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Interview mit Frank Mill,...

Streitbarer Publikumsliebling

27.11.2007 | 20:17 Uhr
Streitbarer Publikumsliebling

Essen. Frank Mill spielte in seiner Laufbahn ausnahmslos im Westen. Seine Stationen Rot-Weiss Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf verließ er als Publikumsliebling.

Unumstritten war Mill nie, legte sich mit Trainern und Mitspielern an. In seiner Karriere bestritt Mill 387 Bundesligaspiele und erzielte 123 Tore. Neun Mal spielte er für Deutschland bei Olympischen Spielen, für die A-Nationalmannschaft lief er 17 Mal auf. Bei der WM 1990 war er im Kader, kam aber nicht zum Einsatz.

DerWesten sprach mit Frank Mill über seine Karriere, Ruhrpottmentalität und verpasste Chancen.

DerWesten: Herr Mill, Sie kommen aus Essen und haben für Rot-Weiss Essen gespielt. Sie haben auch immer in Essen gewohnt, oder?

Frank Mill: Ja, immer.

Sie sind 1958 geboren. Wo sind Sie groß geworden?

Direkt in der Innenstadt. In der Weberstraße. Das ist an der Kreuzeskirche. Ich bin noch ein richtiger Straßenfußballer. Was anderes als Fußball gab es früher ja nicht. Wir haben draußen auf Kellerfenster gespielt. Da gab es auch weniger Autos auf der Straße. Mit sechs Jahren habe ich dann bei Eintracht angefangen. Den Verein gibt es noch.

Wie muss man sich das vorstellen? Flog der Ranzen nach der Schule in die Ecke und dann wurde Fußball gespielt?

Ja, bis die Mutter gerufen hat: „Junge, komm rein. Es wird dunkel“ Ich habe dann gesagt, ich komme gleich. Das hat dann aber noch eine halbe Stunde gedauert. Es gab halt nur Fußball. Da waren keine Kinos, in die man gehen konnte. Hausaufgaben gemacht ...

... dafür war noch Zeit?

(lacht) Joa.

Wann wurde Rot-Weiss Essen auf Sie aufmerksam?

Ich war 14 Jahre alt und wurde zum Probetraining eingeladen. Das war auf nem Aschenplatz, da spielte die B-Jugend. Ich war immer ziemlich klein. Deshalb habe ich die erste Halbzeit draußen gestanden. Irgendwann stand es 1:1, da hieß es. „Bring mich mal den Kleinen da rein.“ Das Spiel ist 6:1 ausgegangen, ich habe alle fünf Tore geschossen. Das war mein Start bei Rot-Weiss Essen. Dann habe ich zwei Jahre B-Jugend gespielt und zwei Jahre A-Jugend. Im letzten halben Jahr in der A-Jugend habe ich aber schon bei der ersten Mannschaft mittrainiert und ab und zu auch dort gespielt. Wir waren ne starke Truppe mit Dietmar Klinger und Jürgen Kaminski. Erst im Finale um die Deutsche Meisterschaft haben wir 5:1 gegen Schalke verloren. Da waren 25.000 Zuschauer – bei einem A-Jugend-Finale.

Sie waren in Essen schon in der A-Jugend Publikumsliebling. Wie kam es dazu?

Ich glaube, das lag an meiner Spielweise. Du hast ja schon Bonuspunkte, wenn du klein bist. Dann kam hinzu, dass ich zwar nicht immer gut gespielt, aber gekämpft habe. Darum konnte ich bestimmt auch noch drei Jahre weiterspielen, als andere längst aufgehört hätten. Aber das Publikum hat mich dann immer getragen. Auch in Dortmund zum Schluss. Wenn es nicht lief, dann kamen die Rufe: „Frankie, Frankie!“ In der Kneipe haben sie mir auch erzählt: "Du spielst manchmal richtigen Scheiß. Aber wir haben dich immer gemocht, weil du gekämpft hast.“

Ist das die Ruhrpottmentalität?

Ja, die Fans haben dir viel verziehen, wenn du gekämpft hast. Arroganz konnten die überhaupt nicht leiden. Wenn da 100 Kinder und ein paar Rentner stehen, solltest du da immer hingehen. Auch wenn du keine Lust hast, was ja menschlich ist. Aber wenn du erst als arrogant abgestempelt bist, ist es vorbei.

RWE hat eine große Stürmer-Tradition mit Helmut Rahn, Ente Lippens, Manni Burgsmüller, Horst Hrubesch, Jürgen Wegmann, Ihnen und anderen. Hat der Verein die offensive Spielweise besonders gefördert?

