David Bell lässt die Muskeln spielen

Hagen..  Dem Mann aus Las Vegas ist an diesem Abend einfach alles zuzutrauen. Auch dieser typische Center-Korb zum 25:20 in Viertel zwei, den eigentlich Urule Igbavboa für Phoenix Hagen erzielt hat. Die Anschreiber bei Basketball-Bundesligist BG Göttingen indes notieren ihn für David Bell - für wen auch sonst? 31 Punkte hat der US-Aufbauspieler offiziell am Ende auf dem Zettel, persönlicher Erstliga-Bestwert für den 33-Jährigen. Für das 83:73 (36:28), den bereits siebten Hagener Auswärtssieg, ist er so maßgeblich verantwortlich. Auch wenn Bell, ganz Kapitän mit dem Blick fürs Ganze, die Lorbeeren gleich weiterreicht. „Es war eine Team-Anstrengung“, hebt er hervor, „ich hatte schnell einen guten Wurf-Rhythmus - und die Kollegen haben mich gefunden.“

Das tun sie im Gastspiel beim bisher so überraschend starken Aufsteiger von Beginn an. Und liegen so in Göttingen nicht einmal zurück. Bell ist erste Angriffsoption, jede Lücke in der BG-Defensive nutzt der Fitness-Freak mit dem ausgeprägten Bizeps gedankenschnell und treffsicher. Bis zum 23:16 (12. Minute) hat er - ohne Fehlversuch - schon 15 Punkte erzielt, darunter drei Dreier. Irgendwie nachvollziehbar, dass man ihm auch den nächsten Hagener Korb des eigentlich nicht zu verwechselnden Igbavboa zubilligt. „Bell hat heute gezeigt, dass er einer der besten Spieler der Liga ist“, würdigt Göttingens Coach Johan Roijakkers später. Und Phoenix-Trainer Ingo Freyer hebt, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, den großen Anteil Bells am Sieg hervor: „Er war von der ersten bis zur letzten Minute unser Kopf.“

In der vierten Saison spielt der 1,88-m-Mann bei Phoenix, er ist die Konstante im Freyer-Team. Stets punktet er zuverlässig, in der Rangliste der erfolgreichsten Korbjäger hat er einen Dauer-Spitzenplatz, auch aktuell trifft nur Ludwigsburgs David Kennedy besser. Dass er dennoch nie für ein Allstar-Spiel der Liga nominiert worden ist, empfindet man in Hagen als respektlos. Und nur als Bell zwischenzeitlich sein Geld im niederländischen Groningen verdiente, wäre Phoenix 2012 fast abgestiegen. Mit ihm als Anführer hat das Team mit einem der geringsten Liga-Etats, das sich lange keinen sechsten Importspieler leisten konnte, trotz notorischer Heimschwäche mittlerweile schon acht Punkte Abstand zu den Abstiegsplätzen erarbeitet.

In Göttingen trifft Bell mit dem bulligen Khalid El-Amin (35) auf einen ähnlich abgezockten Gegenspieler, der ihm zehn Kilogramm Körpergewicht und 50 NBA-Einsätze voraus hat. Ein episches Duell, in dem beide zunehmend die Muskeln spielen lassen - verbal und im Wortsinn. Lange steht der Göttinger Spielmacher im Schatten seines Gegenübers, erst im Schlussviertel beginnt auch er zu treffen. Als El-Amin per Vierpunktspiel zum 67:68 für die stets hinterher laufenden Gastgeber verkürzt (36.), hoffen die BG-Fans wieder.

Zumal Bell bei dieser Aktion sein viertes Foul sieht, das Ausscheiden beim nächsten Vergehen droht. Doch der Hagener Kapitän lässt sich an diesem Abend nicht beeindrucken, kontert mit Freiwürfen zum 70:67. Und baut mit seinen Kollegen den Vorsprung wieder aus. Zehn Zähler mehr sind es am Ende, im Endergebnis wie im Duell mit El-Amin, der auf 21 Punkte kommt. „Wir wussten ja, was uns erwartet“, bekennt Göttingens Dominik Spohr, der mit Bell in dessen erster Phoenix-Saison zusammenspielte: „David findet immer einen Weg, da konnten wir ihn nicht stoppen.“