Interview : Lehmann: "Jemand wie ich wäre perfekt für die WM"
Essen. Nach 22 Jahren im Profifußball wird Jens Lehmann (40) am Ende der Saison seine Karriere beenden. Am Freitag tritt der Torwart, der beim VfB Stuttgart spielt und mit seiner Familie in München lebt, somit das letzte Mal gegen seinen Ex-Klub Schalke an.
„Das wird was Besonderes“, sagt er. Vorher traf unsere Zeitung den gebürtigen Essener, der nicht nur durch seine Paraden in Erinnerung bleiben wird, zum Interview in Stuttgart.
Herr Lehmann, im Mai wird Ihre Biographie erscheinen. Ist das Buch fertig oder gibt es noch Platz für das „Wunder von Barcelona“ mit dem VfB Stuttgart kommende Woche in der Champions League?
Jens Lehmann:(lacht) Es wäre schön, wenn wir das schaffen. Das würde ich schon einfließen lassen. Wir sind in der Endphase, ich lese Korrektur, werde noch ein paar Sachen ändern und ein finales Stückchen hinzufügen.
Der Titel lautet „Warum eigentlich ich“…
Lehmann:Es ist ein Arbeitstitel, der endgültige Titel steht noch nicht fest.
Könnte der „Ich“ lauten?
Lehmann:Nein, so sicher nicht. Die Titelfrage ist noch nicht geklärt.
Werden Sie in dem Buch ein paar Sachen aus Ihrer Sicht klarstellen?
Lehmann:Das glaube ich weniger. Das Buch zu schreiben war eine wertvolle Erfahrung. Ich konnte Dinge, die mich gestört haben, aufschreiben und aus gegenwärtigen Ereignissen die Emotionalität herausnehmen. Als Profi stehst du immer in der Kritik. Die ist mal positiv, aber auch, weil es sich besser verkaufen lässt, negativ. Der Leser, sofern es jemand kauft, wird viele Momente und Geschichten finden, die er wegen der aktuellen Ereignisse gar nicht mehr im Gedächtnis hat.
Aktuell verbindet man mit Ihnen zwei Geschichten: Sie haben sich in Mainz von einem Fan die Brille ausgeliehen. Und bei einem Champions-League-Spiel haben Sie hinter einer Bande eine Wasserpause gemacht. Wird das auch thematisiert?
Lehmann:Das sollte man jetzt mal zu den Akten legen.
Ihre sportlichen Erfolge und Großtaten werden alles überstrahlen?
Lehmann:Das wird die Zeit zeigen.
Was waren Ihre markantesten Karriere-Momente?
Lehmann:Eine Verletzung in Leverkusen im September 1992. Ich war 22 Jahre alt. Das Kreuzband war gerissen und im Knie alles kaputt. Zu der Zeit war noch unklar, ob damit nicht die Karriere beendet ist. Sportlich war der UEFA-Pokal-Sieg mit Schalke 1997 sehr wichtig. Da bin ich für europäische Top-Klubs interessant geworden.
Welche Szenen aus Ihrer Karriere wird man in 20 Jahren mit dem Namen Jens Lehmann verbinden?
Lehmann:In Deutschland vielleicht das gewonnene Elfmeterschießen gegen Argentinien. Aber das war natürlich eine tolle Mannschaftsleistung. In England sind es zwei gehaltene Elfmeter, mit denen der FC Arsenal ins Champions-League-Finale eingezogen ist und das FA-Cup Endspiel gewonnen hat.
In England werden Sie „Mad Jens“, der verrückte Jens, genannt, weil Ihre Spielweise, sagen wir mal, emotional und extrovertiert ist.
Lehmann:Das ist eine Begleiterscheinung meiner Spielweise als Torwart. Ich will das hier mal versuchen zu erklären. Ich bin wohl einer der offensivsten Torleute, die es gibt. Das beinhaltet viele Zweikämpfe. Ich bin mutig, gehe raus, werde dann auf engem Feld attackiert. Da setzt es sind Schläge und Tritte. Ich selbst kann nicht austeilen, weil ich darauf konzentriert bin, den Ball zu kriegen. Ich kann die Aggression nicht sofort abbauen, komme auf dem Spielfeld aber dann schnell in andere Situationen, in denen sich die aufgestaute Emotionalität und Aggressivität widerspiegelt.