Frank Mill im Trikot von Rot-Weiss Essen (1979).

Das mit den Namen stimmt. Die hatten wirklich viele gute Stürmer. Das alte RWE-Stadion mit der Westkurve, das hat dich schon animiert, immer noch ein bisschen mehr zu geben. Ich war im Prinzip aber auch der letzte in dieser Reihe.

Wie ging es weiter?

Ich habe fünf Jahre in der zweiten Liga gespielt, bis ich 23 war. Dann haben mich die Essener nach Mönchengladbach verkauft, für etwas über eine Million Mark. Das war sehr viel. Die fünf Jahre waren sehr erfolgreich, und ich hatte auch eine sehr gute Torquote. Ungefähr ein Tor pro Spiel. In einer Saison habe ich nur 28 Spiele gemacht und 40 Tore geschossen. Leider habe ich den langen Hrubesch nicht knacken können. Der hatte eine Saison vorher 41 Tore geschossen.

Wie kamen Sie nach Mönchengladbach?

Jupp Heynckes kam zu mir nach Heisingen und fragte mich, ob ich kommen wolle. Ich hatte damals auch Angebote von Schalke und Bayer Leverkusen. Aber wenn du 23 bist und die großen Gladbacher Heynckes, Jensen und Simonsen kennst, den Hurra-Fußball, den die gespielt hatten... Da bin ich dorthin gegangen. Da habe ich auch fünf Jahre gespielt. Das war ne sehr schöne Zeit. Also, nicht da zu leben. Die Leute waren schon anders als wir.

In wie weit?

Die haben eine andere Art. Hier sagen sie dir, ob du in Ordnung oder ein Arsch bis. In Gladbach sagen sie: „Du bis nett.“ Dann gehst du aus der Tür und sie quatschen doof über dich. Aber gespielt habe ich da gerne.

Wie war die Atmosphäre am Bökelberg mit den steilen Rängen?

Das war toll. Wenn wir da Europapokal gespielt haben, das war klasse. Da gab’s auch schon Manolo den Trommler.

Wären Sie gerne länger in Gladbach geblieben?

Info
Frank Mill

Frank Mill wurde am 23. Juli 1958 in Essen geboren und blieb dem Westen immer treu. Seine Karriere begann der Stürmer im Alter von sechs Jahren bei Eintracht Essen.

Stationen als Vereinsspieler Eintracht Essen (1964-76)Rot-Weiß Essen (1976-81)Bor. Mönchengladbach (1981-86)Fortuna Düsseldorf (1994-96)Borussia Dortmund (1986-94)

387 Bundesliga Spiele / 123 Tore156 2. Bundesliga Spiele / 86 Tore

17A-Länderspiele / 0 Tore

Erfolge:Weltmeister 1990 mit Deutschland (0 Einsätze)Bronze-Medaille bei den Olympischen Spielen 1988Deutscher Pokalsieger 1989 mit Borussia Dortmund

Ja, gerne. Aber das ging nicht. Mein Mentor Jupp Heynckes war plötzlich gegen mich. Da gab es ein Spiel gegen Real Madrid im UEFA-Pokal. Da haben wir das Hinspiel in Düsseldorf 5:1 gewonnen. Sensationelles Spiel. Das Rückspiel haben wir 4:0 verloren. Da gab es eine Szene beim Stand von 2:0. Ich bin alleine auf den Torwart zu gelaufen und da kamen zwei Verteidiger. Die holten schon aus und ich musste schießen. Der Ball ging an den Außenpfosten. Da hat Heynckes mir die Niederlage in die Schuhe geschoben. Das ging dann noch drei Monate so. Danach bekam ich dann ein neues Angebot, das war natürlich lächerlich. Das war, als würdest du erst 20 Mark verdienen und dann wollen sie dir noch sechs Mark zahlen. Das stand in keinem Verhältnis. Gleichzeitig kam das Angebot von Dortmund. Als ich ein halbes Jahr in Dortmund gespielt hatte, wollte Gladbach mich zurück kaufen. Für das doppelte Geld. Aber da hatte ich schon elf oder 13 Tore für Dortmund geschossen. Das war die Zeit mit Norbert Dickel.

Hatten sie schon vor den Relegationsspielen in Dortmund unterschrieben?

Ja, aber der galt nur für die Bundesliga. Die Dortmunder hatten ja nur um Sekunden den Klassenerhalt geschafft. Das erste Spiel hatten die 2:0 verloren, das zweite 3:1 gewonnen und dann 8:0 im Entscheidungsspiel gewonnen. Wir sind dann sofort im ersten Jahr Vierter geworden. Die Dortmunder wären ja bescheuert gewesen, wenn sie mich hätten gehen lassen. Außerdem wollte ich auch nicht mehr.

