Tuchels Erfolg beim BVB bringt Schalke-Bosse in Bredouille

Machte in seinem  ersten halben Jahr in Dortmund einen souveränen Eindruck: Thomas Tuchel.
Machte in seinem ersten halben Jahr in Dortmund einen souveränen Eindruck: Thomas Tuchel.
Foto: Bongarts/Getty Images
Was wir bereits wissen
  • Tuchel ist das Kontrastprogramm zu Klopp.
  • Neuer Trainer hat Klopps System weiterentwickelt.
  • Dortmunder Erfolg wirft Frage auf, warum Schalke nicht zugriff.

Dortmund.. Wohl kein Fußball-Trainer lebt seine Emotionen so aus wie Jürgen Klopp. Wie sehr der frühere BVB-Coach der Bundesliga-Bühne fehlt, zeigten am ersten Fußball-Wochenende des Jahres in Deutschland einmal mehr die spektakulären Bilder aus der englischen Premier League. Nach dem späten 5:4-Siegtor in einer Wahnsinnspartie gegen Norwich City gab es für den Adrenalin-Junkie wieder mal kein Halten. Und seine Rolle als perfekter Entertainer spielte Klopp auch auf der Pressekonferenz weiter, als er die vergebliche Suche nach einem Ersatz für seine im Jubelrausch demolierte Brille so kommentierte: „Die Zweitbrille zu finden ist eben schwer – ohne Brille.“

Von Thomas Tuchel sind weder ähnlich heftige Gefühlseruptionen noch besonders witzige Wortspielereien zu erwarten. Sicher, in seiner Mainzer Zeit fiel auch er, vor allem nach umstrittenen Pfiffen gegen seine Mannschaft, gelegentlich als Heißsporn auf. Aber seit er in Dortmund in einem ungleich größeren Rampenlicht steht, hat sich der 42-Jährige weitgehend unter Kontrolle. Wenn man so will, ist der Mann also das komplette Kontrastprogramm zu Klopp. Und das ist, wie sich nach seinem ersten halben Jahr sagen lässt, gut für den BVB.

Tuchel hat die BVB-Taktik weiterentwickelt

Was manche als Nachteil auslegten – nämlich Tuchels zurückhaltende, ja, eher spröde Art – hat sich in einen Vorteil verkehrt. Nach sieben aufwühlenden Jahren unter Klopp, die am Ende die üblichen Abnutzungserscheinungen zeigten, waren auch die Spieler bereit für eine andere, behutsamere Ansprache. Und, nicht weniger wichtig: auch für eine neue Taktik. Dabei hat Tuchel in Dortmund nicht alles auf Null gestellt, sondern den Klopp-Stil, der überfallartige Angriffe beinhaltet, durch mehr Spielkontrolle weiterentwickelt.

Mehr noch: Tuchel punktet, soweit sich dies von außen beurteilen lässt, auch als Psychologe. Er hat einen sensiblen Ballkünstler wie den vorher schwächelnden Armenier Henrikh Mkhitaryan wieder stark geredet und auch in der bisweilen unsachlichen Diskussion um Mats Hummels, dem in der Vorrunde ungewohnt viele Fehler unterlaufen waren, stets besonnen reagiert. Kein Zufall deshalb, dass er nach dem eindrucksvollen Rückrundenstart in Mönchengladbach den Anteil seines Kapitäns ausdrücklich herausstellte. Der ganzen Mannschaft bescheinigte Tuchel im Übrigen eine „sehr reife, erwachsene Leistung“. Eine wohl überlegte Formulierung, die sich auch auf ihn übertragen lässt.

Fragen an die Schalker Verantwortlichen

Deshalb: Ja, Thomas Tuchel war eine gute Wahl von Borussia Dortmund. Aber auch: Nein, kein noch so guter „neuer BVB“ wird vergessen lassen, was Jürgen Klopp in Dortmund geleistet hat.

Nebenbei: Der Zeitpunkt naht, wenn er denn nicht schon längst gekommen ist, an dem sich die Schalker Verantwortlichen die Frage gefallen lassen müssen, warum sie nicht entschlossen zugriffen, als Tuchel auf dem Markt war und sie sich trotz fortgeschrittener Verhandlungen (die Horst Heldt bestätigt hat) seinerzeit für Jens Keller und später Roberto di Matteo entschieden. Zur Erinnerung: Als 2008 Klopp, damals noch bei Mainz, zu haben war, holte Königsblau den Niederländer Fred Rutten. Wird man ja noch mal erwähnen dürfen ...