Trotz Überzahl Rang 18 gefestigt – und ich bin schuld!

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Was wir bereits wissen
Die Bundesliga gibt Fan-Kolumnist Michael Friederici viel Anlass zur Lästerei. Doch das Lachen bleibt beim Blick auf den BVB im Halse stecken.

Dortmund.. Ja, ich bekenne mich hiermit schuldig! Ich war's! Ich hätte nicht zugucken dürfen. Das Spiel, dieser bittere Ernst geht auf meine Kappe. Echt jetzt!

Zuerst habe ich das alles nicht geglaubt, was ich da sah. Ich sag‘s ehrlich: Das habe ich mir nicht vorstellen können. Ich mein jetzt das, was der BVB gegen Bayer gezeigt hat. Das hatte mir bewiesen: Jetzt zeigen die Jungs endlich: Wir können auch anders. Ball wegdreschen. Fehlpässe, dass es die Sau graust.

Ja, das alles sah für den gemeinen Fußball-Ästheten, zu dem wir uns in den letzten Jahren ja alle gern haben erziehen lassen, schon einigermaßen gespenstisch aus. Wieso eigentlich? Dachte ich. Wir können nämlich auch „dreckig“ und unattraktiv. So ist das. Hab ich gedacht. Ich gehörte nämlich zu denen, die glaubten, dass das 0:0 trotz aller Klopp-und-Team-und-Verein-Exegesen ein richtig guter Start, ein doppeltes Aufbruchsausrufezeichen gewesen sein könnte.

Krise Einige solcher Spiele, ein paar Punkte und dann ein bisschen Boden unter den Stollen…. Ständig das Nichts unter sich zu spüren, das, dachte ich, macht nicht einmal den Abgrundphilosophen in uns lustig, geschweige Lust auf Prickelwasser-Fußball. Darüber könnten wir dann später wieder einmal nachdenken. Dachte ich. Wir da unten haben jetzt erst einmal ganz andere Sorgen. Von wegen, ich bin ein Star, ich will hier raus: Wir holen uns da zusammen raus. Irgendwie. Sogar mit Rumpelkick.

Der Neustart war doch gar nicht so übel

War doch Samstag gar nicht so übel, dachte ich am Mittwochmorgen und freute mich auf den Abend. Sauer war ich trotzdem. Mal wieder auf Schalke. Ein Kicker, der einen solch arroganten Elfer reinlügen will, der muss Bayer sein – oder Schalker. Wie die dann noch gegen 10 Lederhosen herumharmlosten, das kann doch allenfalls mit einer Pfeife im dunklen Wald verglichen werden… Und Wolfsburg: Nun ja, der Dackel weiß halt nichts davon, dass sein Herrchen ihn Wolf nennt. Nebenbei gemerkt: Kaum war der Schürrle-Deal perfekt, meldete eine PR-Fachfrau namens Fleischer, dass immer mehr Wölfe nach Deutschland zurückkehren. Was für eine Koinzidenz, dachte ich.

Apropos Fleisch: Nein, jetzt mal kein Senf zu Ulis Würstchen. Gestern meldete die FAZ, dass Wurstfabrikant Clemens Tönnies, Deutschlands größter deutscher Schweineschlachter (!) und Aufsichtsratsvorsitzender bei Schalke, das Kartellamt ausdribbele und 120 Millionen € Bußgeld nicht zahlen wolle. Der Trick: Er soll zwei Unternehmen seines verschachtelten Fleischimperiums, die bestraft worden waren, „kurzerhand aus dem Handelsregister“ (FAZ, 4. Februar 2015)gelöscht haben. Und wenn es „die beiden Unternehmen rechtlich nicht mehr gibt“, dann können evtl. auch die Bußgelder nicht eingetrieben werden... – Nein, keine Witze über arme Schweine, aber wenn’s um die Wurst geht, dann könnte das doch ein Modell für überschuldete Vereine sein, dachte ich – noch ganz fröhlich.

