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Taktikduell

BVB-Trainer Tuchel überrascht mit Fünferkette und Durm

06.03.2016 | 16:57 Uhr
BVB-Trainer Tuchel überrascht mit Fünferkette und Durm
BVB-Trainer Thomas TuchelFoto: Christopher Neundorf / firo Sportphoto

Dortmund.  Das Topspiel zwischen dem BVB und Bayern hatte trotz des Ergebnisses von 0:0 einiges zu bieten - nicht nur fußballerisch, sondern auch taktisch.

Thomas Tuchel gab schon eine Stunde vor Anpfiff Rätsel auf: 60 Minuten vor Anpfiff des Spitzenspiels gegen Bayern München verbreitete Borussia Dortmund die Aufstellung. Und nun fragten sich nicht nur die anwesenden Sportjournalisten, wo sie denn Erik Durm einzusortieren hätten.

Die Antwort kam mit dem Anpfiff: Durm ging auf die rechte Seite und nahm Bayerns Linksaußen Douglas Costa in Manndeckung. So war es meist eine Fünferkette, mit der die Dortmunder die Münchner Angriffe in Empfang nahmen. Zu Beginn wirkte diese Formation nicht immer hinreichend abgestimmt, nach schnellen Seitenwechseln hatte Costa trotz theoretisch enger Bewachung mehrfach viel Platz zum Flanken.

Spielbericht
0:0 - BVB verpasst gegen Bayern Chance, Boden gutzumachen
0:0 - BVB verpasst gegen Bayern Chance, Boden gutzumachen

Adrian Ramos hätte seine perfekte Woche krönen können: Es lief die 88. Spielminute, der Stürmer von Borussia Dortmund erwischte am langen Pfosten eine Flanke von Pierre-Emerick Aubameyang – köpfte den Ball aber aus fünf Metern neben das Tor und versäumte es so, seine Mannschaft im dritten Spiel in Folge in Führung zu schießen. Wenig später pfiff Schiedsrichter Tobias Stieler die Partie beim Stand von 0:0 ab und nun war 22 Spielern anzusehen und den 81.351 Zuschauern anzuhören,, dass sie nicht nicht so recht wussten, ob sie sich freuen oder ärgern sollten: Denn beide Teams hatten gute Möglichkeiten gehabt, die zu einem Sieg hätten führen können, diese aber nicht genutzt – so blieb es beim torlosen Unentschieden, das dem BVB zwar aufgrund des Spielverlaufs stärker schmeichelte, aber dem Tabellenführer aus München besser gelegen kam: Der Vorsprung auf den Verfolger aus dem Ruhrgebiet beträgt weiter fünf Punkte.

BVB-Trainer Thomas Tuchel Hatte schon zum Anpfiff mit einer Überraschung aufgewartet: Erik Durm stand in der Startaufstellung und gab einen klassischen Manndecker für Bayerns Linkssaußen Douglas Costa. So sollten die Kreise des brasilianischen Tempodribblers eingeengt werden, was anfangs nicht wirklich gelang. Nach fünf Minuten etwa hatte Costa zu viel Platz auf der linken Seite, flankte scharf nach innen, wo Torwart Roman Bürki den Ball genau auf Thomas Müller faustete. Doch der Nationalspieler nahm die Einladung nicht an und schoss den Ball über das Tor.

Wenige Augenblicke später leistete sich Bürki den nächsten Aussetzer und vertändelte den Ball fast gegen Robert Lewandowski. Dann war es wieder Costa, der von rechts nach innen zog, von Durm, Erik Piszczek und Henrikh Mkhitaryan nicht gebremst werden konnte und von der Strafraumgrenzen über das Tor schoss (10.). „Es wird Phasen geben, da werden wir leiden“, hatte Tuchel angekündigt, und genau das bewahrheitete sich.

Costa scheitert an Bürki

Aber der BVB-Trainer hatte auch angekündigt: Wenn wir mutig sind, wenn wir ruhig bleiben, wenn wir frei spielen, können wir es schaffen, dass wir Phasen haben, in denen die Bayern leiden.“ Dafür hätte Marco Reus schon früh sorgen können, doch der BVB-Offensivspieler zögerte bei einem Konter in Überzahl zu lange, sodass sein Schuss schließlich geblockt wurde (4.). Und nach elf Minuten konnte Aubameyang endlich einmal in ein Laufduell mit dem jungen Joshua Kimmich geschickt werden, dass er erwartungsgemäß gewann – doch der Bayern-Verteidiger drängte den Stürmer so weit nach außen ab, dass dessen Schuss von Neuer problemlos gehalten werden konnte (11.).

