Die „Krieger“ entzaubern den Star

Washington..  Im Mannschaftssport ist auf die Dauer jeder Solist, und sei er noch so virtuos, aufgeschmissen, wenn am Ende das Team als Einheit versagt. Diese Erfahrung musste im sechsten und letzten Spiel der Finalserie (Best of 7) um die amerikanische Basketballmeisterschaft LeBron James gegen die Golden State Warriors machen. Der Star der Cleveland Cavaliers lieferte bei der 97:105-Niederlage vor heimischen Publikum erneut eine Leistung für die Geschichtsbücher ab. Gegen die „Krieger“ aus Oakland reichte das aber nicht aus.

Nach 40 Jahren NBA-Titel-Ebbe herrscht darum wieder Sonnenschein in der Bay von San Francisco. Mit vier Siegen bei zwei Niederlagen zeigte die Mannschaft von Trainer Steve Kerr dem am Schluss entkräftet und demoralisiert wirkenden Gegner aus Ohio die Grenzen auf. Die Larry O’Brien-Trophy geht nach Kalifornien. Und das völlig verdient.

Dabei hatte es drei Spiele lang so ausgesehen, als könnte die Ein-Mann-Show namens LeBron funktionieren. Nach der dritten Partie lag Cleveland mit 2:1 vorn, ging aber dann auf heimischem Parkett mit 82:103 unter. Den Gleichstand münzte Golden State am vergangenen Sonntag in eine 3:2-Führung um. Eine Konstellation aus der sich in 28 Finalserien 20 Mal der spätere Gesamtsieger ergab. So auch diesmal.

In den beiden letzten Spielen trat der Unterschied krass zutage: Die „Krieger“ von der Westküste waren in fast jeder Hinsicht ausgeglichener, entschlossener, talentierter und vor allem gesünder besetzt.

Green, der zum wertvollsten Spieler der Finals gewählte Iguodala, Barnes, Livingston, Thompson; viele Akteure von Golden State brachten zweistellige Punkte-Bilanzen zustande. Und der am Anfang der Serie noch unauffällige Stephen Curry ließ im richtigen Moment seine Extraklasse aufblitzen, die jedes Team binnen weniger Minuten brechen kann. Das letzte, entscheidende Spiel schloss Curry, der mit insgesamt 98 „Dreiern“ den bisherigen Final-Rekord von Reggie Miller (58) aus dem Jahr 2000 pulverisierte, mit 25 Punkten ab.

Vom ersten Viertel an liefen die bis in die Körpersprache verunsicherten Gastgeber einem Rückstand von mehr als zehn Punkten hinterher. James, der sich vor der Partie kühn als „weltbester Spieler“ mit „unbegrenzten Möglichkeiten“ charakterisierte, musste erleben, was Leser der Lokalzeitung „Cleveland Plain Dealer“ vorher konstatiert hatten: „Michael Jordan von den Chicago Bulls war ein Jahrhundertspieler. Aber zum Titelgewinn braucht er Scottie Pippen.“ Dabei macht James‘ persönliche Bilanz fast ehrfürchtig: Mit durchschnittlich 35,8 Punkten, 13,3 Rebounds und 8,8 Assists setzte der 30-Jährige eine Marke, die noch nie zuvor ein Spieler in den NBA-Finals erreicht hat.

Steve Kerr gewinnt das Trainer-Duell

Dass Cleveland der ersten Profisport-Titels seit über 50 Jahren versagt blieb, geht in Ordnung. Die um den aus Miami zurückgekehrten James zusammengewürfelte Mannschaft vermochte die Ausfälle von Anderson Varejão (Achillessehne), Kevin Love (Schulter) und Spielmacher Kyrie Irving (Kniescheiben-Bruch) nicht zu kompensieren. James konnte zu keiner Zeit Verantwortung delegieren.

Im Fernduell der Trainer-Neulinge besaß der einstige Mitstreiter von Michael Jordan bei den Chicago Bulls, Steve Kerr, den widerstandsfähigeren Kader und das bessere Konzept: robuste Körpersprache gerade gegen James, der ohne zermürbende Fouls nicht zu stoppen ist. „Ich liebe dieses eingeschworene Team“, sagte der von der Champagner-Dusche durchnässte Kerr in der Kabine.

David Blatt, der das Image des von „King James“ nur geduldeten Übungsleiters nie los wurde, konnte von der Cleveland-Bank nichts zusetzen. Sein Fazit fiel simpel aber treffend aus: „Nicht jede Geschichte hat ein Happy End.“