Fabian Hambüchen träumt von Gold bei Olympia
05.08.2011 | 14:08 Uhr 2011-08-05T14:08:06+0200
München. Sieben Monate nach seiner schweren Verletzung steht Turner Fabian Hambüchen vor seinem Comeback. Am Samstag startet der 23-Jährige für seinen Bundesligaverein KTV Straubenhardt. Im Interview spricht er über seine Zukunftspläne.
Er war 2007 Weltmeister am Reck, holte bei den Olympischen Spielen in Peking die Bronzemedaille und ist seit Jahren Deutschlands Vorzeigeturner. Nach dem bitteren Aus für die WM 2009 folgte im Januar 2011 der nächste Rückschlag für Fabian Hambüchen: Achillessehnenriss - nach sieben Monaten Pause steht der 23-Jährige am Samstag beim Bundesligawettkampf seines Heimatvereins KTV Straubenhardt bei der KTG Heidelberg vor dem Comeback. Mit der dapd-Korrespondentin Hanna Schmalenbach sprach Hambüchen über seine neue Rolle im deutschen Turnen, die Angst vor der Landung und seinen größten Traum: Olympisches Gold.
Sind Sie ungeduldig? Eigentlich sollte ihr Comeback doch erst kommende Woche bei der ersten WM-Quali steigen...
Fabian Hambüchen: Nein, gar nicht. Das grüne Licht kam von meinem Arzt Dr. Peil - und zwar ziemlich unverhofft. Ich habe vor allem aufgrund des geringen zeitlichen Abstandes des Tages der Verletzung im Januar bis jetzt nicht im Traum damit gerechnet, schon wieder einen Wettkampf turnen zu können. Aber es lief so gut im Training, dass mein Arzt gesagt hat: Du darfst es machen, wenn du dich selber gut fühlst. Und das tue ich.
Die Verletzung haben Sie sich im Training bei einer Landung zugezogen, sprechen selber vom "schlimmsten Moment Ihres Lebens". Können Sie dieses Ereignis jetzt einfach ausblenden, wenn Sie einen Abgang machen?
Es wird alles nach und nach besser, auch die Angst, die natürlich da ist. Es ist viel Kopfsache dabei. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Der Fuß hält. Aber ich musste und muss mich jetzt viel mehr mental vorbereiten.
Wie machen Sie das?
Im Moment, auch bei den kommenden zwei Wettkämpfen turne ich ja nur vier Geräte, die Belastungen am Sprung und Boden schaffe ich noch nicht, aber das ist auch nicht schlimm. Ich bin froh, dass ich schon so weit bin. Es ist ein Prozess, in dem ich mich befinde. Ich habe mit zwei Weichmatten für die Landungen angefangen, jetzt bin ich schon bei einer. Man muss es zwei-, dreimal ausprobieren und dann weiß ich: Es geht. So will ich das schrittweise weiter machen.
Extra für Sie wurden auch das Reglement für die WM-Quali verändert, Sie dürfen eine zusätzliche Matte auflegen, ohne Abzug zu kassieren. Haben Sie Angst, dass das Gerede um einen Sonderstatus nun wieder los geht?
Nein, eigentlich nicht. Das war einfach nur Formsache, deshalb musste ich den offiziellen Weg einschlagen. Wenn es einmal erlaubt wird, muss es jedem erlaubt sein. Aber es ging um meine Gesundheit. Wenn ich die Matten nicht brauchen würde, würde ich nicht danach fragen. Noch brauche ich Absicherung.
Haben Sie ihr Programm für die kommenden Wettkämpfe daher auch etwas abgespeckt?
Im Gegenteil. Da hau ich alles rein, ich habe aufgestockt. Ich habe doch nichts zu verlieren. Ich freue mich, Vollgas zu geben. Die Bundesliga ist ein gutes Pflaster, um das jetzt auszuprobieren. Und wenn das Eine oder Andere jetzt noch nicht klappt, würde ich das auch in Kauf nehmen.
Wichtiger als der Bundesliga-Wettkampf ist sicherlich die WM-Quali, obwohl Sie selbst die WM als "Durchgangsstation" bezeichnen. Sie wollen also gar nicht unbedingt dabei sein?
