Fußball ist ihm lieber als Bali-Urlaub

Köln..  Zu den ersten Gratulanten gehörten sein Zwillingsbruder Pascal, die Eltern, und natürlich Freundin Sandra. „Ich muss die Liste erst mal abarbeiten“, sagte Patrick Herrmann nach seinem Debüt in der Fußball-Nationalelf über die Vielzahl an Gratulationen. „Bei der Nationalhymne hatte ich Gänsehaut“, gestand der 24 Jahre alte Flügelflitzer von Borussia Mönchengladbach, „für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“ Einer, auf den Herrmann hingearbeitet hat. Nach dem 1:2 gegen die USA vom Mittwoch folgt Samstag sein zweiter Auftritt: Beim EM-Qualifikationsspiel gegen Gastgeber Gibraltar ( 20.45 Uhr/RTL).

Von welchem Strand hat Joachim Löw Sie weggeholt, um zwei Wochen nach dem Bundesligaende noch einmal das DFB-Trikot überzustreifen?

Herrmann: Bei mir war es etwas anders, ich hatte einen Urlaub auf Bali geplant, wäre eine Woche nach dem letzten Spiel losgeflogen. Doch dann kam der Anruf vom Bundestrainer. Also habe ich spontan umgeplant und für mich Sonderschichten im Borussiapark durchgezogen. Nach den Länderspielen geht’s aber direkt los.

Vermutlich nehmen Sie die Unterbrechung gerne in Kauf.

Sehr gerne sogar. Es ist eine Riesenehre, beim Weltmeister, bei unserer Nationalmannschaft dabei zu sein. Ich genieße die Wertschätzung.

Am Samstag geht’s gegen Gibraltar. Da spielen Restaurantbesitzer und Feuerwehrmänner mit. Die könnte man wohl in Flip-Flops besiegen.

Für Überheblichkeit ist im Weltfußball kein Platz. Ich empfinde das nicht als komisch, auch wenn ich nicht oft gegen solche Mannschaften gespielt habe. Zudem ist der Gegner für mich zweitrangig, wenn es für einen Einsatz reicht.

Haben Sie ein wenig Starthilfe benötigt in der Nationalmannschaft? Sie sind ja bereits 2013 einmal nominiert worden, haben aber gegen Kasachstan nicht gespielt.

Es ist normal, dass man einen Reifeprozess benötigt. Ich bin robuster geworden, habe ein paar Kilo Muskeln draufgelegt und taktisch bin ich auch weiter. Bei dem einen setzt dieser Reifeprozess etwas früher, bei dem anderen etwas später ein. Ich habe immer versucht, meine Leistung zu bringen – aber in dieser Saison hat es richtig gut geklappt.

Wie schwierig ist es, sich einen Platz in der Offensive neben Müller, Özil, Götze, Reus, Schürrle und Draxler zu holen?

Verdammt schwierig. Gerade im Offensivbereich sind wir in Deutschland extrem gut aufgestellt mit Weltklasseleuten. Die Qualität ist hoch, das merkt man schon im Training.

Obwohl Ihre DFB-Karriere noch in den Startlöchern steckt, sind Sie inzwischen ein bekanntes Gesicht in Deutschland. Wie bekommt das eigentlich Ihr Zwillingsbruder mit?

Wir sind ja zum Glück zweieiig, sehen also nicht ganz gleich aus, wir werden nicht verwechselt. Er freut sich natürlich auch über meine Entwicklung und besucht mich auch häufig in Gladbach.

Wie gut spielt er denn Fußball?

Auch sehr gut. Er kickt allerdings noch in unserem Heimatverein FC Uchtelfangen. Er ist Zehner und auch ziemlich schnell.

Waren Sie also ehrgeiziger?

Damals auf jeden Fall. Der Wille hat schon einen großen Anteil an meiner Karriere, der Wille ist das A und O. Das fing mit dem DFB-Stützpunkttraining montags an, dadurch war es schon eine Einheit mehr. Mein Bruder war anfangs auch noch dabei.

