Dubiose Gesten wecken Zweifel am sauberen "Sommermärchen"

Franz Beckenbauer und Sepp Blatter.
Franz Beckenbauer und Sepp Blatter.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Vergabe der WM 2006 an Deutschland steht bisher nicht unter Verdacht, dass Geld geflossen ist. Aber es gibt Entscheidungen, die Fragen aufwerfen.

Essen.. Es ist der 28. Juni 2000. 9/11 war noch nicht. Vom Krieg gegen den Terror ist noch keine Rede. In Berlin kommt der Bundessicherheitsrat zusammen, das fünfköpfige geheime Gremium der rot-grünen Regierung Schröder, das die Waffenexporte abzusegnen hat. Doch an diesem Tag gibt es Streit. Ganz gegen den bis dahin geltenden Konsens setzt eine knappe Mehrheit am Ende die Lieferungen von 1200 Panzerfäusten an Saudi-Arabien durch. Die Minister Joschka Fischer (Grüne) und Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) bleiben mit ihrem Nein-Votum in der Minderheit.

Fifa Acht Tage später entscheidet die Fifa, die Fußball-WM 2006 nach Deutschland zu vergeben. Völlig überraschend zieht Favorit Südafrika, für das auch Fifa-Chef Blatter stimmen will, für diesen Termin den Kürzeren. 12:11 geht die Abstimmung für den Standort D aus. Auch der zunächst unentschiedene Vertreter Saudi-Arabiens, Abdullah al Dabal, hat sich auf die Seite Deutschlands geschlagen. Guido Tognoni, einstiger Marketingchef des Weltfußballverbandes, wird später sagen: „Für die Stimme der saudischen Fifa-Delegation hat Deutschland kurzfristig das Waffenembargo aufgehoben“.

Schweizer Fahnder befassen sich nicht mit Deutschland

Gerade einen Tag sind die Festnahmen von Zürich alt, und diese Geschichten könnten durch die weltweiten Ermittlungen wieder auf die Tagesordnung der Debatten kommen. Also: Ist auch die Vorgeschichte für das deutsche Sommermärchen nicht so sauber gelaufen wie immer angenommen?

Wahr ist: Nie hat sich eine deutsche Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang mit Schmiergeldern befassen müssen. Fifa-interne Recherchen nach angeblichen Geldflüssen unter dem Kürzel „E 16“ am 5. Juli 2000, wenige Stunden vor dem Entscheid, führten ins Aus. Auch ermittelt die US-Justiz nicht wegen der Vergabe der WM 2006. Und die Schweizer Fahnder befassen sich zunächst mit den Entscheidungen für Russland und Katar, nicht mit der für Deutschland.

Mindestens freundliche Gesten

Wahr ist aber auch: Die Panzerfäuste für die Saudis waren nur die eine, merkwürdige Sache. Es hat eine Reihe weiterer deutscher, politisch-wirtschaftlicher Weichenstellungen im unmittelbaren Vorfeld der 06-Entscheidung gegeben, die zumindest als freundliche Geste gegenüber wichtigen Fifa-Mitgliedern verstanden werden können.

Fifa So schließt im gleichen Juni 2000 Daimler eine 800-Millionen-Kooperation mit Hyundai ab. Hyundai-Sproß Chung sitzt für Südkorea im Fifa-Gremium. Und der Chemieriese Bayer und der Elektronikkonzern Siemens kündigen milliardenschwere Investitionen in Südkorea und Thailand an. Auch Thailands Stimme wird ein paar Tage später gebraucht.

"Perfektes Timing" der Deutschland AG

Der Autor und „Süddeutsche“-Sportredakteur Thomas Kistner hat 2013 in seinem Buch „Fifa-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball.“ (Knaur) solche Merkwürdigkeiten über viele Seiten aufgelistet. Er resümiert: „Alles übliche Geschäfte. Gewiss. Stutzig macht allerdings der Zeitpunkt“. Er glaubt schließlich: Der „Deutschland AG“ sei damals „ein perfektes Timing“ gelungen.

Auch der WM-Organisator von 2006, Franz Beckenbauer, ist später ins Visier von Kritikern geraten – mehr allerdings wegen seiner Rolle als Fifa-Mitglied bei der Vergabe der WM an Russland (2018) und Katar (2022). Er hat inzwischen durchblicken lassen, am 2. Dezember 2010 in Zürich für Russland als Austragungsland gestimmt zu haben. 2012 wurde er gut dotierter „Sportbotschafter“ des russischen Staats-Gaskonzerns Gazprom, der die WM im Heimatland sponsort.

Ob dieser Zusammenhang mit den Ermittlungen der Schweizer Staatsanwälte noch einmal thematisiert wird? Das ist derzeit offen. Beckenbauer selbst hat erst im letzten Jahr in London am Rand einer Konferenz erklärt: Im Zusammenhang mit den WM-Entscheidungen für Russland und Katar habe ihn „nie jemand angesprochen, niemand etwas geboten. Ein klares Nein“.