Ich versuche jetzt erstmal gar nicht, an irgendeine Quali zu denken. Es geht darum, reinzukommen, alles mit Blick auf Olympia. Wenn der Bundestrainer sagt, ich brauche dich bei der WM, bin ich dabei. Wenn nicht, dann eben nicht. Mein Ziel ist es, bis Olympia sechs Geräte zu turnen. Und bei einer WM dabei zu sein, wünscht sich glaube ich jeder Sportler.
Haben Sie immer gewusst, dass Sie sich das wieder wünschen oder haben Sie an Aufhören gedacht?
Keine Sekunde. In der Klinik und in meinem Umfeld war von Anfang an eine so positive Stimmung, dass ich daran gar nicht denken konnte. Ich habe mir eher überlegt, wie kann ich die Zeit nutzen, um andere Defizite wie Kraft und Ausdauer zu kompensieren. Daran haben wir als Team intensiv gearbeitet. Und ich kann nur sagen, jetzt vor dem ersten Wettkampf: Das Reha-Team und ich haben alles richtig gemacht.
Was treibt Sie an? Ist es die anhaltende Enttäuschung darüber, dass Sie in Peking "nur" Bronze geholt haben?
Olympia treibt mich an, das ist klar. Ich weiß aber nicht, ob es dieser 3. Platz ist. Ich weiß nur, dass ich in London alles geben will, das war von Anfang an meine Motivation. Bis dahin will ich gesundheitlich und körperlich topfit sein.
Die Voraussetzungen für Olympisches Gold werden wohl nie wieder so gut sein wie in Peking...
Ich will alles rausholen: Gold wäre ein Traum. Natürlich wird es schwerer als in Peking. Dort war alles bereitet, aber die Nerven haben geflattert. Trotzdem bin ich auch jetzt noch im besten Alter.
Können Sie überhaupt wieder konstant auf Weltniveau turnen?
Natürlich. Auch im Mehrkampf wieder zu den Besten zu gehören, ist weiterhin möglich. Ich habe gute Chancen. Wenn ich das nicht sehen würde, würde ich es nicht machen. Ich bin auf dem besten Weg, das Niveau von damals und vielleicht mehr zu erreichen. Und zwar nicht nur am Reck, sondern überall. Ich will Mehrkämpfer bleiben, noch kein Spezialist werden.
Nervt es Sie, dass ihr Comeback schon wieder für Ärger zwischen Ihrem Vater und Bundestrainer Andreas Hirsch geführt hat? Hirsch hat ausgeschlossen, dass Sie bei der WM einen Mehrkampf turnen...
Ich weiß, wie er es meint - das ist das Wichtigste. Herr Hirsch sieht die Dinge realistisch, relativ neutral. Ich muss ihn jetzt mit Leistung überzeugen, aber das ist auch vollkommen in Ordnung. Wenn ich an den vier Geräten die Leistung bringe, bin ich an denen wohl sicher dabei.
Herr Hirsch spricht auch von einer "neuen Rolle", in der Sie sich zurechtfinden müssten. Wie ist ihr Stand in der Mannschaft?
Natürlich hat sich mein Standing ein bisschen geändert. Ich bin nicht mehr der einzige Mannschaftsführer. Aber ich merke doch jetzt schon: Wo ich hinkomme, geht die Post ab. Ich bin nicht vergessen worden bei den Leuten. Ich freue mich deshalb momentan einfach, aus meinem eigenen Schatten rauszukommen.
Im Schatten der neuen Gesichter wie Vize-Weltmeister Philipp Boy oder Barren-Europameister Marcel Nguyen sehen Sie sich nicht?
Nein, ich stehe in keinem Schatten. Es ist toll, dass wir inzwischen eine so starke Truppe haben, dass die Mannschaft es auch ohne mich schaffen würde, sich für Olympia zu qualifizieren. Und für uns alle - und vor allem für mich, ist es sicherlich ein Vorteil, dass die Last auf mehrere Schultern verteilt ist. (dapd)

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