Serie: Eine Saison mit...
Der Darter und der Buddha
30.06.2009 | 20:45 Uhr 2009-06-30T20:45:00+0200
Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebten Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil fünf: Über die Torhüter und Hans-Günter Bruns.
Der neue Keeper lässt Semmler vergessen
RWO-Torwart Sören Pirson gilt als unverdächtig, irgendeinem falschen Glamour anzuhängen. Zum Spiel reist er schon mal mit einer blauen "Karstadt"-Plastiktüte an. Beim Interview danach schwatzt er der "Premiere"-Assistentin die Wolldecke ab: "Für meinen Hund". Ansonsten geht er jeden Mittwoch zu Conny, die bei der Geburt offensichtlich von Tana Schanzara getrennt wurde. Die Kneipenwirtin betreibt "Hennings Bierstube" in Essen-Kray, ein öffentliches Wohnzimmer in Gelsenkirchener Barock.
Gyros von der Bude
Mittwochabend vor dem Spiel in Kaiserslautern trifft sich Pirson dort mit seiner neuen Freundin. Sie hat zwei üppige Gyros-Teller in einer weißen Plastiktüte mitgebracht, von der Bude um die Ecke. Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist das Besteck. Conny sagt: "Sören, hol’s dir hinter der Theke weg, du weißt ja, wo es liegt." Während RWO wichtige Punkte für den Klassenerhalt sammelt, startet Pirson eine zweite Karriere. Ende März hat er sich einem anderen Klub angeschlossen, er ist jetzt Mitglied der Dartmannschaft "Ghostbusters IV". In der gemütlichen Bierschwemme gibt es auch die Teams "Ghostbusters I", "Ghostbusters II" und "Ghostbusters III". Pirson muss also in der vierten Mannschaft ran. Irgendwann musste es ja soweit kommen. Der "Schnapper", wie man hier zum Torhüter sagt, ist sowieso ständig in seiner Stammkneipe. Die heutige Einheit dauert sogar länger als das Training an der Landwehr, von 20 bis 23 Uhr. "Gute Pfeile", sagt er immer wieder beiläufig. Das ist der gewohnte Gruß unter Dartern, ähnlich dem "Gut Holz" der Kegler. Pirsons Augen leuchten, wann immer er vom "ersten Meisterschaftsspiel" spricht. Er meint die Begegnung am Dienstag, das Heimspiel von Ghostbusters IV.
Im Sparclub
Der Termin liegt günstig: zwischen den Liga-Spielen gegen den 1.FC Kaiserslautern (Sonntag) und den "Club" aus Nürnberg (Donnerstag). Weil er jetzt noch öfter kommt, richtet er sich bei Conny gleich mal ein Sparfach ein. Normale Gäste zahlen pro Besuch fünf Euro ein, Großverdiener müssen zehn abliefern. Im Dezember wird das Geld gemeinsam auf den Kopf gehauen, dann steigt in der Kneipe die Party des Jahres. Während Schlagerbarde Olaf Henning singt und ein weiterer Gast in Jogginghose einläuft, sagt der Berufssportler glücklich: "Bei Conny interessiert's keinen, ob du Fußballprofi bist oder nicht!"
Der Wasserläufer
Christoph Semmler hat nach seinem Kreuzbandriss die Schattenseiten des Geschäfts erlebt. Er war nur wenige Tage verletzt, da informierte ihn schon niemand mehr über den Theaterbesuch beim Präsidenten. "Ich wäre schon gerne mitgegangen", sagt er während seines Aufenthalts in der Media-Park-Klinik in Köln. Etwa acht Wochen später, im Februar, tritt die körperliche Wiederherstellung des Stammtorwarts in die nächste Phase.
Um neun Uhr trifft sich Semmler mit Diplom-Sportwissenschaftler Tobias Dudeck im Kölner Zollstockbad. Ein typisches Stadtbad, der Chlorgeruch ist kaum auszuhalten. Ein paar ältere Semester stehen im Halbkreis beim Frühsport zusammen, zwei Bademeister langweilen sich in weißen Plastikstühlen. Beim Aqua-Jogging im Sprungbecken kämpft ein Bundesliga-Torwart um seine Gesundung, während neben ihm alte Frauen auf grünen Schwimmnudeln reiten. Der Patient hat jedoch keinen Blick für die begnadeten Körper, er ist nur auf ein Ziel fokussiert.
