Dem Fritz nicht sein Wetter
02.07.2009 | 21:53 Uhr 2009-07-02T21:53:00+0200
Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebte Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil sieben: die legendäre Fahrt nach Kaiserslautern.
In Kaiserslautern erstmals vor über 30.000 Zuschauern. Zur Belohnung: Pizza und Bier
Samstagvormittag wird an der Landwehr trainiert, obwohl das Schild "Platz gesperrt" immer noch herumsteht. Dann geht es unter die Dusche, anschließend ins Klubheim. Das Essen für die Männer im Trainingsanzug ist keine Überraschung: Es gibt Nudeln mit Tomatensauce, wie immer. Kohlehydrate, sagt Luginger. Zeugwart Landers hat genauso routinemäßig den Steckbrief von Schiedsrichter Robert Harmann ausgedruckt. Man weiß zwar nicht, wofür es gut ist, dass jetzt alle dessen Hobbys kennen ("Wirtschaft, Lesen, Sport"), aber es wird schon irgendwie helfen.
Im Mannschaftsbus sind die Plätze fest verteilt: Vorne die Trainer und die Mediziner, in der Mitte das literarische Duo und hinten die Pokerspieler. Was in der Mitte wirklich gelesen wird, hängt von der Tagesform ab. Sören Pirson verschlingt "The Boys From The Mersey", ein Buch über die schlagkräftigsten Liverpool-Fans der siebziger und achtziger Jahre. Timo Uster, sonst eigentlich immer am Laptop, liest auf der Hinfahrt das Männermagazin "Maxim", die unvermeidliche Style-Bibel der Profis. Ohne Stopp geht es auf den Betze. Die Pokerprofis von der Rückbank hören noch nicht einmal auf zu spielen, als die Stadtgrenze passiert wird. Ist ja keine Stadtbesichtigung hier! Oder doch? Co-Trainer Oliver Adler sagt kurz vor dem Betzenberg: "Jungs, schaut euch das an! Dafür spielt ihr Fußball." Kaum im Hotel angekommen, schlendern Kim Falkenberg und Christopher Nöthe zur WM-Spielstätte rüber.
Zurück im Foyer erzählen sie Benny Reichert vom "Hammerstadion". Betreuer Helmut Bormann ist sogar noch näher dran, er fährt Sonntagfrüh wie immer vor der Mannschaft ins Stadion, bestückt die fensterlose Kabine mit dem notwendigen Gerät. Die Schuhe, insgesamt 36 Paar, reiht er gründlich in der Dusche auf. Das Schuhwerk dünstete sonst den eingelagerten Fußschweiß dort aus, wo sich die Spieler mental vorbereiten sollen. Der 61-jährige Betreuer, der früher als Konditor, Pipeline-Isolierer und Dachdecker sein Geld verdient hat, sucht sich immer einen Spieler aus, dem er ein paar Kuscheltiere als Glücksbringer zukommen lässt. Diesmal trifft es Marcel Landers.
Später, zurück vor dem Hotel: Bevor der Bus angelassen wird, sprechen etliche Profis noch mit den Liebsten daheim. Bruns schüttelt den Kopf und sagt: "Was für uns immer das Bier am Abend war, ist für die Spieler heutzutage das Handy." Die Hinfahrt zum Stadion ist eigentlich die kürzeste der Saison, wird aber zur Odyssee. Auf der Fahrtstrecke von zwei Minuten kommt der Bus plötzlich vom Weg ab, kurvt auf einmal durch das angrenzende Philosophenviertel, entfernt sich zusehends weiter vom Stadion. Luginger schaut immer wieder auf die Uhr, die Stimmung wird frostig. Als der Busfahrer etwas zu seiner Verteidigung vorbringen will, wird er abgewatscht. Der "Chef der Maloche" ruft: "Drück auf die Tube, gib Gas!"
Mit jeder Minute, die verstreicht, ohne dass man dem Stadion näher kommt, wird das Schweigen im Bus bedrohlicher. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Es gibt einen klaren Zeitplan, der eingehalten werden muss. Letztendlich braucht man für eine Entfernung von 700 Metern erstaunliche 17 Minuten. Irgendwann hat der Fahrer dann doch die richtige Zufahrt gefunden. Die Trainingsanzugträger stehen vor einem modernen Glasaufzug, der auch in einem 5-Sterne-Hotel hängen könnte. Pappas betritt etwas ungläubig die Kapsel, in der bereits ein liebenswürdiger Concierge wartet. In der zweiten Liga muss man nicht einmal mehr selbst den Knopf drücken! Der Mann, der im Jahr 2007 noch in der Oberliga spielte, wird die vier Stockwerke zur Umkleide hochgefahren: von Etage -4 auf 0. So schnell wie die gläserne Kabine durch das Innere des Fritz-Walter-Stadions schießt, scheinen auch die letzten zweieinhalb Jahre vergangen zu sein. Bei der Platzbegehung zückt Thomas Schlieter sein Handy, dreht sich damit einmal um 180 Grad und hält den historischen Ort fest, an dem er erstmals vor mehr als 30.000 Zuschauern auflaufen wird.
