Der Wolff und sein Revier

Spielberg..  Sebastian Vettel als Austro-Hessen einzugemeinden, ist hinfällig geworden, seit der Heppenheimer nicht mehr für Red Bull fährt. Aber vor dem Großen Preis von Österreich hat das Alpenland Ersatz gefunden. „Welche Rolle spielt ein Rennen im eigenen Land für Mercedes?“ lautet die erste Frage im Formel-1-Interview der Zeitung „Die Presse“.

Das mag nur missverständlich formuliert sein, oder es unterstreicht die Sehnsucht nach PS-Nationalhelden. Der Antwortgeber Christian Torger Wolff, Mercedes-Teamchef, Toto genannt und geboren in Wien, geht nonchalant über diese Ehre hinweg. Er ist an deftige Übertreibung gewöhnt, heißt sein Aufsichtsrat beim erfolgreichsten Rennstall dieser und der vergangenen Saison doch Niki Lauda. Die beiden Wiener haben das Spielchen „good cop, bad cop“ zuletzt perfektioniert.

Seit der 43 Jahre alte Investment-Spezialist und der 66-Jährige Flug-Unternehmer Ende 2012 das Steuer bei Mercedes übernommen haben, fahren die Silberpfeile von Sieg zu Sieg; im Kampf um den Titel ist nur die Freundschaft zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg unter die Räder gekommen. Die smarte und zugleich harte Teampolitik hat Konflikte nicht immer verhindern, aber die Folgen zumindest minimieren können.

Dass der Rennstall nach dem legendären Crash in den Ardennen im letzten Spätsommer nicht auseinandergebrochen ist, hat auch mit den Führungsqualitäten der beiden so ungleichen Bosse zu tun. Lauda, der dreifache Weltmeister, versteht sich bestens mit dem emotionalen Hamilton; Wolff, der Selfmade-Millionär, kommt mit dem analytischen Rosberg klar. Die vier spielen ein Hochgeschwindigkeits-Quartett, manchmal spielen sie sich dabei auch aus.

Rosberg braucht Erfolgserlebnis

Für den achten WM-Lauf am Wochenende hat Mercedes die Steiermark plakatieren lassen: „Die Spitze des Spielbergs“. Gipfeltreffen, das ist ein durchaus treffender Vergleich: Mit 17 Punkten führt Hamilton nach seinem jüngsten Sieg in Kanada vor Rosberg, der im Vorjahr in Österreich gewonnen hatte. Der Wiesbadener braucht dringend das nächste Erfolgserlebnis. „Es wäre falsch, abzustreiten, dass wir Favoriten sind“, untertreibt Wolff. Die permanente Unruhe im eigenen Haus schreckt die Chef-Etage nicht, im Gegenteil – es ist eine Art emotionaler Hybrid-Antrieb für das Unternehmen. Laudas Sticheleien, ob über die Strategieabteilung („Zu viele Köche verderben den Brei“) oder die Formel 1-Krise („Wir brauchen wieder echte Männer“) passen in das Konzept.

Toto Wolff scheint die Rolle als Krisenmanager wenig auszumachen. Als er nach dem Auffahrunfall Rosbergs die mentalen Folgen wieder in die richtigen Bahnen leiten musste, kam er im Holzfällerhemd an die Strecke, die Ärmel hochgekrempelt. Mit Spielzeugautos machte er den Fahrern vor, wie er sich künftig ein gepflegtes Miteinander auf der Strecke vorstelle. Das Beispiel fruchtete, Hamilton startete zum Titel durch. Das Kunststück dabei war, Rosberg bei Laune zu halten, der stets bis auf das letzte Quäntchen am Widersacher dran war. Zweiter in der Formel 1, das ist der erste Verlierer – vor allem in einem Team.

Für Toto Wolff ist vieles eine Frage des gegenseitigen Respekts: Nach dem WM-Sieg Hamiltons gab es kein T-Shirt mit Kopf und Namen des Briten, sondern ein neutrales Hemdchen. „Wir freuen uns mit dem einen Fahrer und versuchen den anderen nicht zu vergessen. Für den einen war es der beste Tag in seinem Leben, für den anderen der schwerste“, sagte der Herr über die Silberpfeile. Auch jetzt ist immer wieder Ausgleich gefragt. Kernsatz Wolff: „Frieden muss man stiften, um alles wieder in Balance zu bringen.“