Erschrecken Sie, wenn Sie auf TV-Bildern sehen, wie Sie dann reagieren?
Lehmann:Nein, absolut nicht.
Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Herkunft aus dem Ruhrgebiet Ihr Arbeitsethos und Ihre Spielweise geprägt hat. Sie mussten sich alles erkämpfen.
Lehmann:Ich bin sozusagen auf Kohle geboren und groß geworden. Mein Opa war Bergmann, um mich herum habe ich immer nur arbeitende Menschen gesehen. Ich habe gelernt: Um was zu erreichen, musst du hart arbeiten. Bei Schalke saß ich als 18-Jähriger auf der Bank. Dann hat sich Werner Vollack verletzt. Das war meine Chance. Ich wusste aber, ich muss mich anstrengen, mich immer verbessern, um dabei bleiben. Aus dieser Einstellung ziehe ich meine Motivation.
Den Anfängen in Schalke folgte eine lange Karriere, die am der Saison, nach mehr als 20 Jahren im Profifußball, endet. Wir geben Ihnen drei Optionen für den Sommer: TV-Experte, Trainer oder Schauspieler. Gerade haben Sie Ihre erste Rolle in einem Film gespielt.
Lehmann:(lacht) Erst mal TV-Experte. Trainer zu werden ist ja ein Riesenproblem. Da müsste ich eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen. Das ist für Leute wie mich, die im Fußball viele Erfahrungen sammeln konnten, mit absoluten Toptrainern zusammengearbeitet haben und so ihren Horizont erweitern konnten, nicht wirklich reizvoll. Die Trainerausbildung in Deutschland ist noch nicht richtig durchdacht.
Spielen Sie doch einfach noch ein Jahr.
Lehmann:Mein Plan ist, in Stuttgart aufzuhören. Der VfB und ich haben uns geeinigt, dass ich hier nicht weiterspiele. Aber ich sage, man weiß nie, was kommt.
Sie klagen über die Fahrerei von Ihrer Familie in München nach Stuttgart. Augsburg liegt näher und steigt vielleicht in die Erste Liga auf.
Lehmann:Da spiele ich lieber weiter beim VfB.
Reden wir noch über die Nationalmannschaft. Kaum ist Rene Adler die Nummer 1 im Tor der deutschen Nationalmannschaft, da nimmt die Anzahl seiner Patzer massiv zu. Sie waren bei zwei großen Turnieren die Nummer 1. Wie soll er mit der Situation umgehen?
Lehmann:Als ich jung war, habe ich so eine große Chance nicht bekommen. Rene Adler muss mit dieser Situation jetzt klarkommen. Manuel Neuer hatte ähnliche Probleme. Er hat auch Potenzial, ist aber noch sehr jung.
Ist es Ihrer Meinung nach ein Risiko, auf zwei so junge Torleute zu setzen?
Lehmann:Das kommt auf die Zielsetzung für die WM an. Wenn man Weltmeister werden will, wird das nicht leicht mit relativ unerfahrenen Leuten. Beide spielen nicht in der Champions League und damit permanent auf höchstem Niveau.
Das klingt nach einem Plädoyer von Jens Lehmann für Jens Lehmann: Sie sind nicht mehr ganz so jung und spielen noch in der Champions League.
Lehmann:Ich glaube, dass jemand wie ich perfekt wäre, sofern er in das Schema des Bundestrainers passen würde, wonach der Torwart maximal 30 bis 35 Jahre alt sein sollte. Den gibt es aber nicht in Deutschland.
Sie betonen gerne, dass Sie sich wesentlich jünger fühlen…
Lehmann:Das betone ich nicht, sondern muss auf diese Frage nach dem „gefühlten Alter“ mit Ja antworten.


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Frank Lamers
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