Nach dem Spiel, das mit einem beachtlichen 1:1 endet, geben sich die Spieler wieder gewohnt bodenständig, ordern bei einem lokalen Pizza-Taxi einen Mannschaftssatz Teigwaren. Hinten spielen sie Poker, vorne kreist das Flaschenbier. Der Manager hat den größten Durst, sagt vor jeder Bestellung zu Betreuer Bormann: "Helmut, ist Werbung!" Sie fahren ab diesem Wochenende etwas komfortabler, erstmals laufen an Bord "Premiere" und "DSF". In der Hinrunde schaute man hier noch Filme wie "Ballermann 6" auf DVD oder hörte die Bundesliga-Konferenz im Radio. Doch der neue Decoder ist irgendwie nicht richtig eingestellt, weshalb abwechselnd Trainer und Masseur im Gang stehen, am technischen Gerät herumfummeln und dabei wirken, als würden sich Mr. Bean und Buster Keaton als Fernsehtechniker versuchen. Ohne großen Erfolg: Das Bild fällt immer wieder aus. Immerhin, der kurze Bericht vom eigenen Spiel ist einigermaßen zu erkennen. Als Terranova gezeigt wird, wie er sich nach seinem Tor vor der FCK-Kurve Hörner aufsetzt, lacht der ganze Bus. Eine Stimmung wie im Samba-Zug. Doch wieder einmal ist es ein Beitrag, der sich primär am FCK orientiert. Markus Heppke äußert von hinten Medienkritik: "Mensch, jetzt sag doch auch mal etwas über RWO!"
DER Nationalspieler
Niederlagen gegen Nürnberg und Rostock - Mitgliederkampagne "1904" startet
Seit zweieinhalb Jahren tingelt RWO-Verteidiger Timo Uster als Lobbyist durch Oberhausen. Dietz baut ihn zum Marketingmann auf. Uster macht seinen Job, wie man es von ihm auf dem Platz gewohnt ist: überlegt, kompetent, intelligent. Im Gespräch streut er zwischendurch ein paar Fachausdrücke ein, die den Eindruck festigen, dass er "gut aufgestellt" ist. Während andere Spieler vor allem für die eigene Zeit nach der Karriere planen, ist die Perspektive von Uster eng mit dem Klub verzahnt. Bereits jetzt besitzt er ein eigenes Büro an der Landwehr, direkt neben dem des Pressesprechers. Er kümmert sich um die Mitgliederverwaltung. Während Terranova und Kaya auswärts in der Hotelbar ihr kleines Bier trinken, trifft man Uster alleine in der Lobby. Immer mit dabei: sein Laptop. Ein Kollege, der zufällig vorbei schlendert, ruft: "Timo, lebst du eigentlich noch? Wir sehen dich gar nicht mehr." Uster hat mit 34 Jahren sein Debüt in der zweiten Liga gefeiert, es war ein Geschenk des Himmels. Dass er noch einmal in dieser Spielklasse spielen würde, war so realistisch wie Lothar Matthäus als Bayern-Trainer. Er outet sich als Jünger der Glaubenslehre von Buddha Bruns, ist dankbar, im hohen Fußballeralter noch etwas gelernt zu haben.
Während er mit Oberhausen von der vierten in die zweite Liga kletterte, hat er sich auf ein Abenteuer eingelassen. Als Ex-Profi Antoine Hey gambischer Nationaltrainer wurde, klingelte bei Uster eines Tages das Telefon. Seine Großeltern stammen aus Gambia. So reiste der Spätberufene während der Oberliga-Saison 2006/07 als Nominierter zu zwei Länderspielen, nach Luxemburg und Saudi-Arabien. Ein einmaliges Erlebnis, doch wegen der "Doppelbelastung" trat er als Nationalspieler im Anschluss an die beiden Spiele gleich wieder zurück.