Chancen hatten weiterhin beide Mannschaften: Eine Flanke von Costa schoss Arturo Vidal über das Tor (18.), Durm schoss aus zehn Metern knapp vorbei (20.) und Reus brachte den Ball nicht unter Kontrolle, als ihn Aubameyang von außen freispielte – Xabi Alonso konnte in höchster Not klären (27.).

Nach und nach übernahm nun Bayern die Kontrolle, drängte den BVB weiter nach hinten. Die größte Chance allerdings kam nach einer Dortmunder Ecke: Robben und Costa liefen plötzlich frei auf Durm zu, der Niederländer spielte den Brasilianer mustergültig frei – doch der scheiterte am gut herauslaufenden Bürki (28.). Der Tabellenführer blieb gefährlich, der Verfolger vergab einige gute Kontergelegenheiten schon im Ansatz mit unpräzisen Pässen, ließ zudem in einigen aussichtsreichen Situationen den Mut zum Risiko vermissen und spielte lieber zurück, als den Steilpass zu versuchen. So ging es torlos in die Pause.

Ramos lässt dicke Chance ungenutzt

Die erste Gelgenheit im zweiten Durchgang hatte der BVB: Gündogan löffelte den Ball über die Abwehr, Aubameyang brachte die Fußspitze dran, doch Neuer konnte per Fußabwehr klären (51.). Dann sorgte wieder Bürki mit einem Abwurf auf Lahm für Gefahr vor dem eigenen Tor, doch Vidal köpfte Müllers Flanke am lange Pfosten vorbei (55.). Kurz darauf schickte Alonso Robben in Richtung BVB-Tor, doch der schoss von der Strafraumgrenze drüber (59.). Und dann war es ausgerechnet. Bürki, der mit einer Glanztat den Rückstand verhinderte: Vidal zog im Strafraum ab, doch der Arm des BVB-Torhüters zuckte blitzschnell nach oben und lenkte den Ball an die Latte (65.).

Der BVB hatte schaffte nun seltener Entlastung, Aubameyang etwa schoss nach Kopfball-Ablage von Reus aus elf Metern knapp vorbei (66.). Gefährlicher aber blieben die Bayern: Weigl verlor im eigenen Strafraum den Ball an Costa, doch Robben jagte dessen Querpass deutlich über das Tor (72.).

Bayern-Trainer Guardiola versuchte, den ersten Impuls zu setzen, brachte Franck Ribery für den im zweiten Durchgang unauffälligeren Costa (75.). Immer erbarmungsloser wurde nun das Ballbesitzspiel der Bayern, Dortmund wurde mehr und mehr zu langen Bällen gezwungen. Tuchel reagierte und wechselte Ramos für den weitestgehend glücklosen Reus ein (81.). Weil der aber seine dicke Chance kurz vor Schluss nicht nutzte, blieb es beim 0:0.

Mit seiner Fünferkette opferte BVB-Trainer Thomas Tuchel theoretisch einen Mann im Mittelfeld - ausgerechnet jenem Raum, in dem das Bayern-Spiel sein Kraftzentrum hat. Dies sollte Mats Hummels dadurch ausgleichen, dass er immer wieder auf Thomas Müller herausrückte. Es war ein effektiver Kniff, um den Raum im Zentrum zu verknappen - bis sich die Bayern nach rund 20 Minuten besser darauf einstellten. "Thomas ist ja auch ein blitzgescheiter Junge, der hat gemerkt, was Sache ist", sagte Hummels. "Dann haben die sich abgesprochen, dass sie sich anders bewegen." Danach hatten Schmelzer und Hummels deutlich mehr Mühe. "Der Plan war sehr gut, aber die Bayern sind einfach so gut, dass sie nicht einfach weitermachen sondern sagen: Wir haben ein Problem, das ändern wir", erklärte Hummels.

