Mit Udo Lattek in Dortmund und im Doppelpass

Udo Lattek im April 2000 bei seinem zweiten Engagement in Dortmund. Der BVB konnte damals den Abstieg vermeiden.
Udo Lattek im April 2000 bei seinem zweiten Engagement in Dortmund. Der BVB konnte damals den Abstieg vermeiden.
Foto: Bongarts/Getty Images
Was wir bereits wissen
Den BVB rettete Udo Lattek einst vor dem Abstieg. Im TV-Doppelpass stand er immer für klare Kante. Ein paar persönliche Erinnerungen.

Dortmund/München.. Die erste „greifbare Begegnung“ mit Udo Lattek hatte ich im Sommer 2005. Ich war gerade in die Dresdener Straße nach Dortmund gezogen. Ein Rentner, der tagsüber gerne mit Krückstock die Straße rauf und runter wackelte, sprach mich am Briefkasten an. Wir landeten schnell, wie in Dortmund nicht anders zu erwarten, beim Fußball. „Wussten Sie, dass Udo Lattek hier in unserer Dresdener Straße gewohnt hat? Der Lattek, der den BVB gerettet hat.“ Der alte Herr redete weiter: „Jens Lehmann hat hier auch gewohnt. Wobei es eigentlich die Freundin von Jens Lehmann war“, erinnerte er sich. Ich nickte. Und dachte: Jens Lehmann hat aber nicht Borussia Dortmund gerettet. Udo Lattek schon.

Als fußballbegeistertes Kind der 1970er-Jahre und als fußballinteressierter Jugendlicher der 1980er-Jahre kannte ich Udo Lattek aus der Zeitung und aus dem Fernsehen. So, wie man glaubt, jemanden zu kennen, weil man ihn immer wieder bei wichtigen Ereignissen auf Fotos in der Zeitung sieht und er mit Mikrofon in der Hand aus dem Fernseher grüßt. Auch von der ersten Ausgabe der Sport-Bild, die es 1988 für 30 Pfennig gab, lächelte mir Udo Lattek entgegen. Als Trainer hat er lange Jahre für Vereine gearbeitet, die mich nicht unbedingt begeistert haben. Aber die am Ende der Saison Titel und Trophäen bejubeln konnten.

"Herr Lattek? Ich bin Udo."

2009 durfte ich meinen vermeintlichen Nachbarn aus Dortmund dann persönlich kennenlernen. Ich war das erste Mal im Doppelpass, saß in der Runde am Fußball-Stammtisch. Der lief damals im DSF, hatte einen Biersponsor im Namen und lustige Salonmusik in den Werbepausen. Als ich vor der Sendung ziemlich nervös in den kleinen Vorbereitungsraum mit den anderen Gäste kam, saß dort Udo Lattek und mokierte sich gerade über einen Torwartfehler vom Vortag. Ich hörte zu und stellte mich, in einer kurzen Redepause, höflich und respektvoll vor: „Hallo, Herr Lattek. Ich bin Thorsten Schabelon von der WAZ.“ Er schaute sich um: „Herr Lattek? Ich bin Udo. Hallo.“

In der Sendung hatte ich den roten Sessel direkt neben der Trainer-Legende. Und dem alten Hasen gelang es, dem jungen Mann von nebenan bei dessen TV-Premiere die Nervosität zu nehmen. Denn beim Doppelpass steht der Zeitungsjournalist in einem Rampenlicht, das er aus der Mixed-Zone, Pressekonferenzen und dem heimeligen Redaktionsraum nicht kennt. Da kann man einen Satz nicht sieben Mal umformulieren.

In den Werbepausen drehte Udo Lattek seinen Kopf immer wieder zu mir rüber, legte seine Hand auf meine und sagte väterlich bis großväterlich: „Machst du gut“ oder „Richtig erkannt“. Das beruhigte mich. Ins Wort fiel er mir anschließend trotzdem, wenn ihm etwas nicht passte, was ich sagte. Gerne mit Hinweis auf viele, viele Kabinenerlebnisse beim FC Bayern München oder dem FC Barcelona. So war Udo Lattek.

Legendäre Begebenheit um einen offenen Hosenlatz

Trauer Legendär ist eine Begebenheit, die mir Philipp Köster mal erzählte. Der Chefredakteur des 11-Freunde-Magazins saß auch in seinem ersten Doppelpass neben Udo Lattek, der wiederum mit dem 11-Freunde-Magazin nicht so viel anfangen konnte. Sekunden vor Sendebeginn beugte sich Lattek zu Köster rüber und sagte: „Philipp, einer von uns beiden hat den Hosenlatz auf. Ich bin es nicht.“ Hektik kam auf.

Udo Lattek und ich sahen uns mehrmals in München bei Sport1 wieder. Beim traditionellen Weißwurst-Essen in geselliger Runde nach der Sendung fragte er gerne nach Dortmund und dem BVB. „Was macht Gerd?“, wollte er immer wissen und schmunzelte über die Gehaltsverhandlungen mit Präsident Niebaum im Jahr 2000. Da hatte Lattek beim krisengeschüttelten BVB für sein einmonatiges Intermezzo neben einer sechsstelligen Summe auch noch einen Mercedes rausgeschlagen. „So einen Wagen hätte ich auch gerne“, sagte Lattek damals und zeigte auf Niebaums Limousine. „Bekommst du“, antworte Niebaum zähneknirschend. Parken konnte Udo Lattek den Wagen nicht mehr in unserer Dresdener Straße. Die Lieferzeit war zu lang. Nach einem Monat in Dortmund und dem Klassenerhalt für den BVB war er wieder weg.