Seine letzte Vertragsverlängerung hat er mit Dietz mündlich vereinbart. Nur weil die DFL irgendwann ein Schriftstück sehen wollte, wurde das Ganze dann doch noch schriftlich fixiert. Er sagt: "Ich hätte auch ohne Vertrag gespielt." Uster arbeitet gerade an einem Gutscheinheft für RWO-Mitglieder. Die aktuelle Mitgliederkampagne heißt: "Wir geben alles – für 1904 Mitglieder." 1904 ist das Gründungsjahr von Rot-Weiß Oberhausen. Zuletzt ist die Kampagne sehr erfolgreich gelaufen. Sehr erfolgreich heißt in Oberhausen, dass sie 60 neue Mitglieder brachte. Der aktuelle Zwischenstand liegt irgendwo zwischen 1100 und 1200. Das ist selbst in einer 220.000-Einwohner-Stadt reichlich wenig, wie Uster zugibt. Er gibt sowieso niemanden, der irgendwelchen Utopien hinterherläuft. Er sagt: "Irgendwann werden auch in Oberhausen die normalen Gesetze des Geschäfts greifen."
Das Kaffeekränzchen
Der Geschäftsführer geht von Bord - Tricksereien mit der DFL
Das Theater von Hajo Sommers war früher ein Hallenbad. Wo einst vom Beckenrand gesprungen wurde, schwingt der Präsident heute selbst den Wischmopp und beseitigt die Spuren des Vorabends. Hinter der Theke hat er bereits Filterkaffee aufgesetzt, als der Manager um zehn Uhr die Bühne betritt. Sommers und Bruns treffen sich seit zweieinhalb Jahren vor jedem Heimspiel hier im Ebertbad, meistens zwei Tage vorher. Die Tagesordnungspunkte lauten: Kaffeetrinken unter dem Kronleuchter, herzliches Lästern über Vorstand und Aufsichtsrat sowie "Spieler in die Pfanne kloppen". Das Treffen ist also das Gegenteil einer trockenen Sitzung, ein ironischer Spruch jagt den nächsten und nichts dringt nach außen.
Der Gastgeber nutzt die exklusive Gesprächssituation, um etwas über Fußball zu lernen. Er sagt: "Raute war für mich eigentlich immer ein Blatt aus der vierten Klasse." Während Sommers großzügig Kaffee nachschenkt, erzählt Bruns vom Spiel auf dem Betzenberg, von Spielsystemen und Jubelgesten. Sommers hat heute aber andere Probleme. Es gibt wieder einmal Stress mit den Frankfurtern. Die DFL hat den Klub gestern angeschrieben und gebeten, einmal zu erklären, wo denn der Geschäftsführer abgeblieben sei. Denn RWO-Geschäftsführer Gerd Kehrberg hat das Handtuch geworfen. Bereits im Februar sagte er: "Ich weiß nicht, ob ich hier noch gebraucht werde. Der Klub verträgt keine sechs Häuptlinge." Die Wahrheit ist: Er hatte nie eine Chance bei RWO.
Die Vorstandsherren sind selbst viel zu sehr ins Tagesgeschäft verwickelt. Während der Saison bekommt man zu hören: "Wenn du den Kehrberg fragst, kannst du auch den Platzwart fragen." Der Mann, der ohnehin nur einen Honorarvertrag als externer Berater besessen hat, widmet sich längst einer neuen Geschäftsidee. Pünktlich zur WM 2010 hat er sich die Lizenz für die Vuvuzela gesichert, die afrikanische Plastiktrompete. Er wittert einen Erfolg ähnlich wie mit den Deutschland-Fähnchen zur WM 2006, will nicht weniger als zehn Millionen Trompeten für 27 Länder fertigen. Es scheint fast so, als wolle der vormals normalste RWO-Funktionär am Ende doch noch mit seinen schrulligen Ex-Kollegen konkurrieren. Präsident Sommers improvisiert. Kurzerhand wird die Geschäftsstellenleiterin auf dem Papier befördert, zur "führenden Geschäftsstellenleiterin". Ob die DFL diese Formulierung schlucken wird, steht auf einem anderen Blatt.
In Oberhausen wird jedenfalls kein Geschäftsführer mehr eingestellt, zumindest solange Sommers und Kollegen das Sagen haben. Heute kommen die beiden Kaffeetanten, wie immer in bester Plauderlaune, plötzlich auf das Thema, wann die Führungscrew denn eigentlich zurücktreten müsse. Sommers zieht an seiner Selbstgedrehten und sagt: "Eigentlich müsste ich genau jetzt aufhören." Bruns schlägt vor: "Oder vielleicht sollten wir nächstes Jahr noch in die erste Liga aufsteigen. Dann haben wir es wirklich allen gezeigt, dann hören wir auf!"
Schallendes Gelächter.
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