Der Trainingslager-Skandal hat Stefan Effenberg verletzt

Stefan Effenberg lobt die Spielweise Paderborns gegen Sandhausen - Niederlage hin oder her.
Stefan Effenberg lobt die Spielweise Paderborns gegen Sandhausen - Niederlage hin oder her.
Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Paderborns Coach fühlt sich von den Medien unfair behandelt. Im Interview spricht er zudem über seinen Umgang mit Niederlagen und seine Philosophie.

Paderborn.. Mit Schwung tritt Stefan Effenberg in den Raum. Pünktlich zur vereinbarten Zeit. Im Trainingsanzug seines Klubs SC Paderborn erscheint der „Tiger“ und nimmt sich eine kleine Auszeit vom Trainingsbetrieb im neuen Trainings- und Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Zweitligisten. Obwohl: Auszeit? Effenberg spricht über die anhaltende sportliche Krise des Tabellen-16., er versprüht Hoffnung auf einen schnellen Ergebnis-Umschwung und beißt verbal in Richtung einiger Kritiker.

Herr Effenberg, haben Sie sich im neuen Trainings- und Nachwuchsleistungszentrum bereits gut eingelebt?

Stefan Effenberg: Ja, ausgezeichnet. Die Bedingungen, die hier für uns geschaffen wurden, sind auf einem hohen Niveau außergewöhnlich. Nichts gegen die Paderkampfbahn, aber für die Ansprüche, die wir haben, brauchen wir so ein Trainingszentrum.

Der kurzfristige Anspruch ist der Klassenerhalt, der mittelfristige die Rückkehr in die obere Region der Tabelle. Können Sie das Training nun besser darauf ausrichten?

2.Liga Effenberg: Für mich persönlich sind die Plätze enorm wichtig. In der Paderkampfbahn hatten wir nur einen. Dort war es deshalb schwieriger, mit einer Gruppe von 24, 25 Spielern ordentlich zu arbeiten. Der Bau des Trainingszentrums war der richtige Schritt für den SC Paderborn, um – unabhängig von meiner Person - gut, sehr gut vorbereitet sogar in die Zukunft zu gehen.

Der Bezug des TNLZ soll ein wichtiges Puzzleteil im Kampf um den Klassenerhalt sein. Wie sehr wirft die 0:1-Niederlage beim SV Sandhausen Sie und Ihren Klub zu Beginn der zweiten Saisonhälfte zurück?

Effenberg: Das Ergebnis tat weh, gar keine Frage. Weil wir einfach die bessere Mannschaft waren und auch der Schiedsrichter seinen Teil zur Niederlage beigetragen hat. Das ist natürlich bitter. Auf der einen Seite gefällt mir, wie wir unser Spiel aufgezogen haben. Auf der anderen ist das alte Dilemma, dass wir selbst aus kürzester Distanz unsere Torchancen nicht genutzt haben. Aber wir dürfen den Glauben an uns nicht verlieren – und das tun wir auch nicht.

Zumal die Konkurrenz für den SCP spielte?

Effenberg: Man sollte es nicht vor dem Spiel tun, aber mittlerweile schielen wir doch ein bisschen auf die Konkurrenz. Wir haben uns nicht gefreut, das wäre falsch ausgedrückt, aber es ist ja kein Nachteil, dass Fortuna Düsseldorf und 1860 München ebenfalls nicht gewinnen konnten.

Spricht man Sie nach einer Niederlage wie in Sandhausen auf der Rückfahrt im Bus besser nicht an? Wie ist Ihr Gemütszustand in solchen Fällen?

Fußball Effenberg: (schmunzelt) Bescheiden. Ansprechen kann man mich immer, aber ich bin schon etwas gereizt. Du trittst ja immer an, um Spiele zu gewinnen. Nach solchen Spielen wie in Sandhausen, in denen wir wirklich besser waren und wieder als Verlierer vom Platz gehen mussten, frage ich mich, ob der Fußball-Gott da oben noch ein Nickerchen macht. Aber wir müssen das Glück auch erzwingen!

Wenn Sie auf die Anfangsmonate Ihrer ersten Station als Trainer zurückschauen: Haben Sie sich den Job so vorgestellt?

