Alemannia Aachen hat einen Betonklotz am Bein
04.12.2012 | 19:12 Uhr 2012-12-04T19:12:00+0100
Aachen. Der Traditionsverein Alemannia Aachen, im Jahr 2007 noch Bundesligist, ist pleite. Vordergründig ist der Stadionbau schuld. Im Oktober tat sich ein Finanzloch von 4,5 Millionen Euro auf.
Fußballfreunde in Aachen lernen derzeit neues Fachvokabular jenseits von Doppelpass, Doppel-Sechs und dem nächsten 0:1: Restrukturierungs-Beauftragter zum Beispiel oder Planinsolvenzverfahren mit Eigenverwaltung. Der Traditionsverein Alemannia, 2007 noch Bundesligist, ist pleiter als jeder Geier. Im Oktober hatte sich plötzlich ein Finanzloch von 4,5 Millionen Euro aufgetan, das bis Juni, so die zerknirschten Klubchefs, auf 12 Millionen anwachsen werde.
Bitte? War nicht mit dem Zweitliga-Abstieg im Sommer der Etat zusammen gestrichen worden, die Stadionmiete halbiert? Hat Aachen nicht mit beneidenswerten 13.500 Zuschauern die mit Abstand meisten Besucher in Liga 3 (und liegt 4.000 über Plan)? Wo ist das Geld hin? Ende Mai noch war mit schönen Zahlenkolonnen, von alemannianischen Wirtschaftsprüfern abgesegnet, umgeschuldet worden. Stadt und Land übernahmen zweistellige Millionen-Bürgschaften. Alles im Lot, rief Geschäftsführer Frithjof Kraemer und ließ sich vom Aufsichtsrat im September seinen Vertrag verlängern.
Belogen, betrogen
Am 31.10. wurde er von den gleichen Räten, die entweder Mitwisser oder Aufsichtsversager sind, zu Fuß vom Hof gejagt. Und Aufsichtsratschef Meino Heyen, 66, der 1983 den TecDax-Konzern Aixtron gründete, stotterte wie ein Erstklässler, der beim Schummeln erwischt wurde: „Wir, äh, stehen vor einem Scherbenhaufen.“
Die Alemannia Aachen GmbH hat Insolvenz angemeldet. Die Stadt fühlt sich „belogen, betrogen und über den Tisch gezogen“ und reichte Strafanzeige gegen Kraemer, die Klubfürsten und die Wirtschaftsprüfer ein. Offenbar wurden Altlasten kreativ versteckt. Der Oberbürgermeister spricht von „krimineller Energie“. Fans weinen öffentlich. Im Stadion weht das Plakat „Totenkraemer“.
Der krisengeplagte Fußball-Drittligist Alemannia Aachen hat an die Anhänger appelliert, Geld auf ein Rettungs-Konto einzuzahlen, die Heimspiele zu besuchen und das Rettungs-Shirt zu kaufen. Der insolvente Ex-Bundesligist will im Kampf um das finanzielle Überleben die Fans mobilisieren.
Wegen der „Komplexität und Größe des Falles“ hat die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Wirtschaftskriminalität in Köln das Verfahren an sich gezogen. Es geht um Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung, Insolvenzverschleppung. Haft droht und Haftung mit dem Privatvermögen. Intern lagen die Probleme schon im April auf dem Tisch. Aufsichtsrat Horst Rambau, als Steuerberater ein offenbar kundiger Zahlenmensch, hatte exakt jene 4,5 Millionen Miese für den Herbst prognostiziert, es drohe „ein Desaster“ mit bis zu 12 Millionen Mitte 2013. Heyen und Miträte mobbten den Querulanten juristisch umstritten umgehend aus dem Amt. Auch die blauäugige Stadt kannte Rambaus Warnungen, sie verließ sich aber auf das Testat der Wirtschaftsprüfer.
Vordergründig ist der Stadionbau schuld
Vordergründig ist der Stadionbau schuld. Mit dem grellgelben „Neuen Tivoli“ für 50 Millionen Euro und 33 000 Zuschauer, eröffnet 2009, wollte man wettbewerbsfähig bleiben (Ziel: dauerhaft Liga 1) - und baute sich sein eigenes Mausoleum. Doch der größenwahne Betonklotz ist nur mittelbar das Problem. Entscheidend waren die Kredite mit bis zu 14 Prozent Zinsen. Man sei so in Eile gewesen, ließ Kraemer einmal wissen, deshalb die miese Verhandlungsposition.
