Das Leben ein Kampf
23.07.2008 | 22:28 Uhr 2008-07-23T22:28:00+0200
Das Frühjahr war schon vielversprechend: Im April wurde Helena Fromm als erste Taekwondo-Kämpferin überhaupt von den Athleten und Athletinnen der Stiftung Deutsche Sporthilfe zur „Sportlerin des Monats” gekürt.
Und der Sommer soll nun noch schöner werden, wenn die Sauerländerin bei Olympia in Peking in der Klasse bis 67 kg, im Weltergewicht, an den Start geht.
Das Leben, ein Kampf. Vor einem guten halben Jahr war sie von einer schweren Knieverletzung auf dem Weg nach Peking scheinbar entscheidend zurückgeworfen worden. Doch dann feierte die 20-Jährige mit Gold bei der Europameisterschaft im April 2008 ein Comeback, wie es überzeugender nicht sein konnte. 54,2 Prozent von 3800 Sportkollegen waren davon so beeindruckt, dass sie ihr bei der April-Wahl ihre Stimme gaben.
Und die Nominierung für Olympia war der süße Lohn, für den sie sich im Training so geschunden hatte. Selbst Heinz Gruber, Präsident der Deutschen Taekwondo-Union, gerät ins Staunen, wie schnell die Kämpferin aus Oeventrop, einem Ortsteil von Arnsberg, nach ihrem üblen Kreuzbandriss wieder auf höchstes Niveau zurückgefunden hat. „In dieser jungen Frau verbindet sich vieles, was am Ende eine Spitzensportlerin ausmacht. Helena hat einen enormen Willen.”
Der Wille also! Woher er kommt? Wie man ihn ausbildet und pflegt und fördert? Schwer zu sagen: Helena Fromm weiß nur, dass es eben da ist, dieses unbedingte Wollen, das nur widerwillig ein ganz klein wenig Platz lässt für die Möglichkeit des Scheiterns, der Niederlage, der Enttäuschung. Und so ist sie natürlich die Musterschülerin von Carlos Esteves, bei dem sie in Iserlohn jahrelang trainiert hat und der sie in die Weltklasse gebracht hat. „Der freut sich immer auf mich, weil ich mich gut quälen kann.” Und er sie. „Der tritt mich richtig in den Hintern.”
Manchmal, wenn das Training wieder mal eher eine Tortur ist statt bloß eine sportliche Übung, würde sie ihm „am liebsten an die Gurgel gehen”. Und doch kann sie diese notwendigen Aggressionen dann wieder sinnvoll einsetzen: Bei der Arbeit gegen die Pratzen, die Schlagpolster des Trainers tritt sie dann noch eine Spur fester zu. „Damit ihm das auch ein bisschen weh tut.”
Die pure Lust am Leiden? Nein, eher die Einsicht in die Notwendigkeit, hart und immer härter zu trainieren, um sich international durchzusetzen. Längst hat sie ihre Lektionen gelernt. „Du musst einfach bis zur Grenze gehen”. Wenn man dann dort ist, an dieser Grenze zum Land der Schmerzen, „dann musst du noch ein Stückchen weiter gehen”. Und zu Trainingszwecken eignet sich ja sowieso praktisch alles, sogar Tiernahrung. Einmal hat sie sich mit ihrem Trainer 15-Kilo-Säcke Hundefutter zugeworfen, die eigentlich für die Dalmatiner des Coaches bestimmt waren.
Dabei hat alles einmal so kindlich, so spielerisch angefangen. Ihr Kindergartenfreund Thomas, der gehörte zur Oeventroper Taekwondo-Gruppe. Im Kindergarten hat er dann manchmal etwas vorgemacht. „Der konnte so schnell zum Kopf treten. Der konnte als Junge sogar Spagat. Das hat mich unheimlich fasziniert.”
Klar, die Familie ist auch sportlich: Schwester Johanna, 23, spielt Fußball, Mutter Petra war Handballerin, ziemlich temperamentvoll, wie es heißt. Vater Uwe hat es mal mit Karate versucht. Aber eigentlich auch wieder nichts Besonderes, alles im normalen Rahmen. In Oventrop, bei Heimtrainer Roland Schültke, hat Helena Fromm dann die ersten vielversprechenden Taekwondo-Versuche unternommen. Der Wille aber, der ist im Lauf der Jahre immer stärker geworden.
Das Leben, ein Kampf. Natürlich muss es auch ein Spaß sein, da achtet sie schon drauf. Aber wenn sie kämpft und Erfolg hat, dann ist es eben automatisch ein Spaß. Ihr Leitmotto ist ein Satz, der mal Bertold Brecht, mal Rosa Luxemburg zugesprochen wird. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”
In Peking will sie sich daran halten - am liebsten wäre ihr, wenn sie vier Mal kämpfen und vier Mal gewinnen würde. Denn dann stünde sie ganz oben auf dem Treppchen. „Eine Medaille ist mein Ziel. Je goldener sie ist, desto lieber!”,

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