Die Angst vor dem Abstieg ist spürbar beim BVB

Der BVB kann die Krise nur schwer erkären.
Der BVB kann die Krise nur schwer erkären.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Der BVB übewintert auf einem Abstiegsplatz. Trainer Jürgen Klopp setzt alles auf die Vorbereitung. Die Ratlosigkeit ist dem Trainer anzumerken.

Bremen.. Jede Zeit schreibt ihre Geschichten. An dem Sommertag des Jahres 1968, an dem der große Zampano Max Merkel und seine Spieler Ludwig Müller, Franz Brungs und Hansi Küppers mit dem 1. FC Nürnberg Deutscher Meister werden, scheint die Sonne, und der Himmel über Nürnberg hängt voller Geigen. Danach geht die Geschichte ungefähr so: Luggi Müller eröffnet Modegeschäfte und posiert als sein eigener Dressman. Goldköpfchen Franz Brungs und der Essener Hansi Küppers machen in Immobilien, andere Spieler werben für Schokoriegel, und Merkel baut seine Meistermannschaft völlig um. Im Sommer 1969 spielt der Club am letzten Spieltag in Köln. Es regnet, als der Deutsche Meister verliert und aus der Fußball-Bundesliga absteigt.

Nürnberg schwebt über dem BVB

Es regnet auch mehr als vier Jahrzehnte später an diesem Wintertag in Bremen, als Borussia Dortmund aufläuft. Am Ende ist der Tag verhagelt. 1:2 beim SV Werder verloren, die zehnte Niederlage in nur einer Halbserie kassiert: Als eine wieder mal geschlagene Dortmunder Mannschaft zurück ins Revier fährt, schwebt ein Hauch von Nürnberg über ihr.

Bundesliga Sollte etwa? Könnte es sein?

Noch ist es nicht soweit, Borussia Dortmund ist Vizemeister, nicht Meister, die Saison ist auch nicht abgepfiffen, es ist Halbzeitpause. Aber dieser Sturz auf den vorletzten Platz? Ein Team, das vor fünf Monaten jeder zur deutschen, zur europäischen Spitze gerechnet hatte, überwintert als Tabellenvorletzter? Alle suchen Erklärungen. Aber am Ende steht Borussia Ratlos.

Die Dortmunder Krise hat ein Gesicht

Dortmunds Krise hat ein Gesicht. Es ist das von Jürgen Klopp, und der Trainer sieht angegriffen und abgespannt aus, als er in Bremen nach dem 1:2 erklären soll, was da passiert ist – in der Hinrunde und in den 90 Minuten im Weser-Stadion, in denen der BVB sich mit seinem nominell viel besseren Team von leidenschaftlicheren Bremern hat schlagen lassen.

Klopp stellt sich, im Gegensatz zu den meisten seiner Spielern, und er setzt in Bremen zu einer langen Kampfansage an. Gegen die Abstiegsangst, die spätestens mit diesem Hinrundenabschluss wie ein Gift durch Dortmund schleicht. Gegen die Vermutungen, er, Klopp, könne von sich aus die Lust verlieren. Deshalb spricht er lang und breit über die Winterpause, über die sechs Wochen, die er hat, um das Team wieder aufzubauen. „Über meine Herangehensweise an die Rückrunde bin ich mir schon lange komplett im Klaren“, sagt Klopp, und zusammengefasst liest sich seine These so: Dem BVB fehlen wegen der kurzen Sommervorbereitung und den vielen Verletzungen die körperlichen Voraussetzungen, es fehlen Automatismen und Stabilität, vor allem Stabilität. Das alles soll im Winter aufgearbeitet werden. Und dann . . .

Bundesliga Ja dann? „Wir werden ein gnadenloser Jäger sein“, sagt Klopp, „wir werden ein viel unangenehmerer Gegner sein, es wird viel schwerer, uns zu schlagen.“ Bei einem Blick auf die Tabelle ist es tatsächlich so, dass die Liga dem BVB noch viele Möglichkeiten lässt, theoretisch bis in die Spitzenplätze hinein.

Aber glaubt das noch jemand? Glaubt Klopp noch daran? „Das Rennen ist nicht vorbei“, sagt der Coach, „Stand heute: Katastrophe. Aber es geht trotzdem weiter.“ Und dann folgt der Satz, der zeigt, dass zumindest Klopp begriffen hat, worum es in dieser Saison nur noch gehen muss: „Wir haben die beschissenste Vorrunde unseres Lebens gespielt und sind trotzdem nur drei, vier Punkte weg von Plätzen, die für uns komplett in Ordnung wären.“ Drei, vier Punkte: Das ist Mittelfeld. Das ist SC Paderborn.

Jürgen Klopp spricht noch lang und viel in Bremen. Er redet an gegen die Fragen, die kommen. Ob sich das Elend wirklich darauf reduzieren ist: schwierige Vorbereitung, körperliche Defizite, Verletzungspech, Mannschaftsumbau, mangelnde Stabilität, absurdes Pech. Er redet an gegen die Zweifel, die der Auftritt seines Teams in Bremen geschürt hat: Die Mannschaft hatte am Ende 68 Prozent Ballbesitz, sie war dominant, sie stand hoch mit offensiven Außenverteidigern – und das alles sah aus, als wolle der BVB wie in besten Tagen bei Ballverlusten früh pressen.

Panikkäufe Werder macht es vor

Aber nichts davon funktioniert. Vielleicht, weil sich mit dem Abgang Robert Lewandowskis die ganze Statik verschoben hat. Vielleicht kann es im Abstiegskampf so nicht funktionieren. Geht Abstiegskampf nicht wie von Werder gezeigt? Tief stehen, dicht machen, lange Bälle auf schnelle Spitzen schlagen. Und natürlich: rennen, kämpfen, grätschen. „Mit einer vermeintlichen Spitzenmannschaft im Abstiegskampf zu stecken, ist mit Sicherheit an Herausforderung kaum zu überbieten“, sagt Jürgen Klopp dazu.

Noch kann alles gut werden. Dortmund glaubt. Auch noch an Klopp. Aber er hat Angst vor dem großen Abgrund, der viele verschlungen hat. Wer tief hinunter blickt, entdeckt irgendwo am Boden sogar die Nürnberger von 1969.