Die zweite Chance für Spaniens Stürmer Torres
31.05.2012 | 18:59 Uhr 2012-05-31T18:59:00+0200
Madrid. Nach monatelanger Flaute hat der Schütze des Siegtores des EM-Endspiels von 2008 wieder getroffen. Beim FC Chelsea erlebte er trotz des Champions-League-Sieges eine miserable Saison.
Nun trifft Fernando Torres wieder ständig ins Tor. Allerdings nur in den Vorschau-Clips der spanischen Fernsehsender zur Europameisterschaft 2012. Sie zeigen immer wieder, wie er den Ball graziös über den deutschen Torwart Jens Lehmann hinweg lupft zum 1:0-Sieg für Spanien über Deutschland im EM-Finale 2008. Die Clips von seinem berühmten Tor erinnern vor allem daran, dass Fernando Torres zuletzt kaum noch Tore schoss.
Zwei Jahre lang lieferte Spaniens Paradestürmer nur schlechte Nachrichten: Torres trifft zwölf Spiele in Folge nicht für seinen Klub FC Chelsea; Torres nur noch Ersatz in der Nationalelf; Torres schießt neben das leere Tor. Angesichts dieser Misere wurde sein lebhafter Auftritt bei Spaniens 4:1-Sieg am Mittwoch im EM-Test gegen Südkorea in der Heimat gleich in den Rang einer Wiederauferstehung gehoben.
Sonderklasse verloren?
Die Frage ist, ob er nur an der Angst des Stürmers vor dem Tor litt, die jeden Angreifer irgendwann einmal vorübergehend heimsucht. Oder hat er durch Verletzungen und Verdruss seine Sonderklasse für immer verloren? Überraschend erhält Fernando Torres nun bei dieser EM die Gelegenheit, eine Antwort zu geben. Nachdem David Villa, der Torres als Spaniens Mann für die Tore abgelöst hatte, die EM verletzt absagte , ist die Stelle des Mittelstürmers neu ausgeschrieben.
Mit Fernando Llorente aus Bilbao und Álvaro Negredo vom FC Sevilla kämpft Torres um die einzige noch vakante Position in der Elf des Welt- und Europameisters. „Ich war soweit, dass ich mir vorstellte, ich würde nicht für die EM nominiert“, sagt Torres. „Und wenn du einmal draußen warst, ist es schöner als beim ersten Mal, doch dabei zu sein.“
Torres hat sich seine Natürlichkeit bewahrt
Mit 28 Jahren, nach 92 Länderspielen, trotz monatelanger Häme der britischen Presse, hat er sich die Offenheit und Natürlichkeit bewahrt, mit der er bei der EM 2004 auftauchte. Damals stand er in der Mittagspause plötzlich im Pressezelt. Er wollte sich ein paar Bilder auf dem Computer eines Fotografen anschauen. So was tat ein Profi doch nicht, ein Profi hielt Abstand zur Presse.
Als Torres im Januar 2011 für 58 Millionen Euro vom FC Liverpool zu Chelsea wechselte, sagte er, „zu Manchester United und Real Madrid konnte ich nicht, Barcelona wollte mich nicht, da blieb nur Chelsea.“ So ehrlich redete ein Profi doch nicht. In solchen Momenten wirkte Torres unschuldig; oder besser gesagt: verwundbar. Wie sollte er, der seine Gefühle nicht durch Floskeln polsterte, der sich nicht mit Distanz vor der Öffentlichkeit schützte, damit fertig werden, wenn er einmal in die Spirale eines Stürmers geriet, der das Tor nicht trifft?
Viele haben seinen Wechsel von Liverpool zu Chelsea als den Punkt ausgemacht, als etwas zerbrach. Tatsächlich verschwand der Weltklassestürmer Torres schon ein Jahr früher, im Frühling 2010. Der Meniskus war gerissen, er musste nachoperiert werden, weil die erste Operation keine Besserung brachte. Bei der WM in Südafrika konnte Torres vor Schmerzen oft nicht einmal richtig gehen. So beginnen Teufelskreise.
Offen und verwundbar
In Chelsea waren die Spieler es gewohnt, den Stürmer mit dem Rücken zum Tor anzuspielen, Torres aber lebt vom Pass in den freien Raum. Er fühlte sich nicht wohl, er vergab Torchancen, der Trainer setzte ihn auf die Ersatzbank, danach vergab er unglaubliche Torchancen. „Ich machte diese Saison die schlimmsten Momente meiner Karriere durch“, sagte er vor zwei Wochen, offen, verwundbar wie immer, nach Chelseas Sieg gegen Bayern München im Champions-League-Finale, in dem er nur eingewechselt worden war.
Die Haare frisch blondiert, strahlt er im Fernsehen wie ein ewiger Junge. Es war kein alter Clip, sondern am Mittwoch tatsächlich ein neues Tor, das von ihm zu sehen war, das 1:0 gegen Südkorea.

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