BVB gegen Bayern elektrisiert auch ohne sportliche Brisanz

Wenn der BVB gegen Bayern München spielt, fiebern die Fans immer besonders mit - egal, ob es noch um Titel geht oder nicht.
Wenn der BVB gegen Bayern München spielt, fiebern die Fans immer besonders mit - egal, ob es noch um Titel geht oder nicht.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Beim Spiel von Borussia Dortmund gegen Bayern München geht es nicht mehr um den Titel, trotzdem lässt der Vergleich die Massen nicht los.

Dortmund.. Jürgen Klopp schaut durch seine Brille. Es ist die mit dem silbernen Rand, das Modell Rückrunde. Er trägt sie seit dem neuen Jahr, nachdem das alte ihm und seinen Fußballern von Borussia Dortmund so übel mitgespielt hatte. Der Trainer wechselt das Modell gern beizeiten, einmal war er gar dazu gezwungen. In den überbordenden Glücksgefühlen nach einem 3:1-Sieg in München jubelte Torschütze Nuri Sahin seinem Trainer damals mit einem wilden Sprung die Brille kaputt. Das Glas war gebrochen, die Münchner Vorherrschaft auch.

Es war der 26. Februar 2011, der Tag, an dem der Aufstieg des BVB so richtig begann. Dortmund wurde Meister, Meister und Pokalsieger. München wurde immer wütender. Das war nicht länger ein Fußballspiel, sondern irgendwann ein Duell der Superlative, das seinen Höhepunkt in London 2013 hatte, als sich die beiden Klubs um die Krone des europäischen Fußballs stritten. München siegte.

BVB und Bayern haben sich auseinandergelebt

„Vieles ist anders als in der Vergangenheit“, sagt Klopp nun mit Blick auf das Spiel des 27. Bundesligaspieltages, an dem Dortmund am Samstagabend (18.30 Uhr/bei uns im Live-Ticker) auf München trifft. Seine Augen blicken entschlossen durch die Brille mit dem silbernen Gestell. Wehmut scheint er nicht zu empfinden.

Sie würde nichts nutzen, aber sie wäre verständlich. Denn die beiden Supermächte haben sich auseinandergelebt. Gewiss ist es ein Spiel, auf das viele Menschen schauen werden. Aber es ist eben auch das Spiel des Zehnten gegen den Ersten. Für beide geht es wie immer um viel – nur liegt das jeweilige Begehr in völlig unterschiedlichen Regal-Höhen: Die Bayern wollen nach der Niederlage gegen Gladbach den Anflug von Unsicherheit abwehren, die Dortmunder eine verunglückte Saison retten, in dem sie ein Plätzchen unter den ersten Sieben der Tabelle ergattern. Bis dorthin wird aller Voraussicht nach noch Zutritt zum europäischen Fußball gewährt: Die zweitklassige Europa League heißt nun das Ziel. Misslingt die Qualifikation, wird das Team im kommenden Jahr etwas anders aussehen.

Für den BVB geht es um die Zukunft

Klopp-Kritik „Es wird keinen radikalen Umbruch geben“, kündigt Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke an, „aber unser Kader ist für die Champions League ausgerichtet.“ Heißt: Ohne die Belastungen des europäischen Fußballs müssten Planstellen im schwarz-gelben Ensemble gestrichen werden. Die Überlegungen beginnen bei einem wie Milos Jojic, der aufgrund der Kaderfülle schon in der Versenkung verschwunden ist, und könnten bei namhaften Kollegen wie Ciro Immobile, Adrian Ramos, Henrikh Mkhitaryan oder Kevin Großkreutz aufhören. Bayern ist das erste Spiel um die Zukunft.

„Wir wehren uns gegen nichts“, sagt Klopp und meint: Falls es noch die Möglichkeit gebe, dieser Saison eine Wende zum Guten zu geben, dann wären sie bereit. „Wir sind in einer guten Verfassung – aber das sieht offenbar nicht jeder so“, stichelt der Trainer gegen jene, die in den vergangenen Wochen schwarzmalen und das schöne Gelb vergessen. Dortmund stellt die viertbeste Rückrundenmannschaft und in diesem Zeitraum ligaweit die zweitbeste Defensive.

BVB plagen Verletzungssorgen in der Abwehr

Gerade dort wird der BVB zu Umbaumaßnahmen gezwungen sein. Für den verletzten Oliver Kirch dürfte rechts Sokratis verteidigen, links bleibt die Wahl zwischen dem favorisierten Marcel Schmelzer (seit zwei Tagen erst wieder im Mannschaftstraining), Erik Durm (noch kein Pflichtspiel in 2015) und dem jungen Jeremy Dudziak (32 Minuten Bundesliga-Erfahrung).

„Wir sind nicht in der Lage uns hier hinzusetzen und eine dicke Lippe zu riskieren“, sagt Jürgen Klopp und einigt sich mit sich selbst auf eine unverfängliche Prognose: „Wir sind nicht chancenlos.“ Das Modell rosarote Brille ist in Dortmund schließlich derzeit nicht so angesagt.