Von der Fünfer- zur Dreierkette

Im eigenen Ballbesitz mutierte die Dortmunder Fünfer- zur Dreierkette: Durm und sein Pendant auf der linken Seite, Marcel Schmelzer, schoben weit nach vorne, der BVB suchte den Weg über die Flügel nach vorne. Selten aber kamen die Dortmunder zum geordneten Spielaufbau, meist wurden sie über schnelle Konter in den Raum, den die Bayern mit ihrem aggressiven Herausrücken boten, gefährlich.

Hummels
BVB-Kapitän Hummels sah „taktisch äußerst interessantes Spiel“
BVB-Kapitän Hummels sah „taktisch äußerst interessantes...

Julian Weigl: Es ist wichtig, dass wir die positiven Dinge mitnehmen. Natürlich hätten wir gerne hier gewonnen. Man hat gesehen, wie stark die Bayern sind, die haben uns in der zweiten Halbzeit ordentlich laufen lassen. In der ersten Halbzeit haben wir es sehr, sehr gut gemacht. Aber letztendlich ist es jetzt so gelaufen. Wir haben nicht verloren, wir haben einen Punkt geholt und können schon zufrieden sein.

Weigl über den Gegner: Die Bayern haben es gut gemacht. Wenn sie mal in ihrem Fluss sind, in ihrem Ballbesitzspiel ist es unheimlich schwer. Wir haben natürlich Lösungen überlegt, wie wir dagegen vorgehen wollen, aber ganz kannst du sie eben nie ausschalten. Sie sind unheimlich ballsicher und sehr selbstbewusst und haben es dann sehr gut gemacht. Natürlich hat uns das Spiel viel Kraft gekostet, wir haben versucht, uns in jeden Zweikampf zu werfen. Man kann schon sagen, dass der Akku am Ende ein bisschen leer war. Es ist wichtig, dass wir auf uns gucken, unsere Leistung brngen. Vielleicht lassen sie ja mal etwas liegen.

Weigl über das BVB-Spiel: Wir hätten einfach die Chancen oder Halbchancen, die wir hatten, besser zu Ende spielen müssen. Ich brauche keinem erzählen, was hier los ist, wenn wir das 1:0 schießen. Das haben wir leider nicht gemacht, andererseits hätten wir auch ein Tor kassieren können, als Costa etwa in der ersten Halbzeit durch war. Das war schon eine dicke Chance, da hat uns Roman im Spiel gehalten. Aber das Spiel war immer offen. Wir haben immer darauf gehofft, noch einen Konter zu fahren, die Bayern haben gehofft, mit ihrer Ballzirkulation eine Lücke zu finden. Unterm Strich ist das 0:0 dann schon in Ordnung.

Mats Hummels: Beide Mannschaften hatten Chancen, Bayern sogar die etwas größeren. Es war ein unfassbar umkämpftes Spiel, taktisch äußerst interessant. Mit Veränderungen auf unserer Seite vor dem Spiel, bei den Bayern während des Spiels. Das ist einfach höchstes taktisches Niveau, fußballerisch sowieso und vom Einsatz her auch. Von daher kann man uns heute keinen Vorwurf machen, wir haben dagegengehalten mit allem, was wir hatte, und nehmen den Punkt mit.

Hummels über Spannung in der Liga: Nächste Woche kommt Mainz, die haben in München gewonnen, die haben gegen Leverkusen gewonnen. Ich wüsste nicht, warum es langweilig werden sollte. 

Hummels über den Gegner: Bayern baut sehr großen Druck auf, mit ihrer Art und Weise zu verteidigen. Sie gehen sehr früh drauf, versuchen dich hinten rein zu drängen. Wenn du dann mal vorne bist, musst du die Ruhe bewahren. Dann musst du den Ball vielleicht nochmal drauftreten. Es gab zwei, drei Situationen, in denen wir das besser hätten machen können, aber wir haben auch so Chancen herausgespielt. Wir haben auf allerhöchstem Niveau im Weltfußball gegen das allerhöchste Niveau standgehalten.

