Bitte ein Butt
03.12.2009 | 18:48 Uhr 2009-12-03T18:48:00+0100Bayerns Keeper im Interview über sein Comeback in München, Trainer Louis van Gaal und die Scheinwelt, in der viele Fußballer leben
Herr Butt, können Sie mit dem Namen Mansur Faqiryar etwas anfangen?
Nein, wer soll das sein?
So heißt der Torwart des VfB Oldenburg.
Dann ist der aber neu.
Stimmt. Man sagt, Sie verfolgen Ihren ersten Verein immer noch sehr aufmerksam, auch von München aus.
Dass der Keeper in dieser Saison gewechselt hat, wusste ich nicht. Aber ich schaue schon auf die Ergebnisse und schaue, wo der VfB in der Oberliga steht. Im Moment sind sie Zweiter. Ich hänge wohl noch ein bisschen an der Stadt und am Verein.
Sie haben von Oldenburg aus mit 23 Jahren den Sprung ins Profigeschäft geschafft. Jetzt sind Sie 35, da zeichnet sich auch für einen Torwart das Ende der Laufbahn ab...
Oldenburg ist meine Heimat, da leben meine Familie und viele Freunde. Außerdem hat dort mein Vater ein Unternehmen, das Verlade-Rampen und Verlade-Technik herstellt. Mein Bruder, der ja auch ein paar Jahre als Torwart gespielt hat, arbeitet ebenfalls in diesem Unternehmen. Gut möglich, dass ich nach dem Ende meiner Karriere wieder nach Oldenburg zurückkehre. Aber vielleicht bleibe ich auch in der Münchener Ecke.
Weil Sie gerne Ski fahren?
Naja, auch. Mir gefällt es hier sehr gut, das Umland ist wunderschön, ich mag die Berge und die Seen, und ja, im Winter kann prima Ski fahren. Wichtiger ist, dass es auch meiner Frau und unseren beiden Kindern gefällt's. Mal schauen. Die Entscheidung hat vielleicht noch etwas Zeit.
Weil Sie bei Bayern noch ein Jahr dranhängen möchten?
Ich kann mir das gut vorstellen.Bayern hat in Ihnen vor einem Jahr den erfahrenen, loyalen zweiten Mann hinter Michael Rensing gesucht...
Wahrscheinlich hat mich niemand ernst genommen, als ich am Anfang gesagt habe, dass ich spielen will. Die Ausgangslage sprach ja auch gegen mich, aber bei der Vielzahl der Spiele war mir klar, dass man irgendwann zu Einsätzen kommt. Mich hat einfach gereizt, diesen Verein kennen zu lernen. Mir ging es nicht darum, meine Statistik zu verbessern, um aus 330 vielleicht 380 Bundesligaspiele zu machen.
Und nun spüren Sie mit 35 Jahren noch einmal den geballten Druck, den man als Nummer eins bei den Bayern so hat?
Ich glaube, es kommt darauf an, wie man gelernt hat, mit Druck umzugehen. Letztendlich sind wir im Sport, dazu gehört der Wettbewerbsgedanke und damit auch Druck. Aber man kann das ja auch ins Positive wenden und es Antrieb nennen.
Nun läuft's bei den Bayern bisher nicht, wie es laufen sollte...
Hier ist natürlich von innen heraus immer ein gewisser Druck da. Es gibt bei Bayern ein ausgeprägtes Erfolgsdenken, und jeder wird unruhig, wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt. Diese Haltung ist in meinen Augen aber auch ein Grund dafür, dass der Verein so erfolgreich ist.
Nach den Siegen über Haifa und Hannover hat sich die Lage ein wenig beruhigt. Trotzdem hinkt Bayern den eigenen Ansprüchen hinterher. Warum?
Das ist schwierig zu beantworten. Jeder erwartet da kurze klare Erklärungen, aber so einfach ist das nicht. Fußball ist eine komplexe Sache, auch wenn es gut läuft. Wir haben aber sicherlich nach vorne hin nicht die Durchschlagskraft, die wir haben müssten. In der Defensive stehen wir sehr gut, aber vorne fehlte lange Zeit die letzte Entschlossenheit.
Das klingt moderat. Ihr Mitspieler Philipp Lahm hat massiv Kritik geübt...
Das war nicht der richtige Weg. So etwas muss man intern besprechen. Man kann alles deutlich sagen, aber intern.
Trotzdem hat Philipp Lahm für seine Kernthese, Bayern fehle eine Philosophie, enorme Zustimmung geerntet.
Man muss doch sehen: Wenn es nicht läuft und einer kritisiert, dann sagt doch jeder, dass der Kritiker das richtig sieht. Aber Bayern ist in den letzten 30 Jahren in Deutschland mit Abstand der erfolgreichste Verein. Jetzt generell zu sagen, die Philosophie ist nicht da? Der Erfolg spricht dagegen.