Mir bleibt das Lachen im Keller stecken

Nur: Was interessiert mich überhaupt die Spitze. Die derzeit angemessene geographische Verortung heißt Keller. Kartoffeln und Kohlen lagen da früher. Erinnert ihr euch? Einige gehen zum Lachen dorthin, ich hatte in diesen Regionen schon früher Angst. Als Kind. Und da unsereiner als Fußball-Fan ja irgendwie Kind geblieben ist, setzt sich das jetzt fort. Der dunkle Scheiß-Keller ist überwunden, habe ich gedacht. War er aber nicht wirklich. Jetzt traut er sich sogar wieder den Nacken hoch. Gut, dass es die helle Süd, dass es den Tempel gibt! Da kann man die verdammte Kellerangst in Form einer Rudelpaartherapie einfach wegbrüllen. Dachte ich - und beneidete die Kleinfamilie namens Gelbe Wand auf der Steiltreppe.

BVB-Pfiffe Nur: Was, bitte, kann denn ich da draußen machen, allein, in der Diaspora im hohen Norden? Nach beinharten Selbstbefragungen kam‘s mir: Immer wenn ich in den vergangenen Monaten schwarzgelben Fußballzauber sehen wollte, in der Kneipe meines Vertrauens, im Stream, dann gab es ein Debakel. Meistens jedenfalls. Also hab ich einfach nicht mehr hingeguckt, live jedenfalls nicht. Außerdem: Selbst unser aller Jürgen hat doch weiland einen Reporter mit bösem Blick ausgeguckt. Immer wenn der kam, dann gings auch daneben. Ich mein: Natürlich glaube ich so einen Quatsch nicht! Aber wer kann mir denn bitte glaubhaft versichern, dass nicht doch was dran ist? Zumal wenn sogar der Jürgen das meint?!

Nicht-Gucken ist auch keine Lösung

Nicht-Trinken besagt ein kluges Schild bei meinem noch klügeren Wirt, ist auch keine Lösung. Nicht hingucken, wenn unsre Jungs spielen, aber auch nicht. Das wäre doch auch eine Art Verrat. Und weil ich die Kolumne schreiben musste gab es ja auch einen triftigen Grund, genauer hinzugucken. Mal wieder. Zumindest die zweite Halbzeit. Ganz allein. Nur ich und der Rechner. So ungefähr muss es sich im Beichtstuhl anfühlen, dachte ich als geborener Evangele. Um die Nervosität vor dem Spiel am Mittwoch im Sturm-Stärke-Bereich „frischer Wind“ zu halten bin ich gestern selbst pöhlen gegangen, in die Halle, in unserem Trikot, versteht sich. Im Bus dorthin habe ich mir sogar das schwarzgelbe Mützchen aufgesetzt. So, wie sich das gehört! Der Glaube hilft, dachte ich, Symbole manchmal auch.

19. Spieltag Um halb neun war ich dann abends zuhause. Siegreich. Ein Omen. Also raus aus den Sportklamotten, rein in die Vorfreude, Kiste angeworfen, Kommentare zur ersten Hälfte anhören. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass ich offensichtlich auf Entzug war, so gefreut, so reingefressen in Bild und Ton habe ich mich. Fünf Minuten lang, bis zur 50. Dann ging keiner richtig auf Halil Altıntop, der Ball landete beim völlig frei stehenden Bobadilla… Was dann danach kam, gegen 10 Augsburger… AUGSBURGER!!! Ich mein', nix gegen den FC, die sind nicht unsympathisch und machen vieles richtig. Aber hallo, war das nicht mal die Vorspeise?

Der erste Schritt ins Paradies öffnet den Blick in die Hölle

Bis zur 70. habe ich es dann noch ausgehalten. Dann konnte ich nicht mehr hingucken. Vielleicht hilfts ja, dachte ich, guckte weg, ging und hoffte – bis „zuletzt“. - Frau Lot hatte sich, so besagt es das Alte Testament, gegen das Gebot der Engel umgedreht und erstarrte zur Salzsäule. Orpheus verlor seine Eurydike, weil er sich umsah. Seit gestern ist klar: Ich bin auch schuldig. Ich hab auch hingesehen. - Natürlich glaub ich nicht dran. Aber ich tu’s nie wieder. Zumindest eine Zeit lang. Vielleicht hilft's ja, denke ich. War Leverkusen der erste Schritt „ins Paradies“? Seit gestern weiß ich, wie der Weg in die Hölle aussieht! Mein Wirt hat sich gefreut, meine Leber nicht.

PS: Wenn die da rauskommen, sind sie stärker als je zuvor. Wenn! Versuchen wir’s!

05.02.2015, Michael Friederici, Gib mich DIE KIRSCHE