Insolvenzantrag bedeutet laut DFB-Statuten automatisch Zwangsabstieg in Liga 4. Die Alemannia-Fans sind fassungslos, wütend - und tun was? Sie spenden („Liebe kennt keine Liga“) ihre letzten Sparcents auf ein „Rettungskonto“. Einer schickte dem Insolvenzverwalter jetzt 5 000 Euro: „Ich vertraue Ihnen. Kaufen Sie nen Knipser.“ Wie surreal Vereinshingabe ist, belegt ein Aachener Malermeister: Er sagt, Bauunternehmer Walter Hellmich schulde ihm noch 320 000 Euro, Alemannia habe sich an fünfstellige Zusagen nicht gehalten, der Stadionbau sei „ein Wust aus Lug, Trug und Intrigen“. Dennoch bezeichnet er sich weiter als Fan und pilgert brav zu den Spielen.
Vater des Stadions ist Jürgen Linden. Der ehemalige SPD-Oberbürgermeister und damalige Aufsichtsratschef der Alemannia, hatte den Neubau forciert, Strippen gezogen, nimmermüde für Stimmung gesorgt. Er gilt vielen jetzt als Pate des Untergangs.
Gigantische Summen
Die Summen sind gigantisch. Das Land NRW ist bei der Alemannia mit 23 Millionen Bürgschaft in der Pflicht, die Stadt mit fast 19 Millionen. Die Fananleihe über 6 Millionen Euro inklusive Zinsen, rückzahlbar 2013, dürfte untergehen. Fananleihen, vielerorts sehr beliebt als Herzblutgabe, dienen dazu, akute Liquiditätslöcher in die Zukunft zu verschieben.
Alemannia muss irgendwie „den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten“, sprich: die Saison zu Ende spielen. Denn wird das Insolvenzverfahren während der Spielzeit eröffnet, steht das sportliche Todesurteil fest: Absturz in die Kreisliga D (11. Klasse). Also geht das Millionenspiel mitten in der Pleite wieder von vorne los: Gebt uns neues frisches Geld, bettelt die Alemannia durch die Stadt, um die Kosten bis Juni schultern zu können. Zwei Millionen fehlen, um Lokalderbys gegen Teams wie DJK Nütheim-Schleckheim zu vermeiden.
Alemannia Aachen steht als erster Absteiger in die Regionalliga fest - der Klub muss Insolvenz anmelden. Die Saison in der 3. Liga soll aber noch zu Ende gespielt werden. Schon länger plagen den Club finanzielle Probleme.
In Aachen helfen jetzt, ganz wie im richtigen Leben, die Superreichen den Gescheiterten per Almosen: Am 20.1. kommt der FC Bayern unentgeltlich zum Rettungsspiel. „Ein Geschenk“, jubelt der Restrukturierungs-Beauftragte Michael Mönig. Klubchef Heyen übrigens hat jetzt abgedankt, tränenreich enttäuscht, überfordert im Chaosklub. Er wartet auf die staatsanwaltlichen Ermittlungen.
Sportlich ist Weitermachen eine Farce. In der Winterpause werden viele Spieler weiterziehen, weil es nur für drei Monate Insolvenzgeld gibt (maximal 5.600 Euro) und Löhne gespart werden müssen. Amateure und A-Jugendliche werden die Profis ersetzen. Dennoch gibt Mönig als Interims-Klubchef den Klassenerhalt der 3. Liga als Ziel aus. „Wenn wir die Insolvenz gut meistern und es sportlich schaffen, darf man doch nicht durch Zwangsabstieg bestraft werden.“ Statut ist Statut, wird der DFB kühl lächelnd sagen und die gesündere Konkurrenz rebellieren.
Und der Trumm von Stadion? Minigolfplatz? Freilichtmessen? Neues Briefverteilzentrum mit einem gelben Sitz für jede Postleitzahl? Eine Nutzung über Konzerte geht nicht, weil es in diesem Schildbürger-Tivoli keine Fluchtwege aus dem Innenraum gibt.
15:32
Das lässt erahnen, dass in naher Zukunft ohnehin eher Klassiker wie „Rosen für den Staatsanwalt" anstatt „Helden der Kreisklasse" zu sehen gewesen wären.
PS:
30 / 70, lautete das Verhältnis von mehr als 1000 Anrufen bei der Lokalzeit auf die Frage, "Soll die Stadt der Alemannia nochmals finanziell aus der Patsche helfen?", wobei sich 70 Prozent dagegen aussprachen. (Oktober 2012)
15:28
als der Rat mitten in seinem Bemühen – den völlig Ahnungslosen zu mimen – mittels Email „offiziell" darüber informiert wurde, dass es "viertel nach zwölf ist". Was macht man, wenn sich trotz gellender Alarmmeldung nichts tut? Man hakt nach und ich nehme an, die damit verbundene Unruhe hat den Schuss ausgelöst, der Rambau sein Amt kostete.
