Der Höhenflug von Borussia Mönchengladbach

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Was wir bereits wissen
Mönchengladbach gewinnt das vorweggenommene Endspiel um Platz drei gegen Bayer Leverkusen 3:0 und hat die Champions League so gut wie sicher.

Mönchengladbach.. Man kennt das ja vom Klassentreffen, so nach 25 Jahren: Plötzlich leben die alten Geschichten wieder auf, die Bilder und Menschen, die man längst vergessen hatte. Vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen kramten auch erstaunlich viele Mönchengladbacher ihre Erinnerungen hervor, was damit zu tun hatte, dass die Borussia in der Fußball-Bundesliga seit 1989 kein einziges Heimspiel mehr gegen Bayer Leverkusen gewonnen hatte.

Also machte sich zunächst eine Stimmung breit wie auf einer gut abgehangenen Wiedersehensfeier: Weißte noch? Vor einem Vierteljahrhundert? Als Helmut Kohl noch regiert hat, als die Mauer noch stand, als alle auf der Suche waren, David Hasselhoff im Radio nach der Freiheit und die grau gewordene Borussia am Bökelberg nach einem Weg aus dem Bundesliga-Mittelmaß.

Den hat sie gefunden, und dass in Gladbach aus dem mit gebremstem Schaum begonnenen Treffen eine bunte Party wurde, hatte dann nichts mehr mit Vergangenheit und alles mit Gegenwart und Zukunft zu tun: Das 3:0 (0:0) über Bayer Leverkusen beendete ja nicht nur die fast 26 Jahre lange schwarze Serie gegen die Werkself, es war vor allem der große Schritt in die Champions League.

Fußballfans müssen keine kühlen Rechner sein, mathematisch fehlt den Gladbachern nämlich aus zwei Spielen noch ein Pünktchen, um zumindest Dritter zu werden und damit ohne die lästige Qualifikationsrunde in die Königsklasse zu rauschen. Das ist erstens in Gladbachs gegenwärtiger Verfassung Formsache und zweitens für einen Verein, der 2011 beim Amtsantritt von Trainer Lucien Favre schon in der 2. Liga zu stehen schien, eine phänomenale Entwicklung.

Ja, Gladbach ist die beste Rückrundenmannschaft, ja, sie spielt einen so durchdachten wie manchmal auch begeisternden Fußball, ja, das Team erinnert an die Fohlen-Elf aus besten Zeiten, und nein, kein Mensch glaubt ernsthaft, dass sich die Borussen Platz drei noch nehmen lassen.

Naja, einer vielleicht doch: Eine Viertelstunde nach Spielschluss feierte der immer noch proppenvolle Fanblock Lucien Favre und forderte den Trainer unermüdlich dazu auf, in die Kurve zu kommen. Nun ist Favre kein Typ für das Bad in der Menge, und der Schweizer blieb sich trotz der ausgelassenen Stimmung treu: Er kam nicht und schaute jeden, der ihn nach dem Grund fragte, verständnislos an: „Wir haben doch noch nichts erreicht.“

Herrliche Stafetten

So ist er eben. Rund um Favre herum allerdings berauschten sich die Gladbacher an ihrem Sieg über gar nicht mal schwache Leverkusener. Die Borussia hat diesen Lauf, den man kaum erklären kann. Sie machte alles richtig: Sie spielte geduldig, als Leverkusen anfangs wie wild drückte, sie spielte überfallartig in der Offensive und zeigte herrliche Ballstafetten zwischen Patrick Herrmann, Raffael und Max Kruse. Sie hatte Geistesblitze wie vor dem 1:0, als Granit Xhaka einen Freistoß so schnell ausführte, dass es außer Passgeber Herrmann und Torschütze Kruse niemand mitbekam. Sie gewann abprallende Bälle wie vor dem 2:0 durch Herrmann. Sie kombinierte Eleganz mit Wucht wie vor dem 3:0 durch Traoré.

Das alles folgt einem Plan des Trainers, umgesetzt von einer Mannschaft, die Manager Max Eberl zusammengestellt hat, wofür er sich nach dem 3:0 ausnahmsweise einmal selber lobte: „Ich glaube, wir haben in diesem Jahr nicht so viel falsch gemacht.“

Kruses Wechsel perfekt

Das ist die Untertreibung der Saison. Gladbach hat die Champions League sicher, und es scheint Team und Verein wenig auszumachen, dass nach Christoph Kramers Rückkehr nach Leverkusen jetzt auch der Wechsel von Max Kruse zum VfL Wolfsburg, wo er einen Vierjahres-Vertrag erhält, fest steht. Beide gehörten neben Patrick Herrmann zu den Besten, aber das Vertrauen in Favres und Eberls Planungskunst ist längst gefestigt genug, um ihren Abgängen gelassen entgegen zu sehen. Weil Kramer am Samstag mithalf, seinen künftigen Verein auf Platz vier zu kicken, wurde vor und nach dem Spiel eine Menge Wirbel gemacht. „Völlig überzogen“, sagte der Weltmeister.

Da hat er recht, und vielleicht auch wieder nicht. Gladbach hat ja nicht nur nach fast 26 Jahren daheim Leverkusen geschlagen, es meldet sich nach der Fohlen-Ära ganz oben zurück. Da darf man ruhig auf der Geschichts-Klaviatur spielen. Es muss ja nicht gleich David Hasselhoffs Comeback folgen.