Julian Nagelsmann springt auf Hoffenheims heißen Stuhl

Hoffenheims neuer Trainer Julian Nagelsmann
Hoffenheims neuer Trainer Julian Nagelsmann
Foto: Simon Hofmann / Getty Images
Was wir bereits wissen
Der 28-jährige Julian Nagelsmann übernimmt das Traineramt beim Bundesligisten 1899 Hoffenheim. Seine Inthronisierung ist Chance und Risiko zugleich.

Zuzenhausen.. Anfang Januar bekam Julian Nagelsmann einen kleinen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten auf ihn zukommen würde. Beim Daimler-Junior Cup konnte er als U-19-Trainer der TSG Hoffenheim beim Junioren-Turnier keinen Schritt machen, ohne von Fotografen und Kamerateams verfolgt zu werden. Auch die Zuschauer im Sindelfinger Glaspalast waren im Bilde, der Hallensprecher hatte ihn als künftigen Hoffenheimer Profitrainer und jüngsten Bundesliga-Trainer angepriesen als sei ein Außerirdischer gelandet.

Stevens Dass dann alles viel schneller gehen würde, konnte Nagelsmann damals noch nicht wissen. Eigentlich sollte er den Profi-Kader der TSG ab kommenden Sommer übernehmen. Das hatte Hoffenheim bekannt gegeben als Huub Stevens im Oktober 2015 seinen Job als Zwischendurch-Retter antrat. Nach dem Rücktritt von Huub Stevens, der wegen Herz-Rhythmus-Störungen sein Amt am Mittwoch zur Verfügung stellte, musste alles noch viel schneller gehen. Gestern teilte die TSG Hoffenheim mit, Nagelsmann ist ab sofort für die Profis zuständig, sitzt am Samstag in Bremen bereits auf der Bank. Am Donnerstag-Nachmittag leitete der 28-Jährige sein erstes Training und trat einen Vertrag bis 2019 an.

TSG-Klubeigner Dietmar Hopp hält große Stücke auf Nagelsmann

Die Diskussion um sein Alter wird ihm zu dem Zeitpunkt egal gewesen sein, obwohl selbst internationale TV-Stationen und renommierte Zeitungen rund um den Globus vom jungen „Wundertrainer“ berichteten. Der Hype wird sich sehr wahrscheinlich wiederholen, wenn Nagelsmann beim wichtigen Abstiegs-Duell in Bremen auf der TSG Bank sitzt. Wenn es um den Titel „jüngster Bundesliga-Trainer aller Zeiten“ geht, ist im Fall Nagelsmann der Zusatz „hauptamtlicher“ nötig, denn 1976 saß der 24 Jahre alte Bernd Stöber für ein Spiel als „Chef“ des 1. FC Saarbrücken (gegen den 1. FC Köln) auf einer Bundesliga-Trainerbank.

Von Nagelsmann wir weit mehr erwartet und seine vorgezogene Inthronisierung ist Chance und Risiko zugleich. Der Nachwuchscoach, auf den TSG-Klubeigner Dietmar Hopp, große Stücke hält, soll nicht nur den Neuaufbau der ersten Mannschaft bewerkstelligen, er muss nun nach Stevens-Rücktritt auch in den letzten 14 Bundesligaspielen das „Wunder“ Klassenerhalt zumindest versuchen. Mancher fürchtet deshalb, der Newcomer können den „Zauber des Anfangs“ schon bald aufgebraucht haben.

Davor haben Nagelsmann und die Hoffenheimer offenbar weniger Angst, zumindest wenn man offiziellen Statements glauben darf. „Davor ist mir nicht bange. Ich freue mich darauf mit der Mannschaft zu arbeiten durch meine Arbeit noch einmal neue Reize setzen zu können“, so das übermittelte Nagelsmann-Zitat. Man habe Vor- und Nachteile gewissenhaft abgewogen, sagt der Verein. Nagelsmann gilt als Coach der neuesten Generation mit einem Hang zu Disziplin.

Trainer Dass das neue Gesicht auf der Trainerbank einer orientierungslosen Mannschaft neue Impulse geben kann, darauf hoffen sie nun in Hoffenheim. Mit Erfolgserlebnissen kennt sich der Motoradfan Nagelsmann zwar aus. Aber der deutsche Meistertitel 2014 sowie die Vizemeisterschaft 2015 mit der A-Jugend lassen sich kaum mit seiner neuen Herkules-Aufgabe vergleichen. Zudem muss der in Landsberg am Lech geborene Nagelsmann noch seine Ausbildung zum Fußball-Lehrer abschließen. Seine Karriere als Spieler musste er mit 20 wegen einer Verletzung aufgeben. Die Prüfungen erstrecken sich bis Anfang März. Sowohl DFB als auch DFL aber gaben für die mutige Lösung schon grünes Licht. „Julian Nagelsmann ist die optimale Besetzung in dieser prekären Situation“, sagte TSG-Manager Alexander Rosen.

Das klingt zunächst wie ein unerschütterlicher Vertrauensbeweis für den Mann, der 2013 ein Jahr lang als Co-Trainer mit Frank Kramer, Marco Kurz und Markus Gisdol gleich drei Hoffenheim Cheftrainern als Assistent zur Seite stand. Nun muss er selbst auf den heißen Stuhl. Was an Vertrauen und Zuversicht am Ende der laufenden Saison übrig bleibt, bleibt abzuwarten. Wie es sich anfühlt auf Schritt und Tritt unter besonderer Beobachtung zu stehen aber kennt Julian Nagelsmann ja schon seit dem Hallenturnier im Januar.