Die Stimmung verdunkelt sich

Monte Carlo..  Dass er die Mütze bei der deutschen Hymne überhaupt abnimmt, muss man Lewis Hamilton hoch anrechnen. Die Liedzeile ist schon über „Recht und Freiheit“ hinweg, als der Dritte des Großen Preises von Monaco seine Kappe vom Kopf zieht und achtlos über den Pokal zu seinen Füßen stülpt.

Bei den Siegerinterviews hätte er sie am liebsten wieder tief ins Gesicht gezogen. Der Brite, der bis 14 Runden vor Schluss scheinbar uneinholbar seinem vierten Saisonsieg entgegenfuhr, hätte fast zu heulen angefangen. So war es aus seiner Sicht ja auch: Das eigene Mercedes-Team bringt ihn um den Triumph, ein kaum zu glaubender Strategiefehler schustert seinem Rivalen Nico Rosberg den Erfolg zu. Der Wiesbadener feiert damit einen Sieg-Hattrick und ist in der WM bis auf zehn Punkte an Hamilton herangekommen.

Das Schicksal wendete sich nach einem Crash von Max Verstappen in die Sicherheitsbarrieren gegen Hamilton. Der Übermut des Niederländers löste eine neue Sicherheitsmaßnahme in der Formel 1 aus – das virtuelle Safety Car. In allen Lenkraddisplays leuchten Warnflaggen auf, alle Fahrer müssen das gleiche, reduzierte Tempo fahren. Eine Maßnahme, die nach Jules Bianchis Unfall in Japan als Sofortmaßnahme die Streckenposten schützen soll. Wäre es dabei geblieben, hätte das Lewis Hamiltons Position gefestigt, er hatte ja mehr als 20 Sekunden Vorsprung. Doch aus dem Wrack von Verstappen wurde ein Aufprall mit mehr als 15 G Verzögerung gemeldet, was wiederum automatisch einen Alarm im Arztauto auslöste. Wenn dieses losfährt, geht auch das herkömmliche Safety Car auf die Piste.

Jene Mercedes-Strategen, die Lewis Hamilton 50 Meter vor der Boxeneinfahrt zu einem Sicherheits-Reifenwechsel beorderten, hatten den Vorsprung Hamiltons jedoch auf Basis der – trügerischen – Rundenzeit in der virtuellen Phase kalkuliert. Das war der Denkfehler, den Teamchef Toto Wolff später zugeben musste: „Wir haben uns verrechnet. Wir gingen davon aus, der Abstand nach hinten wäre größer.“

Als Hamilton wieder zurück auf die Piste kam, war Rosberg schon durch und auch Sebastian Vettel im Ferrari gerade vorbei. Weder der Führende noch der neue Dritte kapierten gerade, was da passiert war, Rosberg glaubte seinem Rückspiegel nicht zu trauen. Für ihn wie für das Silberpfeilteam war das ein bittersüßer Moment: „Ich kann mir vorstellen, wie schrecklich sich Lewis jetzt fühlen muss.“

Wieder so eine Situation zwischen den beiden Streithähnen, die wie der Crashkurs von Spa im vergangenen Jahr für explosive Stimmung im Team sorgt. Lewis Hamilton versuchte erst gar nicht auszudrücken, was er fühlte: „Es ging so schnell, dass ich mich nicht erinnere. Man vertraut auf das Team. Wir gewinnen und verlieren zusammen.“ Aber der Schmerz sitzt wohl tief, nachdem er nicht einmal übermäßig Gas hatte geben müssen, um vorn zu liegen: „Das war das Rennen, was mir seit Jahren am meisten am Herzen lag.“

Verschärfte Stimmung

Dieser Sieg Rosbergs könnte die WM dauerhaft kippen lassen, könnte Hamilton den dritten Titel kosten. Die Situation und Stimmung unter den beiden Konkurrenten wird das noch verschärfen. Teamchef Wolff hofft, dass sich Hamiltons Egozentrik in Grenzen hält: „Lewis ist mental sehr stark.“ Eins macht der Österreicher aber unmissverständlich klar: „In diesem Team wird kein Fahrer bevorzugt, aus keinem Grund.“