Die Sehnsucht nach der deutschen Hymne

Köln..  Es ist Mittagszeit an der Trainerakademie. Studenten der Sporthochschule kommen aus Seminarräumen, Kinder mit Hockeyschlägern eilen durchs Foyer. Mit großen Schritten betritt Thomas Weikert das Gebäude. Der 53-Jährige ist seit September 2014 Präsident des Internationalen Tischtennisverbandes ITTF. Der vierte deutsche Weltverbandspräsident neben Josef Fendt im Rodeln, Klaus Schormann im Modernen Fünfkampf und Gerhard Zimmermann im Minigolf. Vor einem Meeting bleibt Zeit für ein Gespräch.

Herr Weikert, wie ist das? Wacht man auf und denkt sich: Jetzt werde ich Weltverbandspräsident?

Thomas Weikert: Aufwachen tue ich immer, aber als Präsident? Das waren viele Zufälligkeiten, die mich in das Amt gebracht haben.

Erzählen Sie.

Bisher habe ich mich für kein Amt – national oder international – beworben, ich wurde immer gefragt. Bei Olympia 2008 fragte man mich, ob ich ITTF-Vizepräsident werden wollte, 2009 wurde ich gewählt. 2013 entschied mein Vorgänger, zurückzutreten. Er schrieb mir eine Mail, ob ich den Posten übernehmen würde. So bin ich dann aufgewacht.

Und jetzt ist ein Deutscher Weltverbandspräsident. Wird Timo Boll nun bei der WM in China ab 26. April endlich Weltmeister?

(lacht) Bei den Herren haben wir mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov zwei unter den besten Acht, die Chance auf eine Medaille ist da. Auch das Doppel Boll/Ma Long gehört zu den Favoriten. Bei den Damen ist China längst enteilt.

Dürfen Sie als Chef des ITTF denn parteiisch sein?

Ich bin zwar jetzt Weltverbandspräsident, aber das Herz schlägt natürlich für die eigene Nation. Ich finde es viel schrecklicher, wenn man auf der Tribüne sitzt und nicht einmal häufiger für die eigenen Spieler klatscht. Das wäre gelogen.

Zumal Sie bis Anfang März noch Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, des DTTB, waren.

Ja, der Rücktritt ist mir sehr schwer gefallen. Da hängt wirklich mein Herz dran. Aber es war der richtige Schritt, weil es sonst Interessenkonflikte gegeben hätte.

Zum Beispiel?

Die WM 2017 findet in Düsseldorf statt. Da macht man sich mit einer Doppelposition, selbst wenn man glaubt, alles vernünftig zu regeln, schnell angreifbar.

Ihr Amt hat nun Michael Geiger übernommen. Eine gute Wahl?

Er war mein Wunschkandidat. Wir haben viel Kontakt. Neulich waren wir zusammen im Stadion, bei einem Fußballspiel des SC Freiburg.

Und welche Aufgaben warten auf Sie? Eilen Sie jetzt zur WM nach China und dann zu einem Jugendturnier am anderen Ende der Welt?

Jedes Jugendturnier nehme ich nicht mit. Ich war jetzt ein paar Wochen zu Hause. Nach der WM fliege ich Ende Mai zum Latin-America-Cup nach Kuba, Mitte Juli zum IOC-Kongress nach Malaysia.

Und nebenbei arbeiten Sie als Anwalt in Limburg – verdient man als Präsident so schlecht?

Dass ich weiter Anwalt sein kann, war mir wichtig. Bei der ITTF bekomme ich ein Honorar. Als Ehrenamt kann man das nicht ausfüllen. Die Höhe hängt vom voraussichtlichen Arbeitsaufwand ab. Es handelt sich also um die Zeit, in der ich für mein Anwaltsbüro nicht arbeiten kann.

Und Ihr Postfach? Glüht das?

Jeder hat seine Wünsche – bei 220 Mitgliedernationen ist es schwierig, alle zu erfüllen. Zumal sie sich zwischen kleinen und großen Verbänden erheblich unterscheiden.

Nämlich?

Nehmen wir Jemen. Der Verbands-Präsident würde gerne zur WM reisen. Wegen des Krieges gibt es keine Flüge, keine Infrastruktur. Wir versuchen, ihn über ein Nachbarland nach China fliegen zu lassen. Oft unterstützen wir kleine Länder mit Materialspenden. Tischtennis soll auf der ganzen Welt gespielt werden. Bei China ist es eher so, dass wir um Kooperation bitten.

Entwicklungshilfe und Spitzensport – geht das finanziell?

Da wir beim IOC höher gestuft wurden, können wir mit 2,5 Millionen Dollar mehr planen. Wir bekamen vorher eine zweistellige Millionensumme, die ist jetzt noch zweistelliger. Ziel ist es, gute Events auf dem Weg zu Olympia zu haben. Mit der WM wird das klappen.

Müssen sich die Chinesen denn Sorgen um die Konkurrenz aus Deutschland machen?

Als DTTB-Präsident habe ich es nicht geschafft, außerhalb Europas die deutsche Hymne zu hören. Das ist ein Ziel für meinen Nachfolger.

Und wenn er das schafft, laden Sie ihn zu einem Kaffee ein?

Mindestens. Er kann sich dann auch das Restaurant aussuchen. Inklusive Reisekosten.