Effenberg: Gewünscht hätte ich sie mir anders, das ist doch klar. Aber man darf in der ganzen Situation nicht vergessen, dass ich keine Mannschaft übernommen habe, die auf Platz drei, vier oder fünf stand und anschließend durchgereicht wurde. Dann würde ich mir Sorgen machen. Gedanken mache ich mir auch jetzt viele, aber dann würde ich mir echte Sorgen machen. Aber das ist nicht der Fall.

Wie haben Sie die Situation in Paderborn seit ihrem Dienstantritt im vergangenen Oktober erlebt?

Paderborn-Skandal Effenberg: Ich habe die Mannschaft mit Sören (Co-Trainer Sören Osterland; d. Red.) in einer Situation übernommen, die nicht einfach war. Einige Leute fingen wegen meiner Verpflichtung zwar an, von einer schnellen Rückkehr zum Erfolg zu träumen, aber ich muss ja auch lernen – was ich in meiner täglichen Arbeit tue. Die Situation ist eine Herausforderung.

Was stimmt Sie positiv, diese Herausforderung erfolgreich zu meistern?

Effenberg: Ich sehe, wie die Mannschaft mitzieht, wie sie bereit ist, alles für den Klassenerhalt zu tun. Das hat man am Freitag in Sandhausen auch gesehen und muss es mit in sein Urteil einfließen lassen.

Am Ende bleibt es bei der Niederlage.

Effenberg: In der Endabrechnung ja. Aber Sie müssen auch die Art und Weise, wie wir Fußball spielen sehen – und sportlich fair beurteilen. Spielerisch war Sandhausen ein weiterer Fortschritt, definitiv. Wir müssen einfach an uns glauben und überzeugt davon sein, dass die Ergebnisse jetzt kommen.

Warum Effenberg sich nicht zur ruhigen Zeit als TV-Experte zurücksehnt

Sie waren ein erfolgreicher Spieler, Sie waren geschätzter Fernseh-Experte. Gab es in den vergangenen Monaten einen Moment, an dem Sie für sich gedacht haben: Mensch, wäre ich lieber Fernseh-Experte geblieben?

Effenberg: Überhaupt nicht, nein! Ich genieße das hier. Es gibt doch in jedem Leben und in jedem Job gute Zeiten und schlechte. Und man muss auch im Wind stehen, wenn es mal stürmisch wird. So ein Typ war ich als Spieler und bin es nun als Trainer. Bei allen Schwierigkeiten ist es ja auch eine interessante Phase, eine sehr lehrreiche Phase. Ich habe in relativ kurzer Zeit viel erlebt und mitgemacht. Solche Dinge machen einen ja auch stärker.

Sie sagten bei Ihrer Vorstellung in Paderborn, Sie hätten sich akribisch vorbereitet auf den Klub und die 2. Bundesliga. Entspricht die Realität Ihren Erwartungen?

Effenberg: Die 2. Bundesliga ist unberechenbar und bis auf vielleicht zwei, drei Vereine unglaublich ausgeglichen. Du musst halt deine Tugenden in die Waagschale schmeißen. Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie, wie er spielen lassen möchte.

Beschreiben Sie Ihre Philosophie doch bitte kurz.

Effenberg: Wir wollen „Fußball spielen“. Wir wollen von hinten heraus Ballbesitz haben und versuchen, uns durch Pass- und Laufwege nach vorne zu kombinieren. Meine Philosophie ist erkennbar und basiert nicht auf Glück oder einfachem Fußball. Wenn wir auf die Zeit vom ersten Trainingstag am 8. Januar schauen, bin ich zufrieden damit, wie die Spieler diese Philosophie umsetzen. Aber ich kenne natürlich die Mechanismen im Fußball und weiß, dass unter dem Strich die Ergebnisse stimmen müssen.

Glauben Sie, dass sie Ihre Philosophie im oft rustikalen Abstiegskampf durchhalten können?

Effenberg: Ich werde sie durchhalten. Ich werde die Art und Weise, wie wir Fußball spielen definitiv nicht ändern. Definitiv nicht, nein.

Es gibt Kollegen, die halten das anders.

