Boateng fordert vom Weltmeister: "Wir müssen aufwachen"

Was wir bereits wissen
0:2 in Polen, 1:1 gegen Irland: Die Ergebnisse des Weltmeisters in der EM-Qualifikation stimmen nicht mit den eigenen Ansprüchen überein. Jerome Boateng mahnt seine Teamkollegen, jeder müsse sich hinterfragen, ob die Leistungen in den beiden Partien das Maximum war.

Gelsenkirchen.. Der Tag nach einer rauschenden Feier ist oftmals eine Qual. Man fühlt sich matt, will den Geist nicht zu stark belasten und sehnt nur den Folgetag herbei, an dem alles besser sein soll. Gut drei Monate nach dem weltmeisterlichen Betriebsausflug nach Brasilien leidet die Arbeitsgemeinschaft Nationalmannschaft noch immer an diesem Zustand des WM-Katers. Mental nicht bereit und körperlich nicht auf der Höhe, war auch am Dienstag nach dem mürben 1:1 gegen Irland im Bauch der Schalker Arena wieder zu hören.

Irgendwie ist es bisher noch nicht geglückt, Deutschlands beste Fußballer durchzurütteln. Der ruhige, manchmal auch phlegmatisch wirkende Jérôme Boateng ist vom Wesen her für so eine Aufgabe eher nicht prädestiniert. Aber dem 26-Jährigen geht die bisher so mickrige Ausbeute aus der EM-Qualifikation ganz offensichtlich gegen den Strich: „Wir müssen aufwachen, die Lage ist ernst genug.“

Qualifikation bedeutet Qual

So eine Einschätzung klingt bedrohlich, zumal zwischen ihr und dem WM-Triumph in Rio nur drei Pflichtspiele liegen. Vier Pünktchen hat das Team von Bundestrainer Joachim Löw auf dem Weg zur EM 2016 in Frankreich bislang auf der Habenseite. Gewiss, es ist der schlechteste Start in eine Qualifikationsrunde seit der WM 1938, aber der Schaden ist in diesem Stadium mit drei Zählern Rückstand auf Polen und Irland reparabel.

Und doch wurde gerade durch das 0:2 am letzten Samstag an der Weichsel und das Remis am Dienstagabend auf Schalke gegen die Boys in Green klar: In dieser Qualifikation steckt auch jede Menge Qual. Wenngleich alle davon ausgehen, sich durch den aufgelockerten Qualimodus zu mauscheln und die Frankreich-Rundreise in zwei Jahren antreten zu dürfen.

Zum zweiten Mal in Folge hat vor teils gespenstischer Kulisse in Schalkes Arena (nur der Gesang der Iren hallte durchgehend durch die Halle) eine tief stehende, aber gut organisierte Mannschaft bewiesen, dass der Weltmeister aus der Fassung zu bringen ist. „Wir haben uns das selbst zuzuschreiben“, war Löw in der Nacht auf Mittwoch schon sichtbar angefressener als noch nach der Niederlage in Warschau. Gegen die irischen Betonarbeiter von Trainer Martin O’Neill hatten Toni Kroos, Thomas Müller und Mario Götze das Tor so wenig vor den Augen, als würden sie durch ein großes Glas Guiness-Bier schauen. Dazu gab’s viele Abspielfehler und kein Durchsetzungsvermögen in Zweikämpfen.

Neuer fühlt sich an Schweden-Spiel erinnert

Immerhin erfüllte die Methode Holzhammer, die Toni Kroos mit seinem Distanzschuss an den Innenpfosten zum 1:0 (71.) wählte, ihren Zweck. Doch sich in der vierten Minuten der Nachspielzeit im eigenen Sechzehner in Unterzahl wiederzufinden, „darf einfach nicht vorkommen“, urteilte der leidtragende Dortmunder Mats Hummels, der beim Ausgleich zwei Gegenspieler zu decken hatte und gegen John O’Sheas Schuhsohle „drei Zentimeter“ zu spät kam.

So schlichen die Deutschen hinterher vom Platz, wie sie beim Ulk auf der Fanmeile noch den Gaucho-Gang nach dem WM-Finale nachgestellt hatten. „Die letzten zehn Minuten waren mutlos“, klagte Manuel Neuer und fühlte sich an das 4:4 gegen Schweden erinnert, als die DFB-Auswahl eine 4:0-Führung verspielt hatte. „Jeder muss sich hinterfragen, ob das genug war“, sprach Boateng klare Kante. Viele verwiesen aber auch wie hier nur exemplarisch Lukas Podolski darauf: „Man kann uns kein schlechtes Spiel vorwerfen.“ Und Toni Kroos war angesichts der Kritik pikiert: „Geschockt? Da muss schon anderes passieren, dass ich geschockt bin.“

Pflichtübung gegen Gibraltar

An den DFB-Trikots heftet das Etikett des Weltmeisters, doch angesichts einer Vielzahl Verletzter (Schweinsteiger, Khedira etc.) und Zurückgetretener (Lahm, Klose, Mertesacker) steckte diesmal nicht mehr viel davon tatsächlich drin. „Die Typen sind im Moment nicht da“, die die jungen Novizen führen müssen, beklagte deshalb auch Löw. Keine Frage, die Ergebnisse der Nationalelf sind derzeit nicht zufriedenstellend. Dass Löw die aktuellen Sorgen mit dem Verweis beiseite zu schieben versucht, gegen Gibraltar am 14. November schon die Punkte einzufahren und mit allen zurückgekehrten Stammkräften im neuen Jahr dann durchzustarten, ist aber legitim.