Watzke zählt BVB-Stars an: "Das Gift muss aus den Ohren raus"

Man mag gar nicht hinsehen beim BVB: Die Tabellenlage ist desaströs - und nun fällt auch noch Reus lange aus
Man mag gar nicht hinsehen beim BVB: Die Tabellenlage ist desaströs - und nun fällt auch noch Reus lange aus
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der BVB muss erneut lange auf seinen Schlüsselspieler Marco Reus verzichten. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erklärt öffentlich: Aus Tabellenkeller herauszukommen, „ist kein Selbstläufer“. Den Stars der Schwarz-Gelben redete er ins Gewissen.

Dortmund/Paderborn.. Grauen Anzug, blaues Hemd, dunkle Krawatte trugen die Spieler von Borussia Dortmund. Weitgehend faltenfrei waren die Textilien, versteht sich für einen Besuch bei der Mitgliederversammlung. Nur die Gesichter wirkten mittelschwer zerknittert, als die Mannschaft, die am Tag zuvor lediglich 2:2 beim SC Paderborn gespielt hatte, am Sonntagmittag unter die Augen der Fans trat. Der Empfang aber geriet außerordentlich: Die viel beschworene BVB-Familie, die sich von ihren Sitzen erhob, munterte die derzeit erfolglosen Stars mit minutenlangem Applaus auf. Zuspruch, der gut tat. Zuspruch, der den Mann, der ihn am meisten benötigt hätte, nicht erreichte: Marco Reus.

Für Reus ist Sportjahr 2014 beendet

Der schwarz-gelbe Ausnahmekönner humpelte fast gleichzeitig an Krücken aus dem Dortmunder Knappschaftskrankenhaus. Im Gepäck die Diagnose: Außenbandriss mit Kapselschädigung. Für ihn ist das Sportjahr 2014 beendet. Es war ein Jahr des Pechs.

Es begann mit einem Muskelfaserriss sowie muskulären Problemen und endete mit einer tragischen Trilogie schwerer Sprunggelenksverletzungen: Die erste und schwerste zog er sich zu, als der Flieger nach Brasilien fast schon startete. Letztes Testspiel vor der WM, ein Tritt, der einen Traum zerstörte. Das Turnier, das seines hätte werden sollen, fand ohne ihn statt.

Kommentar Aus der Ferne sah Reus zu, wie die Kollegen die vielleicht einmalige Chance zum Titel nutzten. Er kam zurück, gewann an Form, wurde umgegrätscht, setzte im September einen Monat aus. Er kam zurück, gewann an Form, bis zu diesem Samstag in Paderborn, als er in der 64. Minute von Marvin Bakalorz ins Krankenhaus getreten wurde. Bakalorz spielte vor kurzem noch mit Reus beim BVB, im Trainingslager teilten sie sich ein Zimmer. Der Feind neben meinem Bett? „Ich würde Marco niemals gewollt umtreten. Das war zu heftig, es tut mir leid“, sagte Bakalorz mitgenommen. Er fühlte sich dazu veranlasst, sich zu verteidigen, weil BVB-Trainer Jürgen Klopp seinen Ex-Schützling zusammenstauchte, als sich Reus auf dem Rasen wandt. „Die Szene ist Wahnsinn“, sagte er, „ich kenne Marvin eine Weile und ich weiß, dass er ein top Junge ist. Aber ich weiß auch, dass es ihm immer wieder mal passiert, dass er so unkontrolliert grätscht. Ich will ihm nix, aber das war zuviel.“

Reus-Verletzung Nun ist Reus wieder raus. Fehlt er, fehlt dem BVB ein Spieler, der in wichtigen Momenten den Unterschied ausmachen kann. Und davon gibt es derzeit viel zu viele. Eigentlich hatte sich der BVB ja auf dem Wege der sportlichen Genesung gewähnt mit dem Sieg gegen Gladbach. Nach Treffern von Pierre-Emerick Aubameyang und Reus zur 2:0-Halbzeitführung machte sich aber eine derart wohlige Siegesgewissheit breit, dass die Führung unter dem Eindruck der Reus-Verletzung und eines nicht gegebenen Treffers von Kevin Großkreutz gegen dieses merkwürdige gallisch-ostwestfälische Fußball-Dörfchen noch verspielt wurde.

„Wenn das 3:1 zählt, dann gewinnen wir hier“, haderte Sportdirektor Michael Zorc mit der Leistung von Schiedsrichter Wolfgang Stark, der das Bakalorz-Foul nur mit Gelb und nicht wie von Klopp gefordert mit Rot ahndete. So steckt das große Dortmund weiterhin fest im Treibsand der Liga – Abstiegsgefahr inklusive.

Watzke: "Das Gift muss aus den Ohren raus"

Das sieht offenbar mittlerweile auch Hans-Joachim Watzke so. Ein Abstiegsszenario hatte er zuletzt als einen „schönen Joke“ bezeichnet. Nun mahnt er. „Alle sagen uns, dass wir eine gute Mannschaft haben, dass alles gut wird. Das Gift, dass sich die sportliche Situation von allein löst, muss aus den Ohren raus. Das ist kein Selbstläufer.“

Applaus.

Und er ermahnte die Spieler, das Fans-Vertrauen zurückzuzahlen. „Wenn ihr wieder mit einem Angebot eines anderen Vereins konfrontiert werdet, dann denkt daran, wie ihr heute als Tabellenfünfzehnter empfangen worden seid.“

Applaus.

Abgang mit Knitterfalten.