Mit welcher Erwartung sind Sie nach Dortmund gegangen?

Ich wollte natürlich was erreichen. Reinhard Saftig war Trainer, das war ein bisschen schwierig. Nach zwei Jahren wurde ich Kapitän. Das hat ihm nicht so gefallen und er wollte mich absetzen. Das ging hin und her, und der Niebaum hat immer gesagt, dass alles bleibt, wie es ist. In der Vorbereitung für die Saison 1988/89 stand Saftig dann – wir wollten ins Trainingslager – auf, ging zu Niebaum, stritt sich mit ihm und ging zum Telefon. Dann kam er zur Mannschaft, verabschiedete sich und ließ sich nach Hause fahren. Wir sind ohne Trainer ins Trainingslager gefahren. Der einzige, der da war, war Köppel, das war der schlechteste Trainer aller Zeiten. Und der hat mit uns den Pokal gewonnen! Der war bei der Mannschaft schnell unten durch.

Wie hat die Mannschaft darauf reagiert, dass plötzlich der Trainer weg war?

Klar, haben wir darüber gesprochen. Wenn einer abhaut und sich von seiner Frau abholen lässt, dann bleibt da nicht viel Positives für ihn übrig.

Saftig war ja beim Dortmunder Publikum sehr beliebt.

Ja, aber ich war ihm einfach zu stark. Deswegen hat er das gemacht. Er wollte Michel Zorc als Kapitän haben. Dafür konnte der Zorci ja nichts. Der war ein ganz anderer Typ. Ich war aufbrausend, habe mich mit allen angelegt. Das mochten die Zuschauer übrigens auch. Wenn einer gefoult wird und du gestikulierst da rum, kommt das gut an.

Wie haben Sie den Umbruch in Dortmund miterlebt? Sie kamen zu einem Fastabsteiger und nach und nach wurde die Mannschaft verstärkt.

Nach der Relegation kamen acht neue Spieler. Trotzdem spürten alle diesen Ruck nach den Relegationsspielen. Dass die auf Anhieb so gut miteinander funktionierten, hatte keiner gedacht. Helmer kam irgendwann, Möller, Rummenigge. Die haben sich alle mächtig ins Zeug gelegt.

Welche Erinnerungen haben Sie an die UEFA-Cup-Spiele mit Dortmund?

Das war natürlich klasse. Im Westfalenstadion waren 54.000 Zuschauer, wir hatten bei Celtic Glasgow 2:1 verloren. Ich hatte das Tor gemacht. Dann gewinnen wir 2:0 zu Hause. Das war toll.

Bis zum Spiel in Brügge. Das Hinspiel hatte Dortmund furios 3:0 gewonnen.

Da haben wir 5:0 in Brügge verloren. Es stand schnell 2:0. In der zweiten Halbzeit gab es einen Elfmeter, dann Verlängerung, noch ein Elfmeter, und dann kommst du nicht mehr zurück. Wir haben auch sehr schlecht gespielt.

Möller und Rummenigge waren die ersten richtig teuren Spieler die nach Dortmund kamen.

Ja, da wurde viel Geld ausgegeben, aber das verspricht nicht unbedingt Klasse. Andy Möller hatte Raducanu auf die Bank verdrängt. Das war ein toller Spieler. Der hat nach rechts geguckt und nach links gespielt. Der konnte Schnörkel spielen, das war ein Klassetyp. Das konnte Andy auch, nur in Höchsttempo. Der Unterschied war nur: Mit Andy konntest du keinen Krieg gewinnen. Wenn es gut lief, dann war alles wunderbar. Aber wehe, du lagst mal zurück. Dann musstest du dem stundenlang in den Hintern treten.

Was haben Sie gedacht, als Andy Möller sich vor die Südtribüne stellte und versprach, in Dortmund zu bleiben?

Ich stehe nicht auf so große Gesten. Das war beim Norbert Dickel schon so. jedes Mal, wenn der ein Tor gemacht hat, dann lief der zur Südtribüne und rüttelte da am Gatter. Da habe ich ein Hörnchen gekriegt. Andy war genau so. Der hat immer die große Bühne gesucht. Der wusste, dass die Leute ihm danach auf die Schulter klopfen.

Wussten Sie, dass er trotz seines Treueschwurs nicht vor hatte in Dortmund zu bleiben?

