Barça bot im Champions-League-Finale eine mitreißende Aufführung

Neymar, der mit dem Schlusspfiff das 3:1 für Barcelona erzielte, möchte einfach nur alleine sein. Das gelingt dem Brasilianer auf dem Berliner Rasen allerdings nicht einen einzigen Moment.
Neymar, der mit dem Schlusspfiff das 3:1 für Barcelona erzielte, möchte einfach nur alleine sein. Das gelingt dem Brasilianer auf dem Berliner Rasen allerdings nicht einen einzigen Moment.
Foto: imago/Sebastian Wells
Was wir bereits wissen
Die Stars des FC Barcelona dachten bei ihrer mitreißenden Aufführung im Finale nicht immer daran, auch Tore zu erzielen. Erst als Juventus traf, erinnerten sich Messi und Co. an ihren Job und siegten 3:1.

Kommentar Am Sonntag danach reisten sehr viele Fans mit sehr kleinen Augen zurück in ihre Heimatländer. Dabei hatte Berlin ihnen durchaus Staunenswertes geboten. Vor allem natürlich dieses Fußballspiel im Olympiastadion, dieses Finale der Champions League, bei dem am Ende der Sieger gefeiert wurde, aber auch der Verlierer Applaus erhielt. Der FC Barcelona hatte mit 3:1 gewonnen. Juventus Turin hatte mit 1:3 verloren. Doch beide Mannschaften hatten mit ihrem so unterschiedlichen Spiel ihre Anhänger glücklich gemacht. Das Resultat? Es war für sie nicht von überragender Bedeutung.

Berlin.. So kann Fußball auch sein, sogar während einer Partie. Dreieinhalb Minuten nur hatte Barcelona benötigt, um die Führung durch Ivan Rakitic herauszuspielen. Danach wechselte das katalanische Ensemble das Programm. Es wurde ein mitreißendes Ballett geboten, das sich jeder Ausdrucksform dieser Kunst bediente.

Champions-League-Finale 2009, als Barça sich erstmals zum Triple-Triumphator aufgeschwungen hatte, wurden noch die perfekten Ballstaffetten gerühmt, das vom heutigen Bayern-Trainer Pep Guardiola inszenierte Passspektakel, das Gegner zum Zuschauen verurteilte. Bei der zweiten Triple-Vollendung präsentierten sich die Ballgenies, als hätte ihnen „Mister” Luis Enrique lediglich die Variante eines alten Franz-Beckenbauer-Wortes mit auf den Weg gegeben: Geht’s raus und zeigt alles, was ihr draufhabt. Alles, inklusive langer Bälle, von denen die Statistik nach dem Schlusspfiff 70 auswies, ein Wert, der Guardiola wohl die letzten Haarstummel gekostet hätte.

Die Gegenwehr dauerte 13 Minuten

Und doch musste von Zeit zu Zeit hochgeschaut werden zu den Videotafeln des Stadions. Auf denen wurde daran erinnert, was Fußball zentral von Ballett unterscheidet. Nüchternes, die Reinheit der Kunst befleckendes Zahlenwerk. Dass Juves Trainer Massimiliano Allegri stolz behaupten konnte, „wir gehen aus diesem Endspiel mit noch größerem Selbstbewusstsein hervor”, lag daran, dass Lionel Messi, Neymar, Luis Suárez und die Herrschaften aus den hinteren Barça-Reihen den Sack nicht früher zumachten.

ter Stegen Turin, das ebenfalls das Triple hätte vollenden können, wurde so mit einem aggressiven Kraftstoff aufgetankt, mit dem Selbstbewusstsein, auch diesen Hochtalentierten-Schuppen einreißen zu können. Und nachdem Alvaro Morata in der 55. Minute das 1:1 besorgt hatte, war die alte Dame Juve tatsächlich mit der Hand am Pott mit den großen Ohren. Die Turiner dominierten – 13 Minuten lang, bis Suárez das Seil zum Zubinden des Sackes fand. Dass Neymar in der siebten Minute der Nachspielzeit noch das 3:1 erzielte, dass Pfiff und Feierlichkeiten eins wurden, ist nur eine der zahlreichen Geschichten dieses Finales.

Abreise Die Geschichten, zusammengerafft, komprimiert, wie die Kunst Fußball im Zahlenwerk. Der ehemalige Gladbacher Torhüter Marc-André ter Stegen lässt sich nichts zu Schulden kommen und verwendet anschließend als Einziger das Wort geil. Messi geht spazieren auf dem Rasen und explodiert immer wieder grandios – wie ein Feuerwerk mit Zeitschaltung. Und Xavi, Xavi Hernandez, der nach 24 Dienstjahren und 151 Spielen für Barcelona (Achtung: allein Königsklassenspiele) scheidende Mittelfeldmagier, eingewechselt in Minute 78, nicht nur, um ihm die Huldigung zu garantieren, aber auch.

Pirlos Abschied aus Turin mit Tränen

Und Gerard Piqué, der, als die Kameraden schon auf dem Gefühlskarussell ihre Runden drehen, mit einer Schere das Netz eines Tores heraustrennt. Warum? Will er Lebenspartnerin Shakira neue Strümpfe schenken? Nein, er legt sich das Netz um wie eine Robe, er fängt sich selbst, einen großen Fisch. Viermal hat er nun wie Messi, Iniesta und Xavi die Champions League gewonnen – das schaffte zuvor nur Clarence Seedorf.

Champions-League-Finale Und auf der anderen Seite: vor allem Andrea Pirlo, der angejahrte Stoiker, dem die Fans in Schwarz und Weiß zujubeln, während warme Tränen in diesen Bart fließen, der so häufig schon Jesusbart genannt wurde. Xavi nimmt Pirlo, der Juve verlassen wird, in den Arm.

Irgendwie eher eine Heils- als eine Leidensgeschichte in dieser Nacht des Staunens, die in einen Sonntag der kleinen Augen übergeht, weil Berlins Verkehrsbetriebe in einem Rhythmus tätig sind, der wie Barça zeitweise auf dem Feld eine Zahl unberücksichtigt lässt. Die Zahl der zu transportierenden internationalen Gäste. Hoffentlich wurden keine Flüge vom falschen Flughafen aus gebucht.