Effenberg: Wir haben auch in Sandhausen, bis auf das Gegentor und eine weitere Möglichkeit, defensiv nichts zugelassen. Das ist Fakt. Aber darüber hinaus werde ich die Kraft, die wir nach vorne haben, nicht herausnehmen, um das eigene Tor zu verteidigen. Die Fans sollen ja auch ins Stadion gehen, weil es Spaß macht, der eigenen Mannschaft beim Fußball spielen zuzuschauen und ich betone: spielen! Natürlich: Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, gibt es immer Kritiker und Leute, die daran zweifeln, aber das ist meine Philosophie und die ziehe ich durch.

Wie gehen Sie als Trainer mit Kritikern um? Als Spieler machten Sie Schlagzeilen durch Ihre „Freunde der Sonne“-Rede. Lassen Sie als Trainer mehr Milde walten?

Effenberg: Man muss ein Fußballspiel immer sportlich kritisch, aber fair beurteilen. Dann bin ich total kritikfähig und -fest. Wenn man das nicht tut, sondern nur auf meine Person abzielt und das Negative hervorhebt, muss ich damit zwar leben, aber es ist ein Zeichen mangelnden Respekts. Ich bin ja nicht der erste Trainer, der sich darüber aufregt.

Ein Sieg nähme Ihren Kritikern viel Munition, oder?

Effenberg: Wir müssen Punkte einfahren, darum geht es. Und wenn wir das nicht schaffen, wird es immer lauter, dessen bin ich mir bewusst. Ich sage deshalb auch nicht, lassen Sie uns mal schauen, was in zwei, drei, vier Wochen sein wird. Nein, ich bin total fokussiert auf das Heimspiel am Freitag gegen den 1. FC Kaiserslautern. Wir sollten dort drei Punkte holen. Ich sehne mich nach drei Punkten, für mich persönlich und für die Mannschaft, die es verdient hat, weil sie einen unglaublichen Aufwand betreibt.

Sie sehnen sich nach drei Punkten, Ihr Präsident Wilfried Finke ebenfalls. Wie hat sich ihr Verhältnis entwickelt? Bei Ihrer Vorstellung sahen Sie und er sehr glücklich miteinander aus.

Effenberg: (grinst) Wenn man gerade einen Vertrag unterschrieben hat, blickt man positiv und voller Euphorie in die Zukunft. Im Ernst: Als Trainer habe ich zehn Spiele zu verantworten. Der Auftritt in Bochum war eine Katastrophe, gegen Freiburg waren 70 Minuten schlecht. Aber in den restlichen acht Ligaspielen hat uns kein Gegner an die Wand gespielt. Wir haben zweimal gewonnen und viermal unentschieden gespielt, weil uns in diesen vier Spielen das Quäntchen Glück fehlte. Gegen Nürnberg war mehr drin als die Niederlage und jetzt gegen Sandhausen waren wir definitiv besser. Nun kann sich jeder daraus etwas nehmen und sagen: Katastrophe, weg! Oder: Warte mal, das stimmt! Er hat ja Recht. Wenn man die Spiele richtig analysiert, ist es genauso.

Haben Sie das Wilfried Finke auch so erklärt?

Effenberg: Natürlich, das sieht er mit seinem Fachwissen aber auch selbst.

Trotzdem gab es einen Stimmungsumschwung. Bei der Mitgliederversammlung im Dezember war alles prima und es wurde sogar über eine Rückkehr in die Bundesliga gesprochen, nach dem Trainingslager im Januar gab es das Ultimatum für Sie, dass Sie im Februar Siege liefern müssen.

Effenberg: Damit lebe ich aber jetzt. Ich habe am Freitag nach dem Spiel in Sandhausen schon intensiv mit ihm gesprochen. Da sagte er auch: 'Spielanlage, toll. Genauso weiter, dann kommen die Ergebnisse. Wir halten zusammen.'

Wo sehen Sie sich im März?

Effenberg: Ich weiß schon, wie die Mechanismen im Fußball sind. Vielleicht sitzen wir an einem Tisch und liegen uns in den Armen oder wir liegen uns nicht in den Armen – und dann wird meine Reise trotzdem weitergehen. Ich hoffe und wünsche mir, dass dies in Paderborn der Fall sein wird, weil ich mich tierisch wohlfühle und gerne mit den Jungs zusammenarbeite. Die sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Unabhängig von dem, was im Trainingslager war und was von einigen Medien aus meiner Sicht unfassbar ausgeschlachtet wurde.

