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Fliegen ist am schönsten

20.06.2007 | 08:55 Uhr

Kunstturntalent Anja Brinker will sich bei der WM in Stuttgart für die Olympischen Spiele in Peking qualifizieren. DTB-Präsident Rainer Brechtken erhofft sich von den Titelkämpfen einen Schub für seine Sportart

Essen. Natürlich hätte der Präsident gern sein größtes Zugpferd mitgebracht, aber Fabian Hambüchen trainiert gerade in Tokio, um sich mit den japanischen Kunstturnern auf die Weltmeisterschaften in Stuttgart (1. bis 9. September) vorzubereiten. Und so hat Rainer Brechtken, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes, eben seine talentierteste Turnerin zum Besuch in der WAZ-Sportredaktion mitgebracht.

38 Kilo wiegt Anja Brinker nur, und wer sie zum ersten Mal sieht, hält sie für noch kleiner als 1,52 Meter und vor allem jünger als 16 Jahre. Mit ihrem Präsidenten ist sie auf Werbetour für die Kunstturn-WM in Stuttgart.

Qualifiziert ist sie zwar noch nicht, aber nach ihrem zehnten Platz im Mehrkampf bei der Europameisterschaft gibt es keine Zweifel, dass die Gymnasiastin auch bei der WM für Deutschland turnen wird. Die Eintrittskarten sind gefragt. Obwohl erst seit gestern nach der Qualifikations-Auslosung das endgültige Programm feststeht, waren bereits 45 000 der 65 000 Tickets vergriffen.

Auch wenn das deutsche Turnen nicht nur auf Fabian Hambüchen reduziert werden darf, ist die Popularität des zweimaligen Europameisters am Reck sicherlich ein Glücksfall für die Sportart. "Er ist mein Vorbild", sagt auch Anja Brinker und fügt dann ein bisschen stolz, ein wenig verschmitzt hinzu, "wir simsen regelmäßig miteinander."

Nicht nur von einem gelungenen Auftritt des Superstars bei der WM erhofft sich der Präsident einen weiteren Aufschwung für das Turnen. "Mit 1,7 Millionen Kindern unter 14 Jahren haben die Turnvereine die meisten Mitglieder", sagt Brechtken, "aber ich weiß, dass der Verband am meisten über den Spitzensport wahrgenommen wird. Unser Konzept Spitzensport 2012 soll einen Schub durch die WM in Stuttgart erhalten."

Die Ziele für die WM, die mit 85 Nationen einen neuen Rekord verzeichnet, sind klar abgesteckt: Die Männer sollen sich erneut unter den besten Acht platzieren, und die Frauen wollen erstmals seit 1992 wieder mit einer Mannschaft bei Olympia starten. Um ihren Traum zu verwirklichen, muss Anja Brinker in Stuttgart mit ihren Teamkolleginnen mindestens Zwölfte werden. Gibt es einen Heimvorteil, beflügelt oder lähmt die große Kulisse? "Die Zuschauer spornen mich an", antwortet Anja, "und dann geben die Kampfrichter vielleicht auch mal ein Pünktchen mehr."

Kunstturnen ist ein Sport, der so zeitintensiv wie kaum ein anderer ist. Nicht nur für die Sportler. Auch für die Eltern. Als die kleine Anja immer besser turnte, fuhr sie ihre Mutter erst von Melle nach Hannover zum Training. 90 Minuten hin, 90 Minuten zurück. Täglich. "Dann haben meine Eltern ein Haus in Hannover gekauft", erzählt sie. Aber als die Abteilung geschlossen wurde, tagte erneut der Familienrat. Mit 13 Jahren zog Anja ohne ihre Eltern nach Bergisch-Gladbach und besucht jetzt seit drei Jahren das Turninternat.

"Anfangs hatte ich ein bisschen Heimweh", gibt Anja zu, "wir telefonieren viel." Anja glaubt nicht, dass sie im Vergleich zu anderen Teenagern etwas verpasst. Bei 32 Stunden Training pro Woche hat sie allerdings auch nicht viele Gelegenheiten, um dies abschätzen zu können.

Was ihr am meisten am Turnen gefällt? "Das Fliegen", sagt sie und fährt ganz realistisch fort, "entweder man hat am Stufenbarren den Holm, oder man hat ihn nicht."

Von Thomas Lelgemann

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