Nein. Wir wussten nie was. Du hat immer erst dann etwas gewusst, wenn es in der Zeitung stand. Ach, Andy... Super Fußballer. Komischerweise hat der ganz viele Titel gewonnen. So viele hat kaum ein anderer. Er ist ein netter Kerl. Guter Golfspieler. Hat der noch seinen Manager Klaus Gerster?

Den schwarzen Abt?

Ja, den habe ich weggeekelt. Den Namen hat er auch von mir.

Das Interview führten Stefan Reinke und David Nienhaus.

Lesen Sie im zweiten Teil: Frank Mill über Ottmar Hitzfeld, seine Zeit bei Fortuna Düsseldorf, die Nationalmannschaft und eine Szene, die ihn sein Leben lang verfolgt.

Stefan Reinke und David Nienhaus

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Kommentare
05.08.2008
23:38
Streitbarer Publikumsliebling
von R.Mühlbrod | #18

einer der ganz grossen,
grosse ehrliche schauze aber mit recht !am richtigen fuss, habe ihn auch noch erleben dürfen.
ich sag immer so wie der Mlll, früher hatten die nix anderes, die haben aus spass fussball gespielt. heute geht doch nur noch ums geld und nach der frage wo verdien ich am meisten?
solche leute wie der mill die fehlen heute
ist jedenfalls meine meinung

Schwatter hals und gelbe zähne, so wurd ich erzogen von meinem Herrn, und ,...
danke Papa, das ich kein sch...........geworden bin

20.07.2008
13:54
Streitbarer Publikumsliebling
von bussard5 | #17

Klasse das Interview was ich leider jetzt erst gelesen habe. Endlich hat man mal wieder was von einem Superfussballer gelesen der sicherlich in Dortmund gemeinsam mit Manni Burgsmüller und Stephane Chapuisat einer der grössten bei der Borussia gewesen ist. Danke Frankie für die tolle Zeit und bleib gesund.

19.05.2008
09:39
Streitbarer Publikumsliebling
von nur der RWE | #16

Wann immer, für wen auch immer, wie auch immer.
Frank Mill hat in jedem Verein etwas verkörpert, was im Fußball nur selten geboren wird und sich CHARAKTER nennt.
Dafür danke ich dem Fußball Gott.

02.05.2008
23:32
Streitbarer Publikumsliebling
von Thorsten | #15

Tja Frankie, mein ewiger Held! Was würde ich geben, so einen Spieler in der jetzigen Elf haben zu können. Aber wahrscheinlich würde er derzeit ordentlich Stunk anzetteln, weil vieles so besch.... läuft. Frankie war und ist für mich der Stürmer des BVB überhaupt. Hose aus´m Trikot, Stutzen runter und quirrlig von der Seite in den Strafraum schwalben. Er hat mehr Borussia verkörpert, als die derzeitige Elf. Sorry, aber Frankie war einer, der sich immer voll reingehauen hat und es freut mich, dass er sagt, dass er Fußball niemals intensiver erlebt hat als in Dortmund! Danke!

25.12.2007
14:13
Streitbarer Publikumsliebling
von Peter Volkmer | #14

Ja , das ist Frankie, bin sehr stolz darauf ihn persönlich kennen gelernt zu haben !! Bleib so Frankie !
P.s. rauchst du immer noch die Rote Pfote??
Guten Rutsch ins neue jahr 2008!!

04.12.2007
14:28
Streitbarer Publikumsliebling
von Manni | #13

Ich hab mich voll abgerollt, als ich das Interview las... ungefiltert ! :-)
Schade, warum macht Franky jetzt nichts mehr im bezahlten Fussball ?

01.12.2007
18:18
Streitbarer Publikumsliebling
von fritzeflink | #12

Ja nee iss klar...die richtige Borussia kommt aus Dortmund *lachmichweg*
Sympathisch, aber auch ein wenig besserwesserhaft. Soll er doch mal den Trainer machen :-)

30.11.2007
17:12
Streitbarer Publikumsliebling
von EasyAmerica | #11

Prima! Ich bin gespannt, ob ihr ihn auch auf seinen Münchener Pfostenschuss ansprechen durftet, der noch heute in allen Kuriositäten-Sammlungen zu sehen ist.

30.11.2007
06:59
Streitbarer Publikumsliebling
von Sven | #10

Super Interview, schoene Gruesse von einem SGE-Fan aus Seattle

28.11.2007
18:25
Streitbarer Publikumsliebling
von schnapper1918 | #9

Ein Essener Junge eben!Fussball,Familie und Firma.Wo gibt es sowas noch?Ich selbst als Essener Fussballer habe ihn immer beobachtet.Am liebsten bei RWE und BMG.
Bleib so wie du bist Frankie!!!

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