Schalkes Huntelaar scheitert, die Japaner drehen auf

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Was wir bereits wissen
Klaas-Jan Huntelaar zeigt ungewohnte Schwächen. Tim Wiese führt das Hoffenheimer Chaos auf dem Rasen an, Markus Babbel daneben. Rudi Völler trifft mal wieder den Falschen. Szabolcs Huszti gehört nach dem dritten Spieltag der Bundesliga sowohl in die Tops als auch in die Flops. Weiter in den Tops: erfrischender Fußball, auch aus Fernost und ein Abwehrbollwerk.

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Die Tops und Flops des 3. Spieltags in Textform

Flops:

Klaas-Jan Huntelaar (FC Schalke 04): So kennt man ihn nicht, den "Hunter", den Torschützenkönig der vergangenen Bundesliga-Saison. Sonst eiskalt vor dem Tor, scheiterte er diesmal drei Mal kläglich und übersah zweimal den freien Mitspieler. Vom Ego-Anfall ist die Rede. Immerhin, seine Mannschaft siegte trotzdem: 2:0 in Fürth. Und Huntelaar, so viel scheint sicher, wird wieder treffen wie gewohnt. Der Mann kann gar nicht anders.

Ganz Hamburg: Unter Druck hat der Hamburger Sportverein viel Geld investiert: Erst kamen Martin Jiracek und Milan Badelj zum noch nie abgestiegenen Bundesliga-Dino, dann auch noch der als Messias gefeierte Rückkehrer Raphael Van der Vaart - für zusammen rund 20 Millionen Euro. Ergebnis: Tabellenplatz 17 nach drei Spieltagen, null Punkte, dreimal verdient verloren. Und der nächste Gegner? Der Deutsche Meister. Borussia Dortmund reist mit all der Spielfreude aus der Partie gegen Leverkusen an. Als Hamburger kann man sich sorgen um seinen Verein. Nicht, dass trotz aller Investitionen die im Stadion tickende Bundesliga-Uhr am Saisonende stehen bleibt - nach genau 50 Jahren.

Markus Babbel und die TSG Hoffenheim: Markus Babbel fühlt sich überfordert im kleinen Klub aus der Kraichgauer Provinz. Kein Wunder. Der Mann ist Großes gewohnt: München, Hamburg, Liverpool. Und nun Hoffenheim, grüne Wiesen und unter der Woche Ruhe trotz desolater Leistungen. Zuviel für Babbel. Also sorgt der erfolglose Trainer - erst vier Siege seit seinem Amtsantritt im Februar - selbst für mediales Getose. Babbel will nicht mehr in Doppelfunktion arbeiten. Der Verein soll einen Manager suchen. Kandidaten sind wohl der Ex-Schalker Andreas Müller und der Ex-Bayer Christian Nerlinger. Neulich hieß es, Hoffenheim suche seine Identität. Längst gefunden: viel Geld, keine Seele und kein Konzept.

Tim Wiese (TSG Hoffenheim): Und mitten drin im Hoffenheimer Chaos steht, sitzt, springt und scheitert Tim Wiese. Kürzlich noch Nationaltorwart und EM-Teilnehmer, irrt der 30-Jährige durch seinen Strafraum. In Freiburg verschuldete er mit zwei groben Fehlern die Niederlage. Mit dem Spott muss er nun leben. Er faselte von Angeboten aus dem Ausland, etwa von Real Madrid, und ging nach Hoffenheim um Champions League zu spielen. Tatsächlich aber spielt er beim Tabellenletzten der Bundesliga, der deutlich die meisten Gegentore der Liga kassiert hat.

Rudi Völler (Bayer 04 Leverkusen): Wenn der Rudi poltert, spielt seine Mannschaft schlecht. Soweit normal. Nur lässt Völler seinen Frust selten an den eigenen Spielern ab. Meist trifft es andere, dieses Mal TV-Kommentar Marcel Reif. Ein "Klugscheißer" soll der ergraute Grimme-Preisträger sein. Mag sein, die Meinungen über Reif mögen geteilt sein. Völler aber sollte sich lieber an die eigene Nase packen, die ist groß genug. Und sie war sein Werkzeug um die Spieler aufzuspüren, die am Samstag in Dortmund keine Gegenwehr leisten konnten. Also Rudi, nicht immer schimpfen auf den Waldi, den Fjörtoft, den Merk oder den Reif. Vielleicht mal anfangen mit dem Wollscheid, dem Bender oder dem Hegeler.

