit Pezzoni, der noch keine Strafanzeige gestellt hat, will die Staatsanwaltschaft noch Kontakt aufnehmen, um in Erfahrung zu bringen, was vergangene Woche vor dessen Haus tatsächlich vorgefallen ist. (dapd)