Wissbegieriger Streber
Dudeck, sechs Monate lang so etwas wie sein Personal Trainer, sagt, der Sportstudent sei ein wissbegieriger Streber. Er wünsche sich, jeder verletzte Profi würde ähnlich für sein Comeback schuften. Er kann es beurteilen, er hat schon mit Lukas Sinkiewicz, Patrick Helmes und Matthias Scherz gearbeitet. In jedem Muskel seines Gesichts ist zu erkennen, wie sehr sich Semmler quält. So hart der Mann mit dem blauen Aqua-Jogger-Gürtel kämpft, so wenig scheint er von der Stelle zu kommen. Er schiebt den Unterkiefer nach vorne, pumpt die Backen auf und beißt auf die Zähne, bis das Gesicht rot anläuft. Eine Bahn von 25 Metern kann die Hölle sein, wenn man nicht vorwärts kommt. Für das Probetraining vor dem Comeback, notwendig für die Krankenversicherung, schiebt er Extraschichten auf einer Bolzwiese vor dem Stadion in Müngersdorf.
Doch obwohl er am 28. Spieltag erstmals wieder auf der Bank sitzt, wird er keinen Einsatz mehr bekommen. Ob es überhaupt noch einmal ein offenes Duell wird, ist ebenfalls fraglich. Pirson hat sich festgespielt. Luginger lässt via Zeitungsinterview mitteilen, also nicht im persönlichen Gespräch, dass der Herausforderer im Kasten bleibt. Dass so etwas nicht unter vier Augen besprochen wird, empfindet mancher bei RWO als eine Schwäche des Trainers, die meisten halten es aber für normal in diesem Geschäft. Semmler akzeptiert die Spielregeln widerwillig, versucht fortan, sich im Training anzubieten. Er sagt enttäuscht: "Woanders steht der Stammtorwart schneller wieder im Tor."
Im Wachturm des H. G. Bruns
Während Dietz im sozialen Gefüge unter dem Spitznamen "Der weiße Hai" firmiert, hat Manager Bruns in Oberhausen viele Namen. Die Spieler sagen respektvoll "der Herr Bruns", mancher versteigt sich zu einem ikonengleichen "H.G. Bruns", nur Duzfreund Dietz vertraut auf "Günter". "Liebe Kinder haben viele Namen", sagt ein Sprichwort. Wenn man den Sportdirektor im Februar 2009 in seinem Büro besucht, trifft man eher auf einen treusorgenden Großvater. Ein Stapel von Bewerbungsunterlagen liegt auf seinem Schreibtisch. Bruns kümmert sich darum, dass die Spieler der U23-Mannschaft ihre zweite Karriere nicht vernachlässigen.
Klub will Hilfestellung geben
Der Klub sieht die Kicker nicht als Spekulationskapital, er will Hilfestellung geben. Das Kalkül: In der Zeit, in der ihm der Manager einen Praktikumsplatz besorgt, kann sich der Spieler auf den Fußball konzentrieren. Der oberste Projektleiter thront in seinem Büro über dem Trainingsgelände wie auf einem Hochsitz. Eigentlich liegt der Übungsplatz direkt vor seiner Nase, doch die Fensterscheiben haben 35 Jahre auf dem Buckel. Er muss in einen Nebenraum gehen, um wirklich etwas zu erkennen. Jedesmal, wenn es die Zeit erlaubt, eilt er jedoch nach unten, lehnt sich in vorgebeugter Haltung auf die Balustrade und führt dabei einen seiner gestreiften Strickpullover spazieren. In dem Kabuff hat der passionierte Beobachter tatsächlich ein ideales Refugium gefunden, fernab von jeglichem Mediengetöse. Wenn er doch einmal mit dem "DSF" spräche, würde das bestimmt ein häufig geklickter Youtube-Schnipsel.
In diesen Tagen wird am Great Barrier Reef der vermeintlich "beste Job der Welt" vergeben, als Ranger auf einer Luxusinsel. Unverständlich für den Manager. Er hat ihn doch längst, den besten Job der Welt. Gestört wird er eigentlich nur, wenn eine der beiden Geschäftsstellendamen seine Deutschland-Tasse mit dem Kaffee hereinbringt. Dass Bruns die tägliche Trainingsarbeit manchmal fehlt, sieht man nur daran, dass sein Leibesumfang wächst. Mitarbeiter munkeln, er habe seit Saisonbeginn über 20 Kilogramm zugelegt. Strahlte er bislang nur die Ruhe und Weisheit eines Buddhas aus, so ist er jetzt auf dem besten Weg, diese Rolle auch körperlich auszufüllen. Bruns, der angetreten ist, den etablierten Klubs den Spiegel vorzuhalten, stellt in dieser Zeit triumphierend fest, dass das 3-5-2-System seinen Zweck erfüllt. Er sagt: "Einige Gegner können überhaupt nichts mit unserer Spielweise anfangen."
0mitdiskutieren