Auffällig auch, dass Horst Rambau nach Offenlegung der tatsächlichen Verhältnisse nicht irgendwie und irgendwo wieder auftauchte. Oder habe ich gemeinsame Bilder mit dem Oberbürgermeister oder anderen Verantwortlichen innerhalb der Presseberichterstattung bloß verpasst?
Im Zusammenhang mit der Kaiserplatzgalerie wurde auch ein großes Kino, der Gloria-Palast abgerissen.
„… Wegen der „Komplexität und Größe des Falles" hat die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Wirtschaftskriminalität in Köln das Verfahren an sich gezogen. Es geht um Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung, Insolvenzverschleppung. …"
Das lässt erahnen, dass in naher Zukunft ohnehin eher Klassi
15:20
Je länger ich darüber nachdenke, je klarer erscheint mir die abwegige Idee: Der Schuss kam direkt aus dem Rathaus. "Friendly Fire" - übersetzt "irrtümlicher Beschuss aus den eigenen Reihen". Wahrscheinlich sind freundlich und irrtümlich zwei völlig falsche Begrifflichkeiten in diesem Zusammenhang. „Schlechte Sicht, menschliches Versagen oder die falsche Parole" liefert Wikipedia als mögliche Ursachen hierfür, aber Wikipedia kennt unsere besonderen örtlichen Gegebenheiten nicht. Ansonsten wären erläuternde Begrifflichkeiten wie Niedertracht, Heimtücke oder betrügerische Absicht zu vermuten.
Horst Rambau hatte als Aufsichtsratsmitglied der GmbH genau das getan, was man von einem Aufsichtsratsmitglied erwarten darf. Er hatte Alarm geschlagen und hat, so ist zu vermuten, nachdem sich nichts tat, den direkten Weg zum Rat der Stadt Aachen gesucht. Es muss für einen bestimmten Teil des Rates äußerst störend gewesen sein, als der Rat mitten in seinem Bemühen –
23:38
Was vor Jahren so absichtsvoll eingefädelt worden ist, findet jetzt seine Erfüllung. Das einzig wirkliche Problem der politisch Verantwortlichen ist dabei, so zu tun, als sei man überrascht und bereits die nächste, zwangsläufig notwendige Rettungsaktion einzuleiten. Ganz großes Kino.
PS:
Für interessierte Vielleser, das online-Forum der Stadt Aachen „Steuergeld für Alemannia“:
http://www.aachen.de/de/stadt_buerger/politik_verwaltung/stadtseiten/forum_stadtseiten/index.html
23:34
dass es zu finanziellen Engpässen kommen würde und genau so klar war, dass dann die Drohung „Es wird noch teurer für Euch, wenn Ihr uns nicht erneut helft“, zwangläufig von Erfolg gekrönt sein würde.
Unfähigkeit als Konzept, in Aachen immer schon eine Erfolgsgarantie. Die unfähigen Vereinsbosse samt aller ihrer Gremien und die verantwortlichen Ratsherren waren längst zu einer parasitären Symbiose verschmolzen. Einerseits fühlt die Stadt sich angeblich betrogen und hat Klage erhoben, andererseits hat sie aber bereits wieder signalisiert, jetzt auftretende Mietausfälle könnten durch entsprechende Rückstellungen kompensiert werden. Aktuell lässt sich der Verein öffentlich dafür feiern, dass er sich selbst mittels „Planinsolvenzverfahren in Eigenverwaltung“ rettet. Anders ausgedrückt, er schmeißt der Stadt die 50 Millionen € teure Schuldenschüssel vor die Füße und möchte demnächst kostenfrei und selbstverständlich weiter exklusiv darin spielen.
Der Kreis schließt sich. Was vor Jahren s
23:31
Sie hatten kein Geld und wollten es trotzdem, das viel zu große und teure Stadion an der Krefelder Straße. Sie wussten um ihre Möglichkeiten, schließlich hatte das erbärmliche „Eine Hand wäscht die andere-Spiel“ jahrzehntelang bestens funktioniert. Verein, Politik und Lokalpresse schoben sich derart dreist die Argumente zu – „für das Überleben des Klubs unbedingt notwendig“ – dass es eine wahre Freude war.
Genau dieselben 5,5 Millionen € an jährlicher Zins- und Tilgungslast, die vor dem Bau als „besonders ambitioniertes Finanzierungskonzept“ von der Lokalpresse frenetisch gefeiert wurden, wurden unmittelbar nach dem Bau als „unerträgliche Belastung“ gebrandmarkt.
Damit ist die Geschichte im Wesentlichen bereits erzählt. Ausnahmslos allen Beteiligten war dieses Szenario von Beginn an bewusst. Getreu dem Motto „Nach uns die Sintflut“ wurde diese Schuldenschüssel ohne jedes eigene Risiko einfach mal so in die Landschaft gestellt. Jedem der bis drei zählen konnte war klar, dass es zu f