Wie der BVB mit seiner Versagensangst umgehen sollte

Foto: imago
Was wir bereits wissen
Vor dem Pokalspiel beim FC St. Pauli hat Jürgen Klopp einen Einblick in die angekratzte BVB-Seele gegeben: "Die Angst vor dem Nichtgewinnen ist da", sagte der Borussen-Trainer. Im Interview erklärt Sportpsychologe Dr. Daniel Memmert von der Sporthochschule in Köln, wie es dazu kommen kann und wie der BVB aus der Krise herausfinden könnte.

Hagen.. Borussia Dortmund, der Vizemeister der vergangenen Saison, spielt am Dienstagabend (20.30 Uhr/LIVE bei uns im Ticker) beim Zweitligisten FC St. Pauli um den Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals. Und Jürgen Klopp, der Trainer des BVB, sagt diesen prägnanten Satz: „Die Angst vor dem Nichtgewinnen ist sicher da.“ Er ist der ungewöhnlichen Situation geschuldet, dass Schwarz und Gelb plötzlich in einer tiefen Krise steckt und scheinbar keine Wege hinaus findet. Professor Dr. Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Kognition und Sportspielforschung mit den wissenschaftlichen Schwerpunkten Bewegungswissenschaft und Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln, erklärt, woran es liegen könnte.

Herr Professor Memmert, in Dortmund herrscht Krise. Wie fühlt sich das aus psychologischer Sicht an?

Daniel Memmert: Es kann zu einer negativen Spirale kommen. Die Spieler strengen sich an, sie investieren viel Arbeit, viel Zeit auf dem Trainingsplatz, aber sie werden dafür nicht belohnt.

Was resultiert daraus?

Memmert: Man beginnt, alles in Frage zu stellen und über alles nachzudenken. Die Frage ist, ob dabei auch die richtigen Hebel gefunden werden, die betätigt werden müssen. Zum Beispiel ist es durch viele Studien nachgewiesen, dass hoch automatisierte Abläufe nur „zerstört“ werden, wenn wir wieder beginnen, Gedanken daran zu verschwenden. Für den Fußball bedeutet das, dass der Spieler anfängt zu denken, wenn er die ersten sechs Schüsse in die Fankurve geschossen hat. Und zwar: Hoffentlich schieße ich den nächsten nicht auch daneben. Das ist fatal.

Aber es muss ja etwas verändert werden, oder nicht?

Memmert: Wenn alles gut läuft, wird gar nichts hinterfragt. In guten Zeiten könnten Trainer viel besser Veränderungen herbeiführen, Abläufe und taktische Vorgaben variieren. Ihm wird alles geglaubt. Jetzt aber wird alles beobachtet: ,Aha, der Trainer verändert dies, oha, schon wieder verloren.’ Der Trainer hat keine echte Chance mehr, etwas richtig zu machen, sondern es existiert eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit, alles falsch zu machen.

Wie lange kann diese Phase des Denkens dauern?

Memmert: Bis sich die Mannschaft wieder einen positiven Moment erarbeitet hat und mit einem Sieg, besser zwei Siegen vom Platz geht.

Siege gelingen der Mannschaft regelmäßig in der Champions League. Doch der erhoffte Rückenwind für die Liga bleibt aus.

Memmert: Daher bin ich auch vom psychologischen Ansatz als Erklärung für das Dilemma nicht überzeugt.

Sondern?

Memmert: Unsere Analysen bringen mich zu der Meinung, dass es ein Problem der Spielphilosophie ist. Ich glaube, dass die Idee von Klopp, Fußball spielen zu lassen, in der Liga überholt ist. Die Idee kennen wir, sie kommt aus Hoffenheim und Klopp hat sie brillant weiterentwickelt und zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil gemacht. Neue Spielstile bilden sich aber immer schneller heraus, sie ändern sich jedes halbe Jahr. Vor 15 Jahren konnte man mit einem Stil fünf Jahre lang erfolgreich sein. Heute nicht! Das beste Beispiel ist Hannover unter Slomka: Er hatte die überragende Idee des Acht-Sekunden-Abschlusses, die zu einer überragenden Saison führte. Nur ein Jahr später war alles Makulatur, alle hatten sich darauf eingestellt. Flexibilität ist das Zauberwort.

Wenn Klopps Philosophie überholt wäre, dann dürfte ja nicht einmal die Chance auf Erfolg da sein. Die Mannschaft aber lässt in der Liga beste Chancen aus und gewinnt die Spiele in der Champions League.

Memmert: Das beste System nützt nichts, wenn man keine Qualität hat. Die besitzt Dortmund mit seinen Spielern natürlich. Die Interpretation „Pech gehabt“ ist möglich, gewiss. 50 Prozent des Fußballs werden vom Zufall beeinflusst. Es kann immer ein paar Spiele geben, die durch Pech verloren werden. Das heißt nicht, dass der Trainer schlecht ist oder dass die Mannschaft nicht funktioniert.

DFB-Pokal Aber?

Memmert: Ich glaube, dass Klopp ein herausragender Trainer für diesen Klub ist und an dieser gewachsenen Gemeinschaft etwas zu verändern, wäre der größte Fehler. Vielleicht ist es auch mal ganz gut, durch so eine Saison zu müssen, die sich nicht gut anfühlt, die auf Platz acht oder zehn endet. Wenn man die Stärke hat, das zusammen durchzustehen, dann hat man richtig viel verstanden von Fußball. Aber ich würde mir - in aller Demut und Bescheidenheit - an Stelle des BVB überlegen, ob ich nicht meinen Stil weiterentwickele.