Viele sehen im neuen Trainer das Problem. Was ist Louis van Gaal für ein Typ?
Zuerst mal ein absoluter Fußballfachmann, der sehr viel im taktischen Bereich arbeitet. Er hat sehr genaue Vorstellungen vom Fußball.
Man hört vom autoritären Führungsstil. Ist er im Umgang so schwierig, wie es heißt?
Dadurch, dass er ganz klare Vorstellungen hat, auch in der Menschenführung, ist es schon eine Umstellung für viele Spieler. Sicherlich dauert es für manche eine gewisse Zeit, bis sie sich an ihn gewöhnt haben.
Sie selber haben vom Trainer profitiert, er hat sie zur Nummer eins gemacht. Hat das Ihr Verhältnis zu Michael Rensing verändert?
Nein. Das wird immer erwartet, aber ich glaube, wir haben uns beide korrekt verhalten. Es muss nicht in einer Schlacht enden, wenn zwei Keeper spielen wollen.
Rensing wird den Verein verlassen. Der richtige Schritt?
Mir steht nicht zu, das öffentlich zu beurteilen. Aber ich glaube, dass er sich vernünftig Gedanken gemacht hat.
Würden Sie Bayern raten, im Sommer Schalkes Manuel Neuer zu holen?
Dass der Verein sich Gedanken macht, wie er sich verstärken kann, ist doch klar. Ich weiß auch, dass ein neuer Torwart kommt. Aber wissen Sie was? Mehr Gedanken verschwende ich daran nicht. Im Moment spiele ich.
Verletzt es Sie nach 15 Profi-Jahren noch, wenn Leute sagen, bei Jörg Butt könne man auf den nächsten Patzer warten?
Das ist schon ganz interessant, was man da hört. Aber die Statistiken sprechen eine ganz andere Sprache. Ich habe letzte Saison in acht Spielen für Bayern sechs Gegentore bekommen, jetzt sind es 12 Spiele mit 7 Toren. Man muss die Dinge für sich einordnen können. Warum habe ich mich überall durchgesetzt? In Hamburg hatte mich niemand auf dem Zettel, in Leverkusen habe ich vier Jahre lang vor jeder Saison gehört, jetzt kommt Rene Adler, jetzt kommt Tom Starke. Und hier spiele ich, obwohl es niemand erwartet hat.
Stammt dieses Image aus Leverkusener Zeiten, weil Sie vor zwei Jahren vom damals völlig unbekannten Rene Adler abgelöst wurden?
Ich sage heute noch, dass ich nicht aus Leistungsgründen raus musste. Aber das ist vorbei und außerdem habe ich damals auch gesehen, dass Rene ein riesiges Potenzial hat. Ich verstehe jeden Verein, der mit so einem Keeper plant. Man muss lernen, mit Rückschlägen zu leben. Es geht im Leben nicht immer nur nach oben, ob man das nun als gerecht empfindet oder nicht.
Das klingt jetzt sehr norddeutsch-abgeklärt...
Ich spiele seit 15 Jahren auf Top-Niveau. In der Bundesliga gibt es nur noch Frank Rost und Jens Lehmann, die das von sich sagen können. Dass in so einer Spanne nicht immer alles glatt läuft, ist doch normal. Als ich aus Leverkusen nach Lissabon gegangen bin, klappte es sportlich auch nicht so, wie ich wollte, weil ich kaum gespielt habe. Aber die Stadt ist wunderschön, ich habe eine neue Sprache gelernt, eine andere Mentalität erlebt, also hat mir das Jahr für meine persönliche Entwicklung viel gebracht.
Das klingt so, als würden Ihnen im Fußball zu selten über den Tellerrand geschaut?
Ich kann das nur für mich sagen: Mir ist wichtig, sich auch mit anderen Dingen auseinander zu setzen. Ich habe relativ lange einen ziemlich normalen Weg gemacht. Abitur, eine kaufmännische Ausbildung, dann die Bundeswehr. Ich wollte damals nicht in die Sportförderkompanie, sondern sehen, wie es wirklich zugeht beim Bund. Nebenher habe ich in der 2. Liga gespielt. Ich war abends oft fix und fertig, aber man lernt, viele Dinge richtig einzuordnen. Ich weiß, welche Alltagssorgen mein Bruder und mein Vater im Betrieb haben. Wenn man natürlich nur in dieser emotional aufgeheizten Fußball-Welt lebt, in der du oft im Mittelpunkt stehst, häufig erkannt wirst, viele Vorteile hast, nur in den besten Hotels wohnst, dann kann es schwierig werden, mit Rückschlägen und Problemen umzugehen. Ich will jetzt nicht altklug klingen, aber für mich ist das wichtig: Irgendwann ist es mit dem Fußball vorbei und dann kommen noch dreißig Jahre.
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