BVB-Fans versuchten, Klopp vor Stadion umzustimmen

Abschied: Beim Verlassen des Stadions spricht Jürgen Klopp kurz mit den Fans, hier mit René (21).
Abschied: Beim Verlassen des Stadions spricht Jürgen Klopp kurz mit den Fans, hier mit René (21).
Foto: Sebastian Konopka/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Traurige Fans können nicht glauben, dass Jürgen Klopp nicht weitermacht. Vor dem Stadion versuchen einige noch, ihn umzustimmen – vergeblich.

Dortmund.. Sie müssen ihn sprechen, jetzt sofort, er soll doch gleich kommen, der Kloppo! Also eilen sie zum Stadion, René, damit „hinterher keiner sagt, wir hätten es nicht versucht“, und Katharina, am ganzen Körper bebend: „Ich muss ihn aufhalten!“ Doch wie er da vorfährt um drei Minuten vor halb zwei in seinem mattschwarzen Opel-Dienstwagen, rasant um die Kurve: Jürgen Klopp ist nicht mehr aufzuhalten.

Borussia Dortmund Dortmunds Trainer nimmt seine Pöhler-Kappe (im Fanshop übrigens zu 19,95, so lange der Vorrat noch reicht), Dortmund trauert. „Sehr, sehr traurig“ ist Ursula Dörsing, die zum 85. Geburtstag gerade ein Mannschaftsposter bekam: mit Klopp. „Ich hoffe, dass das nicht das Ende meines Vereins ist.“

Erklärungsversuche für Gäste

„Total traurig“ ist Grith, die „Schiss“ hat, „dass es nun nicht mehr schön wird“. – „Ziemlich betroffen“ ist BVB-Archivar Gerd Kolbe, der an diesem Tag eine Stadionführung für tschechische Schüler macht, die seine Aufregung gar nicht verstehen. – „Schon traurig“, sagt Andrea aus Sachsen, „den kennen wir ja sogar.“ Und Frederik, der Student, „kann’s nicht fassen“. Oder will nicht.

Panne So ist das mit den Gefühlen an diesem Mittwochmittag vor dem Westfalenstadion, wo trotz der Sonne ein eisiger Wind weht: Trauer, Fassungslosigkeit, zuweilen auch ausgedrückt in klarer Fan-Sprache: „Mist, Mist, Mist!“ Oder „Ich kotze!“ Oder „Einfach scheiße“. Und dann fließen tatsächlich Tränen, in der Kneipe nebenan, wohin die Abschiedsrede übertragen wird, im Fanshop, wo eine Menschentraube vor dem Fernseher hängt. Der Klopp lachend zusieht, lebensgroß auf einem Werbeplakat, über ihm der Schriftzug „for­ever“, für immer. Aber das hat sich der Sponsor ausgedacht.

"Ich dachte, ich hör' nicht richtig"

Und was, bitte, hat sich Klopp gedacht? „Ich dachte, ich hör’ nicht richtig“, sagt Katharina Winkelmann – die Frau, die in Dortmund das schwarz-gelb getünchte „BVB-Haus“ bewohnt. „Wenn ich sehen würde, der hat keinen Bock mehr . . . Aber ich sehe von der Süd, wie er fiebert: Sein Herz ist immer noch schwarz-gelb!“ Auf die Schnelle hat Katharina ein Schild gemalt: „Klopp trägt den BVB im Herzen.“ Sie würde ihm das gern zeigen, ob es ihn noch umstimmen kann? „Ich will, dass er bleibt!“

Das wollen sie alle hier, die „der Schock“ vor ihr „Wohnzimmer“ trieb. Klopp, sagt der 22-jährige Jonas, habe „viel auf sich gezogen“, das Interesse, die Begeisterung, nun aber auch die Kritik: „Klopp steht auf dem 18. Platz, Klopp vergeigt, Klopp scheidet aus“, bei aller Enttäuschung kann Jonas verstehen, dass da einer keiner Lust mehr hat. Und jetzt? „Kommt ein noch größerer Umbruch. Man wird den BVB nicht wiedererkennen.“ Wenn man denn hinsieht: „Viele sind ja wegen Klopp gekommen.“

Fans schwärmen - Klopp "könnte neben mir auf der Südtribüne stehen"

Und manche hatten noch kein Borussen-Leben vor ihm. „Die schönen Momente, die tollen Erinnerungen“, sagt René, der 21 ist, „verbinde ich mit Klopp.“ Ein Dortmunder sei der, „durch und durch, obwohl er kein Dortmunder ist“. Aber eben: „Einer von uns. Der könnte neben mir auf der Südtribüne stehen.“ Einer, der „den Ruhrpott-Fußball verkörpert“. Wie diese Menschen, die mit Schal und Trikot um die hängenden Schultern da stehen und nun glauben müssen, was ihre Handys melden. Es stimmt. Er geht.

„Falscher Zeitpunkt“, findet Kathrin, als könnte das noch irgendwas ändern. Die Saison noch nicht vorbei, das Schiff halbwegs aufgerichtet, „wir sehen noch kein Ende, nur weil mal eine Saison nicht so läuft“. Und hatte der Trainer nicht versprochen, dass er nicht aufgibt? „Nicht Klopp, die Mannschaft hat sich verändert“, sagen die Leute, und wenn sie jetzt doch wütend werden, dann auf die Spieler.

Wut auf die Mannschaft

„Gündogan hat seinen Kopp schon im Ausland“, glaubt Frau Winkelmann, und dass die Mannschaft kein Pressing mehr kann: „Ist verdammt-noch-mal nicht Klopps Schuld!“ Blöd, findet Jana, „dass immer als erstes der Kopf ab kommt“. Schließlich habe, wie René sagt, der Trainer hinter dem Team gestanden. „Der tut mir total leid. Die sind alle so blöd und reißen sich nicht den A... auf.“ Nun aber werden sie gehen, Hummels bestimmt, Reus vielleicht, wie schon Götze. „Hat alles angefangen“, glaubt Ursula Dörsing, „als die Bayern uns unseren Lewandowski weggenommen haben.“

So reden sie und können doch nichts mehr ändern. Klopp hört auf, es ist in der Welt, und die dreht sich einfach weiter. Am Fuß eines kahlen Bäumchens bleibt vor dem Stadion eine gelbe „Pöhlerchen“-Kappe zurück. Zerknickt, wie ein verwelktes Trauer-Gesteck.