Das Regelwerk: Genau genommen Seite 88 des Regelwerks. Dort steht vermerkt, was passiert, wenn ein Spieler seiner unbändigen Freude freien Lauf lässt, sich das Trikot vom Leibe reißt und zu seinen feiernden Fans auf den Zaun springt: jeweils ist dem Spieler die gelbe Karte zu zeigen. Logisch, dass Gelb-Rot sieht, wer beides macht. So wie Szabolcs Huszti, der in allerletzter Sekunde eines packenden Fußballspiels das Siegtor erzielte. Im ganzen Spiel keine Karte für ein Foul, aber der Matchwinner flog vom Platz. Hannover immerhin legte Einspruch ein gegen die anstehende Sperre: Huszti nämlich habe die erste gelbe Karte nicht wahrnehmen und sein Verhalten danach ausrichten können. Fraglich, ob die Regelhüter das genauso sehen...

Tops

Szabolcs Huszti (Hannover 96): Der Ungar tauchte schon in den Flops auf - das allerdings wegen des Regelwerks, nicht wegen seiner Leistung. Huszti, vor der Saison von Zenit St. Petersburg nach Hannover zurückgekehrt, ist famos in die Bundesliga-Saison gestartet: Zwei Tore und fünf Vorlagen hat der 29-Jährige nach drei Spieltagen auf dem Konto und Hannover 96 so auf Platz drei geführt. Am Samstag gegen Werder Bremen erzielte er das 1:0 mit einem sehenswerten Freistoß selbst und bereitete das 2:0 vor. Nach Bremens Ausgleich gewann Huszti kurz vor Ablauf der Nachspielzeit den Ball gegen Aaron Hunt in der eigenen Hälfte, leitete den Konter ein und schloss den Angriff 60 Meter weiter vorne nach Konstantin Rauschs Flanke spektakulär ab: per Seitfallzieher zum 3:2-Siegtreffer. Danach flog er vom Platz - nachzulesen in den Flops.

Die Zuschauer in Hannover und Freiburg: Emotion pur, 49000-mal in Hannover und 22800-mal in Freiburg. Wer für den Hannoveraner Sieg gegen Bremen und den der Freiburger gegen Hoffenheim Eintritt bezahlte, hätte den Fußball-Millionären hinterher wohl gerne noch Trinkgeld in die Kabine gebracht. Denn was die vier Mannschaften boten, war Fußball wie er lebendiger kaum sein kann: vier Teams, die bedingungslos und leidenschaftlich auf Sieg spielen, dazu Spielverläufe, die sich ein Dramaturg nicht ausdenken kann. Hoffenheim gleicht in Freiburg zum 3:3 aus und verliert 3:5, Bremen gleicht in Hannover zum 2:2 aus und verliert durch Husztis großartigen Treffer 2:3. Nach dem Abpfiff feiern ausgelassene Sieger in der Kurve und sinken verbitterte Verlierer auf den Rasen. Beglückwünschen darf man sie alle, die Spieler, die Zuschauer, die Liga.

Eintracht Frankfurt: Der Aufsteiger ist nach drei Spieltagen Bayern-Jäger Nummer 1. Mit jeder Menge Selbstvertrauen und offensivem Fußball tritt die Mannschaft von Trainer Armin Veh auf und steht punktgleich mit dem ruhmreichen FC Bayern München auf Tabellenplatz zwei. Der Klassenerhalt scheint fast schon sicher. Veh und Sportdirektor Bruno Hübner haben die Mannschaft stimmig zusammengestellt: Der in Hamburg überragende Kevin Trapp im Tor, eine ausgeglichen gut besetzte Viererkette, ein dominantes und spielfreudiges Zentrum um Kapitän Pirmin Schwegler, Youngster Sebastian Rode und den torgefährlichen Alexander Meier, dazu agile und technisch starke Außen und vorne drin mit Olivier Occéan der Zweitliga-Torschützenkönig. Von der alten Frankfurter Diva ist in dieser Saison noch viel zu erwarten, vor allem: junger, erfrischender Fußball.

