Einer schlägt sich durchs Leben

Olsberg..  Die Antwort kommt schnell. Andreas Sidon muss nicht überlegen. Er kennt die Antwort, fühlt die Antwort. Schon immer. Wie lange er sich das noch antun will? Das Boxen? Die Schläge? Die Schmerzen? „Solange ich noch stehen kann“, sagt der 52-Jährige. Er sagt das so entschlossen, dass kein Raum für Zweifel ist: ­Dieser Mann wird kämpfen, weil das Leben ein Kampf ist. Genauer: Sein Leben. Dort hat er die schmerzhaftesten Schläge ein­stecken müssen.

Sidon ist Weltmeister im Schwergewicht. Im Profiboxen gibt es viele Verbände, Sidon trägt den Titel der World Boxing Union (WBU). Es ist ein international eher unbedeutender Verband. Aber George Foreman gehört zu seinen Vorgängern und Corrie Sanders, der einst einen der Klitschkos k.o. schlug. Am 30. Mai steigt Andreas Sidon wieder in den Ring. In Olsberg im Sauerland wird er in der Konzerthalle seinen Titel nach WBU-Version gegen einen noch zu ermittelnden Gegner verteidigen. Olsberg ist der Ort, an dem er seine Kinder- und Jugendzeit verbracht hat. Der Ort, wo der Kampf seines Lebens begann.

Thailand macht ihn hart

Schon früh verliert der gebürtige Wuppertaler bei einem Verkehrsunfall seine Eltern. Er wird im Kinderheim in Olsberg groß. „Ab hier wusste ich, dass ich mich allein durchs Leben schlagen muss“, so der 52-Jährige. Er besucht als einziges Heimkind die Realschule, „macht viel Blödsinn“, wie er es ausdrückt, eckt manches mal an, muss sich durchsetzen, manchmal auch mit den Fäusten. Aber er hat immer wieder Fürsprecher. Den Schulleiter, die Heimleitung, sogar den Bürgermeister. „Ich habe in Olsberg viel Menschlichkeit ­erfahren und möchte mich mit diesem WM-Kampf dafür bedanken“, sagt Sidon.

Er schafft das Fachabitur, macht eine Lehre zum Landschaftsgärtner und spielt beim TSV Bigge-Olsberg in der Bezirksliga Fußball. Aber fasziniert ist der junge Mann von asiatischen Kampfsportarten. Mit 25 Jahren zieht es ihn nach Asien: Er will dort Thaiboxen lernen. In Thailand kämpft er am Strand gegen muskelbepackte ­US-Soldaten und verdient sich so den Lebensunterhalt. Diese Zeit prägt ihn, macht ihn hart. In Thailand lernt er auch seine spätere Frau Heike kennen.

Kleine Börsen reichen zum Leben

Zurück in Deutschland wird Sidon deutscher Meister im Kick- und Thaiboxen, holt den WM-Titel im Kickboxen. Um noch besser zu werden, schließt er sich einem Boxklub an. Mit 30 wird er zum reinen Faustkämpfer, wird Hessenmeister, südwestdeutscher Meister und gewinnt den deutschen Mannschafts-Titel. Mit 36 Jahren ist Schluss im Amateursport. Die Regeln sehen dies vor. Er wird Profi und holt sich 2002 den Deutschen Meistertitel im Schwergewicht.

Sidon istoben angekommen.

Dann schlägt das Schicksal erneut zu. 2003 kommt seine Frau ums Leben. Bei einem Autounfall. Die drei kleinen Kinder sitzen mit im Wagen, erleiden teilweise schwere Verletzungen. Sidon selbst wird das linke Ohr abgerissen, das die Ärzte wieder annähen können. Die Kinder Saskia, Albano und Mandana sind heute erwachsen, damals funktioniert Andreas ­Sidon nur für sie. Er boxt sich weiter durch, kassiert kleinere Börsen, die zum Leben reichen. Nicht viel mehr, aber auch nicht weniger.

2007 wird bei Sidon nach einem Kampf im Rahmen der üblichen medizinischen Untersuchung eine Kalkablagerung in der rechten Halsschlagader festgestellt. Daraufhin entzieht ihm der Bund Deutscher Boxer die Profilizenz und der deutsche Meistertitel wird für vakant erklärt. Der 52-Jährige wittert ein Komplott. „Diese Kalkablagerung hat fast jeder Mann ab 25 Jahren. Die wollten einen jungen Meister haben, der sich besser vermarkten lässt. Ich passte denen nicht in den Kram“, sagt er. Und kämpft. Vor Gericht. Bis zum Schluss. In letzter Instanz bestätigt der Bundesgerichtshof, dass dem Berufsboxer zu Unrecht die Lizenz entzogen wurde.

Niemals auf die Bretter

Sidon, der heute in Gießen lebt, bekommt seinen Deutschen Meistertitel zurück, kann seine Karriere fortsetzen und auch der Weg für Schadensersatzansprüche ist frei. „Mir geht es gar nicht so sehr um das Geld, sondern um mein Recht. So einfach lasse ich mich nicht schlagen.“ Ein typischer Satz. Bis heute hat Sidon aber noch keinen Cent gesehen. Seine Vermutung: „Die wollen sich außergerichtlich mit mir einigen und so die Summe drücken.“ Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.

2013 entthront Sidon den Kanadier Sheldon Hinton und wird Weltmeister im WBU-Verband. Da er auch den Titel im noch etwas unbekannteren WBB-Verband trägt, darf er sich nun Super-Champion nennen. Und wenn jemand diesen Titel verdient hat, dann der Mann, den auch schwerste Schläge nie auf die Bretter schickten. Seine Gage für den Kampf in Olsberg ist noch nicht ausverhandelt. Fest steht nur: Einen Teil will er spenden. An das Kinderheim, wo sein Kampf begann.