Eben noch Freunde, bald Gegner

Tiflis..  Dass der Ball nochmal bei ihm landen würde, nachdem er den Pass mit dem Rücken zum Tor angenommen hatte und mit seinen 1,76 Metern Körpergröße eigentlich bequem unter der ungewollten Kerze hätte herlaufen können, das verwunderte Mario Götze sehr. „Da war schon Glück dabei”, staunte der 22-Jährige, denn auch danach „waren ja noch vier, fünf, sechs Beine dazwischen, bis der Ball zu Marco gekommen ist.” Dank der Klebeeigenschaften von Götzes Schuhen hatte Marco Reus dann leichtes Spiel, um den Ball im Tor zu versenken. Götze auf Reus und Tor - das klingt sehr vertraut.

So technisch leichtfüßig sah es bei den einstigen Klubkameraden schon häufig aus, so hätten Götze und Reus auch bei der Weltmeisterschaft in Brasilien auftrumpfen sollen - so wurde am Sonntagabend letztlich aber nur der Führungstreffer im EM-Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl in Georgien erzielt.

Verglichen mit den Ereignissen des vergangenen Dreivierteljahres ein Moment von bescheidener Bedeutung: Ein Anriss des Syndesmosebandes brachte Reus einen Tag vor der Abreise um das sichere Erlebnis, im WM-Sommer 2014 neben Götze den Goldpokal in die Höhe stemmen zu dürfen. Daher wird es für ihn nur ein schwacher Trost sein, mit jeweils einem Tor aus den ersten Länderspielen des Jahres 2015 (2:2 gegen Australien und 2:0 gegen Georgien) als Hoffnungsträger hervorzugehen.

„Ich bin froh, dass Marco wieder zurück ist. Er hat viel Energie aufgewendet, um fit zu werden”, lobte Bundestrainer Joachim Löw in Tiflis den 25-Jährigen, „wir sind mit ihm variabler, gefährlicher und schwerer auszurechnen.”

Das kann der Weltmeister gut brauchen. Im Vergleich zum Testspiel gegen Australien war gegen Georgien das Kombinationsspiel der ersten Garnitur in der ersten Halbzeit wesentlich gefälliger. „Wir haben dynamisch und mit Druck aufs Tor gespielt”, war Löw zufrieden. Der Haken: Die deutsche Elf ließ zu viele gute Torchancen ungenutzt liegen. „Auch an meine Person denke ich da - man kann schon früher das 1:0 machen”, sagte Reus, der zweimal die Querlatte traf.

Doch nach dem Seitenwechsel verwaltete der Weltmeister die Partie nur noch. Der Pflicht-Dreier gegen den 126. der Fifa-Weltrangliste brachte keinen erkennbaren Schwung in die Tabelle, die Torausbeute blieb bei den Deutschen mit neun Treffern in fünf Spielen mager. Tabellenführer Polen hat in der EM-Qualifikation schon sieben Treffer mehr erzielt.

Im Gegensatz zu den letzten Auftritten in seinem Verein konnte Reus diesmal allerdings wieder seine Beweglichkeit unter Beweis stellen. Erst nicht zu den Helden von Rio zu gehören und dann mit dem BVB auch noch trotz sieben selbst erzielter Tore eine verkorkste Bundesligarunde zu spielen - als Seuchenjahr wollte Reus, der im Gegensatz zu Götze sowie Robert Lewandowski nicht zu den Bayern abgewandert ist und in Dortmund mit seiner Vertragsverlängerung bis 2019 zur Galionsfigur werden soll, das Jahr 2014 jedoch nicht bezeichnen: „Ich hätte es mir anders gewünscht. Aber mit Rückschlägen muss man rechnen”, sagte er unlängst. „Ich bin im Kopf stark genug und weiß, damit umzugehen.”

Den ersten Beweis dazu hat Reus bei der Nationalelf erbracht. „Wir verstehen uns gut auf und neben dem Platz - und hatten viel Spaß”, freute sich Götze, seinen Kumpel wieder an der Seite zu haben.

Am Samstag sehen sich beide wieder - diesmal allerdings als Gegner in der Bundesliga beim einstigen Super-Duell BVB gegen Bayern München. Und schon kam ein wenig Distanz ins Spiel: Er lege Götze den Ball nicht lieber auf als anderen Mitspielern, sagte Reus. Es gehe immer nur darum, was für die Mannschaft am besten sei. Das ist auch seine künftige Marschrichtung mit der Borussia. Selbst, wenn die Partie am Samstag nicht mehr die Brisanz der vergangenen Jahre hat.