Ein Urtrieb der Menschheit
14.02.2010 | 20:31 Uhr 2010-02-14T20:31:00+0100Während die kanadische Sängerin Kathryn Dawn Lang bei der Eröffnungsfeier Leonard Cohens Gänsehaut-Hymne „Hallelujah“ zelebrierte, hielt die überdrehte olympische Welt den Atem an, das Stadion in Vancouver verwandelte sich in eine Kathedrale.
Olympia, dessen Gesicht nicht selten zur Fratze entstellt ist, zeigte im Schatten des Todes sein würdevolles Antlitz.
Der Chef des Organisationskomitees, John Furlang, wünschte den Athleten für die zwei Olympia-Wochen „die Zeit eures Lebens“. Zu diesem Zeitpunkt war Nodar Kumaritaschwili seit acht Stunden tot. Ob der nur 21 Jahre alt gewordene georgische Rodler den Traum vieler Sportler geträumt hatte, durch eine Goldmedaille ewigen Ruhm zu erlangen, wissen wir nicht. Mit Sicherheit wird er keinen Gedanken daran verschwendet haben, olympische Unsterblichkeit durch die Umstände seines Todes zu erlangen.
Das Risiko zu verdrängen, ist Grundvoraussetzung für jeden Spitzensportler, es zu minimieren die Aufgabe der Veranstalter. Der Rettungswagen mit dem Unfallopfer war noch unterwegs, da hatte der nicht-olympische Wettbewerb um die schlüssigste Erklärung für das Unglück bereits begonnen. Wie immer nach solchen Tragödien melden sich, noch bevor der erste Techniker vor Ort ist, reflexartig Kritiker zu Wort, die es hatten kommen sehen. Tatsächlich war die Hochgeschwindigkeitsbahn in Whistler von Anfang an umstritten. So zynisch die Bemerkung ist, die Bahn habe funktioniert, nur eben der Mensch nicht, so falsch ist es, den Eiskanal allein für den Unfall verantwortlich zu machen.
Ein Gedanke dazu: Würden alle Rennstrecken, nicht nur im Rodeln, entschärft, könnte dies die Unfallgefahr sogar erhöhen, weil dann weniger gute Athleten wohl noch mehr riskieren würden.
Nicht zu vergessen: Das olympische Motto „Citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) speist sich aus einem Urtrieb der Menschheit und ist von Haus aus ja nicht verwerflich. Dass es in einer kommerzialisierten Welt ebenso missbraucht wird wie das Fair Play-Ideal oder die völkerverbindende Idee, ist bedauerlich. Macht aber die Prinzipien nicht schlechter.

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