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Paralympics

Die High-Tech-Realität der Paralympics in London

28.08.2012 | 20:16 Uhr
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Der Rennrollstuhlfahrer Marc Schuh zählt über 400 Meter zu den Favoriten bei den Paralympics in London.Foto: imago

London.   Marc Schuh gehört zu den schnellsten Rennrollstuhlfahrern der Welt. Bei den Paralympics will er Gold holen. Dafür tüftelt er seit Jahren auch an der richtigen Rollstuhl-Technik. Für ihn entscheidet am Ende dennoch nur eins: der Faktor Mensch.

Marc Schuh kann nicht ausschließen, dass er der Konkurrenz behilflich ist. Der 23-Jährige gehört zu den schnellsten Rennrollstuhlfahrern der Welt, über 400 Meter ist er Favorit bei den Paralympics, die am Mittwoch in London beginnen.

Schuh studiert Physik in Heidelberg. Mit seinem Vater hat er ein Messgerät entwickelt, das die Leistungsfähigkeit von Rennrollstühlen analysiert. Sie diskutieren Rahmen, Räder, Material. Schuh stellt Videos davon ins Internet, für Freunde und Sponsoren. Dass seine Gegner zuschauen? Ist ihm egal: „Ob in der Formel 1, beim Radrennen oder bei uns: Wenn Athleten die gleichen Stärken besitzen, entscheidet am Ende die bessere Technik.“

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Die Paralympics haben ihren Ursprung in der Rehabilitation für Kriegsversehrte, inzwischen sind sie eine professionelle Bühne von Spitzenathleten, mit 4200 Athleten aus 165 Ländern, mit der Ausrichtung auf Rekorde, Sponsoren, Einschaltquote – und auf moderne Technik. Ob Rollstuhl oder Prothese: Wissenschaftler entwickeln Geräte, die den Alltag des Behindertensports erleichtern – aber auch die sportliche Dramatik erhöhen sollen. Und so mischen sich in den Fortschritt kritische Stimmen: Tritt an die Stelle des Trainingsalltags ein Wettrüsten? Vielleicht sogar Techno-Doping?

Für Marc Schuhe liegen die Kosten für eine Saison bei 35.000 Euro

Marc Schuh findet das überzogen: „Am Ende entscheidet der Faktor Mensch, denn wir trainieren sehr hart.“ Schuh leidet unter einem Kaudalen Regressionssyndrom, ihm fehlt der untere Teil der Wirbelsäule, daher hat er in seinen Beinen keine Stabilität. In einem Alltagsrollstuhl hatte Schuh seinen ersten Wettkampf gewonnen, ein Kinderrennen, da war er zehn. Er überredete seine Eltern, einen Rennrollstuhl zu kaufen. Er eilte von Sieg zu Sieg, und mit dem Erfolg wuchs das Gespür für Feinheiten. Die Zusammenarbeit mit den Rollstuhl-Herstellern wurde enger.

Schick für Olympia

Die Kosten einer Saison liegen für Schuh bei 35.000 Euro, ein guter Rahmen bei 5000 Euro. Für dieses Geld braucht er Sponsoren. Für Sponsoren braucht er Erfolg. Und für den Erfolg braucht er: einen guten Rahmen. Schuh trainiert im Schnitt 16 Stunden pro Woche. Die Karbonräder seines Stuhls treibt er mit seinen Armen an, auf ein Tempo bis zu 37 km/h.

80 Techniker mit 10.000 Arbeitsstunden bei Paralympics in London

„Doping ist verboten und moralisch höchst fragwürdig“, sagt Rüdiger Herzog von der Firma Otto Bock, dem Weltmarktführer für Prothetik mit Sitz in Duderstadt. „Auf dem Feld der Technik führt der Begriff Doping in die Irre. Wir sollten Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Spitzensport ermöglichen und ihre eingeschränkte Lebensqualität aufwerten.“ Seit 1988 organisiert Otto Bock die Werkstätten bei den Paralympics.

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In London werden achtzig Techniker rund 10.000 Arbeitsstunden leisten, für alle Sportler, die ein Problem mit ihrer Technik haben, mit schlecht laufenden Rollstühlen, zerbrochenen Schlägern, defekten Kniegelenken. „Die Trainingsphase ist abgeschlossen, wenn wir zum Wettkampf fahren“, sagt der Leichtathlet Heinrich Popow. „Wenn aber im entscheidenden Moment die Prothese nicht optimal funktioniert, nützt das ganze Training nichts.“

Heinrich Popow, der Wurzeln in Kasachstan hat, war acht Jahre alt, als Ärzte bei ihm einen Tumor fanden, sein linkes Bein musste amputiert werden. Popow, früher begeisterter Fußballer, startete bei Bayer Leverkusen eine Laufbahn als Leichtathlet. Mit einer Prothese läuft Popow die hundert Meter unter 13 Sekunden, er ist schneller als die meisten Menschen auf zwei Beinen. „Wegen des Trainings“, sagt er. „Nicht wegen der Technik.“

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Die Prothese von Heinrich Popow besteht aus einer gebogenen schwarzen Feder aus Karbon und einem hydraulischen Knie aus Metall. Die Konstruktion ist auf Gewicht und Laufstil des Athleten abgestimmt. Seine Laufprothese ist schlichter entwickelt als seine Alltagsprothese, die über einen Mikroprozess verfügt, der das Knie auf das Fußgelenk abstimmt und mit Hilfe von Sensoren die Sturzgefahr verringert. Computertechnik ist in der Sport-Prothetik untersagt.

Sind Sportler mit Prothesen im Vorteil, wie es am Beispiel von Oscar Pistorius diskutiert wird? Der südafrikanische Läufer, dem im Alter von elf Monaten die Beine unterhalb der Knie amputiert worden waren, stellte mit Prothesen Rekorde auf. Bei Olympia scheiterte er über 400 Meter erst im Halbfinale.

Seine Kritiker sagen, er sei im Vorteil, da Prothesen sich auf jeden Untergrund optimieren lassen. Seine Unterstützer entgegnen, dass Prothesen niemals mehr Kraft aufbringen können als das Bein. Bei den Paralympics wird er wieder im Rampenlicht stehen. Pistorius symbolisiere Chancengleichheit, sagt Rüdiger Herzog: „Es ist abwegig, dass wie in einer Cyberwelt Prothesenläufer die olympischen Medaillen unter sich ausmachen.“

Ronny Blaschke

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