Unterhaching setzt auf einen Hoffnungsträger mit Handicap

Es geht: Christian Ziege gibt Simon Ollert Anweisungen.
Es geht: Christian Ziege gibt Simon Ollert Anweisungen.
Foto: imago
Nachwuchstalent Simon Ollert hat mit 17 Jahren seinen ersten Profivertrag bei Spvgg Unterhaching unterschrieben – obwohl er von Geburt an taub ist.

München.. Christian Ziege will wechseln. Das Testspiel seiner Spielvereinigung Unterhaching bei Bayern München II läuft noch eine halbe Stunde. Nun soll ein frischer Angreifer kommen. „Simon, wir wechseln!“, brüllt Ziege über den Platz. Das Problem: Simon Ollert dehnt sich gerade, blickt auf den Boden. Ein Teamkollege tippt ihn auf die Schulter. Ollert richtet sich auf, sieht den rufenden Trainer und spurtet zur Ersatzbank. Eine Minute später steht er auf dem Platz.

Wer Ollert auf die Ohren schaut, ahnt, warum der Fußballer auf Zieges ersten Ruf nicht reagieren konnte. Die Hörgeräte sind nicht zu übersehen. „Mit denen liegt die Hörleistung bei 60 Prozent. Ohne die Geräte bin ich taub“, erklärt Ollert beim Gespräch im Hachinger Vereinslokal „Bei Gino“.

Ollert beeindruckte von Beginn an

Er ist mit diesem Handicap geboren. „Trotzdem hatte ich schon früh das Ziel, Fußballprofi zu werden“, erzählt Ollert. Bis 2012 spielte er noch für die JFG Ammerthal, einem kleinen Verein nahe der Grenze zu Österreich. Dann entdeckten die Hachinger den talentierten Stürmer bei einem Sichtungslehrgang und holten ihn in den Münchner Süden.

Ziege sah Ollert zum ersten Mal in der U 17 und war beeindruckt. „Simon bringt eine Gabe mit, die heutzutage nur noch wenige Fußballer haben. Er weiß genau, wo der Ball runterkommt und kann den dann blitzschnell verwerten“, sagt der Europameister von 1996. Dennoch war er skeptisch. Schließlich funktioniert beim Fußball vieles auf Zuruf. Ein tauber Mitspieler könnte Probleme haben, die Anweisungen des Trainers und der Kollegen rechtzeitig zu erfassen.

Debüt gegen Bielefeld

Ziege wollte sich vom Gegenteil überzeugen und gab seinem Sturmjuwel eine Chance. Er berief Ollert Mitte der Hinrunde in den Profikader. Gegen Arminia Bielefeld feierte der Angreifer sein Drittliga-Debüt, da war er gerade einmal 17 Jahre und fünf Monate alt. Es folgten vier weitere Einsätze und weil Ollert überzeugte, bekam der A-Jugendliche kurz vor Weihnachten einen Profivertrag. Bis 2017 ist er nun an die Hachinger gebunden.

Zieges Skepsis ist längst gewichen. „Es geht alles. Wenn ich Simon etwas mitgeben will, muss ich ihn eben an die Seitenlinie holen. Das ist in einem Spiel aber immer möglich“, sagt der 42-Jährige. Ziege hat auch bei den Teamsitzungen etwas verändert. „Ich war es immer gewohnt, bei einer Videoanalyse hinter der Mannschaft zu sitzen. Das geht nun nicht mehr, weil Simon sonst kaum etwas mitbekommt. Er muss sehen, wie ich meine Lippen bewege“, erklärt Hachings Trainer.

Probleme bei Regen

Manfred Schwabl hat mittlerweile das Lokal „Bei Gino“ betreten. Der langjährige Profi des FC Bayern ist seit 2012 Präsident der Spielvereinigung. Er hat viele Jungs in Unterhaching gesehen. „Simon sticht mit seinem Ehrgeiz unter unseren Talenten hervor“, sagt Schwabl. Der Karriereplan des 17-Jährigen beeindruckt den Präsidenten. „2016 will ich mein Abitur in der Tasche haben und dann zählt nur noch Fußball. Nach einer Alternative schaue ich mich nicht um. Ansonsten droht die Gefahr, dass ich einige Prozent nachlasse und das kann ich mir nicht erlauben“, sagt Ollert.

In Unterhaching regnet es mittlerweile. Stände für Ollert jetzt ein Spiel an, er müsste auf seine Hörgeräte verzichten. „Bei starkem Regen gehen die Dinger kaputt. Deshalb kann ich sie im Spiel nicht tragen“, sagt der Jungprofi.

„Manchmal wäre es schon schön, mehr mitzubekommen.“

Schwabl lacht. Er muss an die Partie gegen den MSV Duisburg denken. Es schüttete den ganzen Abend. Ollert stand zur Einwechslung bereit und drückte dem Klubchef vorher noch die Hörgeräte in die Hand.

Zwei Monate nach dem Regenspiel gegen Duisburg erlebte Ollert den bislang schönsten Moment seiner jungen Profikarriere. Ziege wechselte den Angreifer gegen Rot-Weiß Erfurt kurz vor Schluss ein. Aus einem 2:2 machten die Hachinger noch ein 4:2, den Treffer zum Endstand bereitete der Joker vor. Die Fans jubelten, der Stadionsprecher feierte die Tore ab. Ollert erlebte diese Geräuschkulisse gedämpft: „Manchmal wäre es schon schön, mehr mitzubekommen.“

Den Trubel um ihn herum kann er jederzeit ausblenden. Er träumt oft von diesem Moment. Er steht in einem Champions-League-Finale am Elfmeterpunkt. Das Stadion tobt, Fans schreien. „Dann drücke ich auf einen Knopf und bin alleine“, lächelt Ollert.

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