 

Auch die Bayern agierten mit einem Hybrid aus Dreier- und Fünferkette, weil sich Xabi Alonso oft zwischen die Innenverteidiger fallen ließ. Gemeinsam mit Kimmich und Alaba hatte man so eine enorm spielstarker letzte Reihe, die das bayerische Ballbesitzspiel mit großer Sicherheit initiieren konnte. In der ersten Halbzeit konnte Dortmund das noch mit irrsinnigem Tempo und Laufaufwand neutralisieren, nach einer halben Stunde aber wurde das Pressing weniger intensiv - das Anfangstempo hätte sich wohl kaum über 90 Minuten durchhalten lassen können.

BVB fehlte zum Ende die Kraft

Statt des zuvor sehr flexiblen Wirbels gab es nun ein deutlich statischeres 5-4-1, der BVB verteidigte nun tiefer, konzentrierte sich auf die Sicherung des eigenen Tors und hoffte auf Konter. "Die Bayern haben uns in der zweiten Halbzeit ein Stück weit den Schneid abgekauft", sagt Julian Weigl. "Wir haben kurze Ballbesitzphasen gehabt, Bayern sehr lange. Das kostet natürlich Kraft, mit Ball ist immer einfacher. Von daher haben wir es nicht mehr so geschafft, für Entlastung zu sorgen."

Auch den Bayern aber war nun in erster Linie wichtig, nicht zu verlieren, und den Fünf-Punkte-Vorsprung zu halten, sie drängten nicht mehr mit letzter Konsequenz auf den Siegtreffer - so blieb es beim 0:0.

Sebastian Weßling

Kommentare
08.03.2016
16:13
BVB-Trainer Tuchel überrascht mit Fünferkette und Durm
von easybyter | #4

Bei Tuchel wird die Fünferkette als genialer taktischer Schachzug dargestellt, bei anderen Trainern sprach man von Mauerfußball. Es ist auch nicht...
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3 Antworten
Quatsch
von WestfalenBorusse | #4-1

Drei Wettbewerbe mit Erfolg...

Gegen das Top Team aus Bayern (gegen Mainz spielte eine 1B ).....

Was wollen die Schalker hier?

Mit Remis in die wichtigen Spiele inkl. Pokal in Berlin... Psychologisch enorm wichtig. .. viel besser als mit ner Klatsche. .. kapiert hier eh kaum einer.... alles gut ....

Und alle Presseberichte sehen das Spiel wie die WAZ.... komisch, oder?
Ihr Schalker seid schon ein komisches Voelkchen. ...

Westfalenborusse
von easybyter | #4-2

Der Frust verstellt doch den klaren Blick. Mir ging es darum, diesen "überraschenden" taktischen Schachzug mit der Fünferkette als alten Hut zu kennzeichnen, denn auf die Idee sind andere Trainer auch schon gekommen. Und die Presseberichte sind sich ziemlich einig, dass Dortmund nur eine Halbzeit mithalten konnte und dann nur noch nicht verlieren wollte. Die Chance auf 2 Punkte an Bayern heranzukommen wurde einfach nicht genutzt oder konnte nicht genutzt werden. Und Sie waren es ja, der vorher einen deutlichen Sieg prognostiziert hat, ich kann Ihren Frust daher gut verstehen. Glück Auf!

Easybyter; Taktik - "alter Hut "
von Borussenhugo | #4-3

Es hat auch keiner behauptet, dass die Taktik eine neue Erfindung von TT war. Sie war für den BVB ungewohnt und für die Bayern jedenfalls überraschend bzw. 30 Min. lang ein Problem. Neue Taktikvarianten gibt`s ja nur bei euch. z. B. in Frankfurt; (Kritik von Matthäus u. Kallmund;) Da wurde ja voll auf Sieg, gegen den Abstiegskandidaten gespielt. Die Frage von Westfalenborussse: "Was wollen die Schalker hier, die stelle ich mir allerdings auch." Wir sind sind mit der Art und Weise des Spiels, der Taktik und dem Resultat sehr zufrieden. Fans aus anderen Lagern müssen wir nicht zufrieden stellen.

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11626201
BVB-Trainer Tuchel überrascht mit Fünferkette und Durm
BVB-Trainer Tuchel überrascht mit Fünferkette und Durm
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2016-03-06 16:57
BVB, Borussia Dortmund, Bayern München, Taktik, Mats Hummels
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