Ein Fest für die Regionalliga

Essen..  Fußball-Tradition braucht keine Liga: Wer sich davon ein Bild machen möchte, sollte sich am Samstag auf den Weg nach Aachen machen. Oder besser nicht. Die Idee haben schon andere: Die Jahres-Auftaktparty der Regionalliga West, Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen (14 Uhr), ist seit Wochen ausverkauft, „nur“ 30 313 Zuschauer werden aus Sicherheitsgründen auf den neuen Tivoli gelassen, wenn der Zweite auf den Ersten trifft, oder umgekehrt, je nachdem, ob man den Punktverlust von RWE durch den Dopingfall Soukou schon in der Tabelle eingerechnet hat.

Die für Viertliga-Verhältnisse ungewöhnliche Kulisse hat auch die Verantwortlichen beim WDR aufgeschreckt, sie berichten in einer Sondersendung live aus der Kaiserstadt, Sportchef Steffen Simon höchstselbst gibt sich zur Reportage die Ehre. Das alles geschieht nicht aus dem öffentlich-rechtlichen (Fußball-)Bildungsauftrag, sondern ist purer Eigennutz: „Ich bin mir sicher, dass der WDR mit dieser Übertragung eine höhere Quote erzielt, als mit so mancher Bundesligapartie“, weiß RWE-Vorsitzender Michael Welling, seit kurzem Professor im Sport- und Eventmanagement.

Aachen und Essen verbinden verblüffende Parallelen: Beiden Vereinen klebt eine ruhmreiche Vergangenheit an den Schussstiefeln, die nicht immer von Vorteil ist. Beide mussten den letzten Ausweg in die Insolvenz nehmen, bei der Alemannia ist es erst 2013 gewesen, dafür ging es bei den Rot-Weissen 2010 noch eine Etage tiefer. Beide haben eine unkaputtbare Anhängerschaft, beide ein neues schmuckes Fußballstadion, in denen man nach höheren Aufgaben lechzt. Darum haben beide Klubs in der Winterpause mit profierfahrenem Personal noch einmal nachgelegt, um das „Nadelöhr“ der Regionalliga, mit den unsäglichen Aufstiegsspielen am Ende, Richtung bezahlten Fußball verlassen zu können. Aus dieser Gemengelage, verbunden mit der Tabellenkonstellation und dem Entzug bei den Fans, dass es endlich wieder ernst wird, resultiert das Mega-Interesse.

Man muss die Feste in der Vierten Liga feiern, wie sie fallen, und versilbern, wo sich die Chance dazu bietet. So haben die Gäste es bei ihren Hauptsponsoren geschafft, die Trikotbrust für die eine Partie blank zu bekommen, um sie extra vermarkten zu können: Für eine kleine fünfstellige Summe wirbt nun ein Großhändler für Badezimmerträume.

Aber auch die Alemannia zeigt Geschäftstüchtigkeit: Für diese Partie, die mit 30 313 Zuschauern natürlich einen Top-Wert für Regionalliga-Verhältnisse aufstellt, haben sie am Tivoli flugs ein Sonder-T-Shirt mit dem Aufdruck „Regionalligazuschauerrekordbrecher“ auf den Markt geworfen.