Hat sich dann aber für einen anderen Weg entschieden.

Genau, obwohl auch er sehr gute Anlagen hatte. Aber mir hat’s Spaß gemacht, danach ging es nach Saarbrücken. Da musste ich fürs Training auf einiges verzichten.

Fiel Ihnen das schwer?

Manchmal, keine Frage. Wenn mein Bruder mit Freunden losgezogen ist, musste ich absagen. Wenn sie Geburtstag gefeiert haben, musste ich zum Training. Aber ich hatte eben stets mein Ziel vor Augen, Bundesligaprofi zu werden. Und dafür wollte ich alles geben.

Mit Jonas Hector spielt ja noch ein zweiter Saarländer in der Nationalmannschaft. Eine gute Region für Fußballtalente?

Stimmt, er hat nicht weit von mir entfernt gewohnt. Aber ich weiß nicht, ob wir damals gegeneinander gespielt haben. Er meint, das wäre gut möglich. Auch wenn das Saarland klein ist, gibt es dort viele talentierte Fußballer. Selbst die kleinen Vereine bilden sehr gut aus. Wenn man nicht in einer Großstadt lebt, trifft man sich vielleicht auch häufiger auf dem Fußballplatz. Wir gehen ja sogar jetzt noch mit meinem Bruder und Freunden zum Fußball, wenn ich mal zu Hause bin.

Aus Ihnen ist in Gladbach der Profi und gar Nationalspieler geworden. Auch wenn Sie neulich erst verlängert haben: Gab’s auch mal die Verlockung, den Verein zu wechseln?

Wenn man eine gute Saison spielt und der Vertrag nicht mehr allzu lange gilt, ist es klar, dass man für andere Vereine interessant wird. Ich habe die Entscheidung getroffen, bei Gladbach zu bleiben, und bin überzeugt, dass es die richtige ist. Mir ist es wichtig, mich wohlzufühlen. Ich bin mit der Borussia seit der Relegation einen gemeinsamen Weg gegangen und wollte unbedingt einmal Champions League spielen. Von daher bin ich jetzt einfach nur froh, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte.

Wer hat den größten Anteil an Ihrem Werdegang?

Erst einmal hat jeder Jugendtrainer zu meiner Entwicklung beigetragen. Ob das Jens Kiefer damals in Saarbrücken oder dann Sven Demandt in Gladbach war. Lucien Favre hat mich natürlich extrem weiter entwickelt. Er ist sehr akribisch, sagt jungen Spielern, was sie verbessern sollen.

Zum Beispiel?

Das ist jetzt schon etwas länger her, ein oder zwei Jahre. Damals hat er mir gesagt, ich sollte meinen linken Fuß trainieren. Dann habe ich sehr intensiv daran gearbeitet, und siehe da: Es fruchtet, ich habe schon mehrere Tore mit links geschossen.

Momentan muss er Ihnen vielleicht weniger Ratschläge geben. Zu Beginn der Saison hat er Sie jedoch auf die Bank gesetzt.

Ja, das war nicht so einfach für mich, weil ich in der Saison davor alle Spiele von Anfang an gemacht habe. Aber ich habe die Situation gut angenommen und im Training gezeigt, dass ich der Mannschaft helfen kann.

Ist die Teilnahme an der Champions League in der nächsten Saison der nächste Entwicklungsschritt?

Auf jeden Fall, auch wenn der riesig wird. Da geht ein Traum in Erfüllung. Wir wollten damals erst einmal international spielen. Mit der Europa League sind wir da auch gut reingekommen, es waren tolle Reisen, viele Fans haben uns zu den Auswärtsspielen begleitet. Aber irgendwann will man mehr. Dass wir die Königsklasse erreicht haben, ist eine Riesensache, auf die ich mich schon sehr freue.