Sehen Sie dadurch Ihren Ruf beschädigt?

Effenberg: Natürlich, obwohl ich es ja nicht gemacht habe.

Effenberg: "Das hat nichts mehr mit kritischem Journalismus zu tun"

Aber der ausgeuferte Mannschaftsabend und das Herunterlassen der Hose durch Nick Proschwitz fällt auf Sie zurück.

Effenberg: Es fällt auf mich zurück – und das empfinde ich als unfair. Ich bin zwar mitverantwortlich für die Mannschaft, aber ich kann doch nicht jeden Spieler abends ins Zimmer schicken und die Tür abschließen. Wo kämen wir denn da hin? Eine gewisse Eigenverantwortung erwarte ich. Wie dieser Vorfall medial dann ausgeschlachtet wurde, zielt voll auf meine Person ab. Ich weiß nicht, ob das bei einem anderen Trainer genauso passiert wäre. Mit Sicherheit nicht. Das ist schade, aber es ist abgespeichert – und es werden wieder andere Tage kommen.

Sie polarisierten bereits in der Vergangenheit als Spieler.

Effenberg: Was hat meine Vergangenheit damit zu tun? Ich habe am 13. Oktober 2015 als Cheftrainer des SC Paderborn angefangen – und genauso möchte ich beurteilt werden. Als Cheftrainer des SC Paderborn. Ich habe Ihnen gerade die zehn Spiele genannt, nach denen man mich sportlich kritisch, aber fair beurteilen soll. Wissen Sie, wie ich mich gefühlt habe, als riesengroß auf einer halben Zeitungsseite die Wörter Penis, Skandal und Effenberg plus ein Foto von mir in Zusammenhang gesetzt worden sind? Wenn man das liest und anschließend mit den Eltern redet, mit der Familie oder Freunden – das ist nicht einfach. Und glauben Sie mir nicht, dass ich dann nach Hause gehe und sage: Och, der Effenberg kann das ab.

Aber...

Effenberg:...Das hat nichts mehr mit kritischem Journalismus zu tun. Das hatte nur damit zu tun, Stefan Effenberg ans Messer zu liefern. Das war purer Boulevard und nichts anderes. Punkt. Die Sache tat weh und hat mich persönlich verletzt.

Dabei hatten Sie sich den SC Paderborn auch wegen des ruhigeren Umfelds ausgesucht, in dem Fehler vielleicht nicht so beleuchtet werden und Sie es bei der ersten Station als Trainer etwas leichter haben.

Effenberg: Ja, aber ich stelle das Positive in den Vordergrund. Die Situation ist unangenehm für uns als Team, aber nur wenn ich die Mannschaft nicht im Griff hätte, wäre es schwierig. Doch ich sehe, dass die Jungs bereit sind – und deshalb bin ich guter Dinge, dass die positiven Ergebnisse ganz schnell und zeitnah kommen.

Haben Sie eigentlich Zeit, ab und an Menden, die Heimatstadt Ihrer Frau, zu besuchen?

Effenberg: Meine Schwiegermutter lebt dort noch, aber ich habe leider keine Zeit, dort regelmäßig vorbeizuschauen. Nicht, weil ich an freien Tagen sofort wieder nach München fahre, was viele meinen. An jedem freien Tag, den wir bis jetzt hatten, war ich in Paderborn, um mich und meine Mannschaft auf das nächste Training und auf die Spiele vorzubereiten.

Sie waren ja auch bereits am 1. Januar wieder in Paderborn, obwohl der offizielle Trainingsstart erst am 8. Januar war.

Effenberg: Genau. Das sind Zeichen, die ich setze. Ich hätte ja noch eine ganze Woche gehabt, um Urlaub zu machen. Aber ich habe gesagt: Nein, ich gehe nach Paderborn. Ich habe das Ziel, diese Herausforderung erfolgreich zu bestehen. Dafür investiere ich alles.