Musterprofi und Führungsfigur - Mit Kehl geht ein Großer

Sebastian Kehl hinterlässt beim BVB eine große Lücke - in mehrfacher Hinsicht.
Sebastian Kehl hinterlässt beim BVB eine große Lücke - in mehrfacher Hinsicht.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der langjährige BVB-Kapitän Sebastian Kehl verabschiedet sich nach über 13 Jahren aus Dortmund. Er reißt nicht nur im Kader eine Lücke. Ein Kommentar.

Dortmund.. Dass dieser Moment lang im Voraus terminiert war, dass er in den letzten Wochen und Monaten hundertfach besprochen wurde, machte ihn nicht weniger emotional. Gegen 15.14 Uhr am Samstag hieß es für Sebastian Kehl Abschied nehmen von seinem Stadion. Schon rund zehn Minuten vorher war es richtig laut geworden, als “Kehli” den Platz betrat. “Auf Bayerns Handgeld verzichtet, 13 Jahre hinten alles gerichtet. Danke Kehl!”, war auf der Südtribüne zu lesen. Ein kurzer Applaus in die Runde, aufwärmen, alles ganz normal. Bis 15.14 Uhr.

BVB In der einen Hand den gelben Blumenstrauß, die andere Hand noch bei der Umarmung von Sportdirektor Michael Zorc, forderte Stadionsprecher Norbert Dickel den Signal Iduna Park zum Abschiedsgruß auf. Und der lieferte. So sehr, dass der immer fokussierte Sebastian Kehl ganz kurz aus der Rolle fiel, schlucken musste beim Winken in die Menge.

Kehl ist beim BVB zur Identifikationsfigur geworden

Kehl geht nach über 13 Jahren, nach 273 Bundesligaspielen in Schwarz-Gelb, von denen er einen großen Teil als Dortmunder Kapitän bestritt, nach drei Meisterschaften, nach etlichen Spielen in der Leader-Rolle, nach etlichen Spielen, denen er seinen Stempel aufdrückte. Dank Zweikampfstärke, dank Laufbereitschaft, dank Spielverständnis, die ihn zum 31-fachen Nationalspieler werden und unter anderem das Sommermärchen 2006 mitschreiben ließen. Und bei alledem wäre es als Borusse doch arg verkürzt, nur die Lücke zu betrauern, die Kehl in den Kader von Borussia Dortmund reißt.

Vorbericht Kehl ist in Dortmund längst zur Identifikationsfigur geworden. 2002 war der damalige Freiburger heiß begehrt in der Bundesliga. Am Ende entschied er sich gegen den FC Bayern und für die Borussia. Nach seinem ersten Halbjahr beim BVB feierte er im Mai 2002 direkt die Meisterschaft. Ein teuer erkaufter Titel der Rosickys, Kollers, Amorosos, deren Engagement den Klub wenig später an den Rande der Existenz brachte. Kehl stellte sich. Als sich die Fast-Pleite abzeichnete und Protz-Präsident Gerd Niebaum zurücktrat, stand Kehl am Stadionzaun - und blanker Wut der Fans gegenüber. Mit Megafon. Als 24-Jähriger. Als in den Jahren nach dem Beinahe-Bankrott die Rosickys, Kollers, Amorosos das Weite suchten, war Kehl immer noch da. Und es ging bergauf.

Kehl ist noch immer einer der Laufstärksten beim BVB

Ein Auf und Ab und Auf, das sich auch durch Kehls individuelle Karriere zog. Nach dem rüden Foul von Hasan Salihamidžić am ersten Spieltag der Saison 2006/07 kam er lange nicht auf die Beine. Immer wieder setzten ihn Verletzungen außer Gefecht. Eine Misere, die ihm auch einen großen Teil der Meistersaison 2010/2011 kostete. Auch vom Karriereende war in diesen Jahren die Rede. Aber Kehl kam immer wieder zurück. Die Double-Saison 2011/2012, sie war wieder eine seiner ganz starken. Dass es am Ende gerne etwas mehr als die letztlich 314 Bundesligapartien hätten sein dürfen, daraus machte Dortmunds Nummer fünf kein Geheimnis. Aber langes Bedauern sei nicht sein Ding. Aufstehen, weitermachen. Das mögen sie im Fußball-Westen.

Abschied Dass Kehl so oft den Weg zurück fand, liegt nicht unwesentlich daran, dass sein Lebensstil seinem Credo auf dem Platz gleich kommt: voller Einsatz bis zum Ziel. Noch in den letzten Wochen seiner Karriere führt Kehl, als mittlerweile 35-Jähriger, in aller Regelmäßigkeit die Dortmunder Statistik der Laufstärksten an. Fitness, die Jürgen Klopp mehr als einmal zum Anlass nahm, zumindest schmunzelnd den Zeitpunkt des Karriereendes infrage zu stellen.

Kehl lädt seine Teamkollegen zur Abschiedsfeier

Kehl, der Musterprofi, der wohl mit ungebrochener Leidenschaft für sein letztes Ziel kämpfen wird. "Dass die Saison am Ende noch so ein Drehbuch für mich schreibt mit einem tollen Finale in Berlin - schöner kann man Abschied nicht feiern", sagte er unlängst. Ein Sieg über Wolfsburg - es wäre die perfekte Klammer um Kehls Karriere. Gehen, wie er gekommen war - mit einem Titel.

Kehl Am Abend nach seinem letzten Bundesligaspiel hat Kehl zu einer Abschiedsfeier geladen. “Wer den Pokal gewinnen will, kann am Samstagabend nicht saufen”, sagte Trainer Jürgen Klopp über diese Party. Um gleich hinterherzuschicken: “Ich werde aber nicht die Getränkepolizei vorbeischicken.” Er weiß nur zu gut, dass es unnötig wäre bei seinem Musterprofi. Und erst Recht bei einem Musterprofi, der noch sein Drehbuch noch mit einem Happy End versehen will.