Eine Schande? Ja, aber ...
22.06.2007 | 06:17 Uhr 2007-06-22T06:17:45+0200Gedanken über die 90 Minuten von Gijon 1982
Auch mit dem Abstand von 25 Jahren bleibt ein Ärgernis ein Ärgernis - aber natürlich lässt sich heute gelassener auf die Umstände blicken, die beim WM-Duell zwischen Deutschland und Österreich 1982 in Gijon für einen weltweiten Sturm der Entrüstung sorgten.Der in der ersten Erregung vor allem von den Algeriern erhobene Vorwurf der bewussten Schiebung war vergleichsweise schnell vom Tisch. Was blieb, ist die Ohnmacht gegenüber einer Ausgangslage, die das mit Recht als "Nichtangriffspakt" bezeichnete Spiel förmlich herausgefordert hatte.Solange es im Sport Situatinen gibt, in denen die beteiligten Parteien vor dem Anpfiff wissen, dass ein bestimmtes Ergebnis beiden nutzt, wird dieses Resultat mit höchster Wahrscheinlichkeit eintreten. "Da braucht man keine Absprache", hat Torhüter Toni Schumacher gesagt - und wer wollte ihm da widersprechen?Immerhin hat der Weltfußballverband die Konsequenzen aus den Vorkommnissen von Gijon gezogen und verfügt, dass die letzten Gruppenspiele bei seinen Turnieren fortan zeitgleich auszutragen sind. Eine Maßnahme, die Wiederholungen von Gijon unwahrscheinlicher, aber nicht unmöglich macht. Als am 13. September 2006 bei der Hockey-WM den Deutschen und Sükoreanern im letzten Gruppenspiel ein Remis reichte, um zu Lasten der Holländer ins Halbfinale einzuziehen, endete die Partie - richtig: 0:0. "Warum", fragte damals der deutsche Torjäger Zeller, "sollten wir uns für die Holländer in Gefahr bringen?"Diese Frage hätten die deutschen Fußballer 1982 auch den Algeriern stellen können. Hätten die DFB-Kicker etwa im Bemühen, das 2:0 gegen Österreich zu schießen, einen Konter zum 1:1 kassiert - sie wären daheim als Deppen beschimpft worden. Einzuwenden, Deutsche und Österreicher hätten es angesichts von Millionen TV-Zuschauern ja wenigstens nicht so auffällig machen sollen, wäre einfach nur bigott.Unstrittig haben die 90 Minuten von Gijon den Sportgedanken pervertiert. Das darf man als Schande bezeichnen. Aber haben auch die Spieler schändlich gehandelt, die im Rahmen der Regeln ihre Interessen als Sportler wahrnahmen? Darüber nachzudenken lohnt sich auch nach 25 Jahren noch.
r.schuessler@nrz.de

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