Die Kandidatur kam per Brief

Essen..  Wolfgang Niersbach hat am Dienstag Post bekommen. Als der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes das Kuvert öffnete, erfuhr er eine Neuigkeit. Erstaunlich im Zeitalter der elektronischen Medien, aber offensichtlich doch noch möglich. „Prinz Ali bin Al-Hussein hat mich heute in einem Brief über seine Kandidatur informiert“, sagte Niersbach. Eine Knaller-Nachricht für den Welt-Fußball: Der 39-jährige Prinz aus Jordanien möchte Präsident des Weltfußball-Verbandes Fifa werden.

Dazu wird er nun wie im Brief an Niersbach angekündigt am 29. Mai bei der Wahl in Zürich gegen den bisherigen Fifa-Chef Joseph Blatter antreten.

Ein Neuling auf der ganz großen Bühne des Fußballs, und auch Niersbach musste zugeben: „Ich habe ihn bisher noch nicht näher kennengelernt, habe aber sehr viel Positives über ihn gehört. Er wird als starke Persönlichkeit beschrieben.“

Al-Hussein selbst begründet die Motivation für seine Kandidatur so: „ Die Botschaft, die ich immer wieder hörte, war: Es ist Zeit für einen Wandel. Der Weltfußball verdient eine Weltklasse-Regierung.“

Hinter diesen nett formulierten Worten verbirgt sich in Wahrheit die Kritik, die sich gegen Blatter aufgestaut hat. Es gibt Korruptionsvorwürfe, es gibt Beschwerden über die Vergabe der WM 2022 nach Katar, und es gibt Kopfschütteln über den Umgang des Schweizers mit dem Bericht, den Fifa-Chefermittler Michael Garcia vorgelegt hatte. Der 430 Seiten umfassende Bericht über Korruption im Verband ist bis heute nicht veröffentlicht, und Garcia hat daher längst entnervt die Brocken hingeworfen.

Nun kündigt Al-Hussein an: „Die Fifa soll internationaler Verband sein, der sich als Serviceunternehmen versteht und ein Beispiel für Ethik, Transparenz und gute Regierung ist.“ Michel Platini, schon lange erklärter Gegner Blatters und Präsident des europäischen Verbandes Uefa, will die Kandidatur des Jordaniers unterstützen. „Er hat die nötige Glaubwürdigkeit, um ein hohes Amt zu bekleiden“, meint der Franzose.

So klar hat sich Niersbach noch nicht festgelegt. „Wir werden innerhalb der Uefa noch im Januar besprechen, wie wir uns positionieren“, sagte der DFB-Boss.

Doch zunächst glühen die Telefone, weil sich auch die Funktionäre zunächst über den Prinzen informieren müssen. Erfahren werden sie dabei, dass der Mann aus der königlichen Familie eine steile sportpolitische Karriere hingelegt hat. Bereits 1999 stand der Sohn des verstorbenen Königs Hussein dem jordanischen Fußball-Verband vor. Damals war er 23 Jahre alt. 2011 wurde er Vize-Präsident des asiatischen Fußball-Verbandes und auch Vize der Fifa.

Al-Hussein gilt als sehr gebildeter Mann, der in England und den USA zur Schule ging und die Militärakademie im englischen Sandhurst besucht hat. Mit seinem Anspruch, die Korruption zu bekämpfen, hat er sicherlich viele Fußball-Anhänger hinter sich.

Aber auf der anderen Seite steht Blatter, der mit 78 Jahren jede Menge Sturz-Versuche überstanden hat. Für die Wahlen in Zürich hat er sich positioniert: Jeder der 209 stimmberechtigten Verbände erhielt kürzlich mal eben 300 000 Dollar aus der Fifa-Kasse.