Trauer um Malanda - Brüssel verabschiedet "Champion im Himmel"

Die Angehörigen Malandas verabschiedeten sich im Wolfsburg-Trikot.
Die Angehörigen Malandas verabschiedeten sich im Wolfsburg-Trikot.
Foto: Imago
Was wir bereits wissen
2000 Menschen kamen zur Trauerfeier nach dem Unfalltod des Wolfsburger Fußballprofis Junior Malanda in Brüssel. Sie hörten teils herzzerreißende Worte.

Brüssel.. Es gibt vieles, was zu Herzen geht an diesem trüben Winterdienstag in der grauen Stadt Brüssel. Zum Beispiel die kleine Collage mit Fotos von Jugendmannschaften, die der Vorstadt-Club RSD Jette an sein Trauer-Gebinde geheftet hat, das mit vielen anderen Kränzen und Gestecken auf den Kirchen-Stufen liegt. In Jette ist Bernard Malanda-Adje geboren, der Mann, den sie Junior nannten. Hier hat er als kleiner Junge gespielt, als er noch richtig junior war. „Wir suchen überall nach dem Gesicht, das wir verloren haben“, steht unter den blassen Bildchen.

Die Wolfsburger, Malandas Klub am anderen Ende seiner tragisch kurzen Laufbahn, haben es etwas offizieller ausgedrückt. „Für immer in unseren Herzen“ und “Wir werden Dich nie vergessen“ steht auf den silbernen Kranzschleifen, die im Namen des VfL und seines Sponsors Volkswagen vor dem Eingang zur großen Kirche niedergelegt sind. Es sind die Standard-Formeln. Doch alles spricht dafür, dass es in diesem Fall wahr ist: Den werden sie nicht vergessen, und diese Trauerfeier auch nicht.

2000 sind gekommen, um Abschied zu nehmen

Schauplatz ist die „National-Basilika vom Heiligen Herzen“ im Stadtteil Koekelberg. Ein Trumm von einem Gotteshaus, architektonisch irgendwo stecken geblieben auf dem Weg von der Kirche zum Kraftwerk. Untauglich für normales Gemeindeleben, dient die Kathedrale der Hauptstadt und dem ganzen Land als großer Rahmen für große Anlasse: Hochzeit im Königshaus, Nationalfeiertag. Der Innenraum ist riesig, aber dennoch dem Andrang nur knapp gewachsen. An die 2000 Leute, doppelt so viele wie erwartet, mögen es sein, die gekommen sind, um Abschied nehmen vom Wolfsburger Profi und Kapitän der „Espoirs“, der belgischen U-21-Nationalmannschaft.

Wie angekündigt, sind auch Mannschaft und Vereinsführung des VfL Wolfsburg am Morgen nach Brüssel geflogen, um an der Zeremonie teilzunehmen: Manager Klaus Allofs, Trainer Dieter Hecking, Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz und die Spieler, Kevin De Bruyne an der Spitze, Malandas Landsmann, Kumpel und Kollege in der Nationalmannschaft. Auch Anthony D’Alberto und Jordan Atheba, die auf der Unglücksfahrt mit im Auto saßen, sind gekommen. An diesem Tag tragen De Bruyne und die anderen „Roten Teufel“ schwarz. Dafür haben Malandas Mutter Brigitte, sein Bruder Rudy und weitere Mitglieder der Familie unter dem Mantel grüne Wolfsburg-Trikots angezogen. Das Trikot des SV Zulte Waregem, Marandas letzten belgischen Clubs, ist auf dem weißen Sarg drapiert. Und überall Fotos des Verunglückten, zwei große am Altar, kleine Schwarz-Weiß-Porträts an den Jacken und Mänteln vieler Trauergäste.

„Wir sehen uns im Himmel, mein Champion!“

Die Zeugnisse, die Angehörige und Freunde ins Mikro sprechen, sind herzzerreißend. „Sei unser Schutzengel!“, ruft der Großvater. „Er war so besonders“, sagt die Tante, „immer liebenswürdig und lustig – ich vermisse dieses Lächeln und diese schöne Seele.“ Der Vater zählt mit fester Stimme noch einmal die wichtigsten Stationen auf im kurzen Leben des Fußballers Junior, bis es am 10. Januar auf der A2 bei Porta Westfalica endete, auf dem Weg zum Trainingslager in Südafrika. Und eine einstige Spielkameradin und „kleine Schwester“ rührt viele Zuhörer zu Tränen. Selber schluchzend, erinnert sie sich, wie Junior, immer schon ein Brocken und Kraftpaket, sie auf den Schultern getragen und beschützt habe: „Wir sehen uns im Himmel, mein Champion!“

Es ist eine lange Messe, über zweieinhalb Stunden, mit sieben Geistlichen und Ansprachen, Gebeten und Gesängen in Französisch, Niederländisch, Englisch, Deutsch, Latein und Lingala, wie sie es im Kongo sprechen. „Tu es là au coeur de nos vies“ singt der Chor und „Nkembo alleluja“. Die Frauen auf den Krichenbänken, manche in afrikanischen Gewändern, wiegen sich, klatschen im Rhythmus, und einige rufen „Gloire de Dieu!“, Gott sei gelobt. Malandas Onkel, der selber Priester und zugleich Schiedsrichter ist, erzählt eine Geschichte: Wie Junior ihn gefragt habe, wie das denn zusammengehe – Diener des Herren und rote Karte? Kein Problem: Geht prima. Er zeige die rote Karte „avec d’amour“, mit Liebe. Da lachen die, die vorher geweint haben, ausnahmsweise.

Belgische Fans sind treu

Die Familie hat ihre Wurzeln im Kongo, aber Junior war ein Brüsseler Junge, ein „Ket“. Bei uns würde man sagen: ein Straßenfußballer. Nach Jugendjahren beim RSC Anderlecht und im nordfranzösischen Lille spielte er als Jungprofi anderthalb Jahre bei Zulte in der flämischen Provinz, wo er immerhin belgischer Vize-Meister wurde. Der Vereinswechsel nach anderthalb Jahren verlief auf Führungsebene nicht hundertprozentig harmonisch, aber das kann das Juniors Bild in der Anhängerschaft nicht trüben. Belgische Fans sind treu, besonders wenn einer ihrer Helden ums Leben kommt. Bis heute applaudieren sie beim FC Brügge in jedem Heimspiel in der 23. Minute – Gedenken an Francois Sterchele, der hier einst das Trikot mit der Nummer 23 trug, bevor er seinen Porsche gegen den Baum fuhr. Bei Zulte - oder „Essevee“, wie die Fans sagen – wollen sie sich daran ein Beispiel nehmen.

Vergangenen Samstag, beim ersten Spiel nach der Tragödie in Deutschland, haben die Fans in Minute 28 geklatscht. Juniors Rückennummer - ein Tribut an den Champion im Himmel.