Leverkusen gelingt Sternstunde gegen den großen Favoriten

Was wir bereits wissen
Bayer Leverkusen ließ sich weder von einem Türsteher noch von Weltstars aus dem Konzept bringen und glänzt beim 1:0 gegen Atlético Madrid.

Leverkusen.. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff hatte das hektische Geschehen auf dem Rasen der Bay-Arena immer noch Spuren in den Gesichtern von Roger Schmidt und Diego Simeone hinterlassen. Nicht nur die Spieler, auch die Trainer von Bayer Leverkusen und Atlético Madrid hatten beim ebenso überraschenden wie verdienten 1:0-Erfolg der Gastgeber im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League alles gegeben.

Schmidt und Simeone hatten sich während der Partie kräftig angeschrien. Auslöser war der bullige Atlético-Cotrainer German Burgos, der ständig an der Seitenlinie Karten für die Leverkusener forderte. „Angst habe ich vor dem nicht“, sagte Schmidt später. „Man kennt das ja ein bisschen von Atlético: Der wird vorgeschickt wie ein Türsteher. Aber von dem lasse ich mir nichts gefallen, schon gar keine Beleidigungen und Provokationen“, erklärte Schmidt.

Einziger deutscher Erfolg

So wie sich der Bayer-Trainer lautstark wehrte, leistete auch seine Elf dem Champions-League-Finalisten den größtmöglichen Widerstand und schaffte in der Königsklasse den einzigen Erfolg der vier deutschen Achtelfinalisten. Ein sehenswertes Tor von Hakan Calhanoglu nach kongenialer Vorbereitung durch Hackentrick von Karim Bellarabi, 65 Prozent Ballbesitz, Kombinationen im Vollgas-Tempo und Torhüter Bernd Leno mit einer Glanzvorstellung: Leverkusen zeigte sich nach schwachem Rückrundenstart in der Bundesliga mit nur einem Sieg in sechs Spielen von seiner besten Seite.

Und so wirsch Simeone an der Seitenlinie reagierte, so fair äußerte sich der Atlético-Trainer später: „Bayer hat uns am Leben gelassen. Es war sehr schwer für uns, aufgrund ihres großen Drucks nach vorne zu kommen.“ In der Schluss-Viertelstunde mussten die Spanier nach Gelb-Rot für Tiago in Unterzahl dem 0:1 hinterher rennen.

„Mit dem 1:0 können wir sehr gut leben. Wir sehen das ganz klar als Chance, in das Viertelfinale einzuziehen“, sagte Schmidt. „Die Jungs haben das ganz hervorragend gemacht. Sie haben wenig zugelassen und immer wieder Aktionen nach vorn gehabt und eine gewisse Reife gezeigt. Deswegen sind wir als verdienter Sieger vom Platz gegangen.“

"Das Tor war eine Befreiung"

Jeder Trainer hat seine Motivationstricks. Leverkusens Coach wählte einen kleinen gedanklichen Ausflug in die jüngere Europacup-Historie des Klubs. In den letzten beiden Achtelfinal-Heimspielen der Königsklasse kassierte Bayer nämlich zwei deftige Abreibungen: in der Saison 2011/12 ein 1:7 gegen Barcelona, in der vergangenen Spielzeit ein 0:4 gegen Paris St. Germain. „Das kann nicht sein“, habe er seinen Spielern gesagt, berichtete Schmidt. Und die Methode sei erfolgreich gewesen. In diesem Wettbewerb wolle man schließlich jeder so lange wie möglich bleiben.

Aber nur ein starker Wille hätte gegen dieses Star-Ensemble aus Madrid nicht ausgereicht. Die Leverkusener überzeugten mit ihrer technischen Finesse. Auch die Art und Weise, wie der Tabellensechste der Bundesliga den Siegtreffer erzielte, zeigte das enorme spielerische Potenzial, das in dieser jungen Mannschaft steckt. Karim Bellarabi dribbelte erst die Abwehr schwindelig, dann servierte er mit einem zirkusreifen Hackentrick seinem Teamkollegen Hakan Calhanoglu den Ball, den der türkische Nationalspieler mit einem ebenso platzierten wie gewaltigen Schuss ins Netz drosch.

„Das Tor war eine Befreiung“, sagte Calhanoglu später. „Ich habe bei diesem Schuss alles rausgelassen.“ In drei Wochen muss Bayer im Rückspiel in Spaniens Hauptstadt seinen Vorsprung verteidigen. „Es wird schwierig“, weiß Bellarabi, der nach diesem tollen Abend jedoch optimistisch ist. „Wenn wir genauso spielen wie heute, dann kommen wir definitiv weiter.“