Die Japaner: Da verlässt der beste aus dem Land des Lächelns, Shinji Kagawa, die Bundesliga und niemand muss lange weinen. Nicht mal der BVB, denn der hat jetzt Marco Reus. Auch nicht die Japaner, denn die können ihren strahlenden Landsleuten weiterhin begeistert dabei zusehen, wie sie die Liga verzaubern. In Nürnberg war der 63 Kilogramm leichte Hiroshi Kiyotake an allen fünf bisher erzielten Toren beteiligt und führte den "Club" zum überraschenden Höhenflug. Beim 3:2-Sieg in Mönchengladbach legte er erst zweimal auf und traf dann selbst zum Triumph. Beim Bayern-Jäger Nummer 1, der Eintracht aus Frankfurt, schwingt sich der Ex-Bochumer Takashi Inui am linken Flügel auf, die Bundesliga zu erobern. Er traf in Hamburg zum 1:0. Und selbst beim Flop der Liga, der TSG Hoffenheim, trifft ein Japaner: Takashi Usami. Der aber ist ja auch nur geliehen und spielte zuletzt für Bayern München.

Max Kruse und der SC Freiburg: Eigentlich sind sie unscheinbar, diese Freiburger. Das Städtchen liegt weit weg, irgendwo an der Grenze zur Schweiz. Und eigentlich ist auch Max Kruse unscheinbar, kickte jahrelang in der zweiten Liga und wechselte vor der Saison von St. Pauli an die Dreisam, eigentlich in die Unscheinbarkeit. Doch dann haben die Freiburger diesen Trainer an der Linie, Christian Streich, der stets ein wenig belächelt wird - mal wegen seiner Mütze, mal wegen seines badischen Akzents. Und eigentlich ist er ja auch nur Jugendtrainer. Doch mit ihm lebt der Sportclub, lässt immer wieder aufhorchen und begeistert manches Mal mit erfrischendem Fußball. Und mittendrin Max Kruse, der Unscheinbare, der zum 5:3-Sieg gegen Hoffenheim zwei Tore vorbereitete und einmal selbst traf.

Die Düsseldorfer Defensive: Tobias Levels, Stelios Malezas, Jens Langeneke und Johannes van den Bergh - die Viererkette von Fortuna Düsseldorf. Davor spielen Oliver Fink und der Ex-Duisburger Adam Bodzek in der Doppelsechs des Aufsteigers. Dahinter der souveräne Fabian Giefer im Tor. Und wenn der wie beim 0:0 in Stuttgart verletzt vom Platz muss, hält eben Robert Almer, der österreichische Nationaltorwart die Null. Der alte Huub Stevens muss seine Freude haben am Düsseldorfer Bollwerk. Die Fortuna hat noch kein Gegentor kassiert in den ersten 270 Minuten der Bundesliga-Saison - als einziges Team aller Erstligisten. Fünf Punkte und Platz sieben sind der verdiente Lohn des Aufsteigers.

Die Großen Drei: Was war das früher für ein Gejammer nach den großen Turnieren. Die Sommerpause war zu kurz, die Nationalspieler sind müde und überlastet. Und überhaupt, wie soll man sich vernünftig auf eine Saison vorbereiten, wenn der halbe Kader noch im Urlaub weilt? Auch dieses Jahr war EM. Nur redet nach der längsten Sommerpause der Bundesliga-Geschichte keiner mehr drüber. Bis auf Mario Gomez sind die Nationalspieler fit - sogar Bastian Schweinsteiger hat wieder in die Spur gefunden und rangiert mit seinen Bayern da, wo sie ihrem Selbstverständnis nach hingehören: auf Platz eins. Knapp dahinter der BVB und Schalke. Die Meisterschaft, das zeichnet sich ab, wird spannend.