Das fliegende Doppelzimmer

Oberstdorf..  Nach der heftigen Niederlage von Oberstdorf drückte Bundestrainer Werner Schuster seinen zwei österreichischen Landsleuten auf dem Weg zur Siegerpressekonferenz fair die Hand. Während der restlos enttäuschte deutsche Skiflug-Weltmeister Severin Freund nach seinem 13. Platz schon fast auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen war, stand das fliegende Austria-Doppelzimmer Stefan Kraft und Michael Hayböck nach seinem Doppelsieg zum Auftakt der Vierschanzen-Tournee im Mittelpunkt. Kraft erzählte stolz, dass er seit Jahren begeisterter Fan des FC Bayern ist. München ist der Wohnort von Severin Freund, doch zumindest in Sachen Vierschanzentournee kommen Siegertypen wie Bastian Schweinsteiger und Co. aus Österreich.

„Das Selbstverständnis der Österreicher bei der Tournee ist so ähnlich wie das der deutschen Mannschaft, wenn sie zur Fußball-Weltmeisterschaft fährt“, sagte Schuster. Die Nachbarn sind nach dem Doppelsieg im Allgäuer Flockenwirbel auf einem guten Weg zum siebten Sieg in Serie beim Skisprung-Grand-Slam. Severin Freund und seine Kollegen dagegen können nach dem historischen Absturz zum Auftakt, bei dem das bis dato schlechteste Ergebnis von 1985 eingestellt wurde, den ersten deutschen Gesamtsieg seit 13 Jahren getrost abhaken. Bei den restlichen drei Stationen in Garmisch-Partenkirchen (1. Januar), Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) geht es bei einem Rückstand von umgerechnet über 20 Metern nur noch um Schadensbegrenzung.

„Wenn wir dieses Trauma bei der Tournee in den nächsten zwei, drei Jahren irgendwann abhaken wollen, dann müssen wir diese Tournee positiv beenden. Wir haben den Auftrag, den katastrophalen Eindruck mit guten Ergebnissen bei den restlichen Springen noch zu drehen“, sagte Schuster: „Die Erwartungshaltung ist jetzt am Boden. Ab jetzt können wir nur noch gewinnen.“ Nach einem gemeinsamen Essen reiste das deutsche Team noch am Montagabend weiter nach Garmisch-Partenkirchen. Am Dienstag stand neben einem leichten Training am Abend vor allem der psychologische Neuaufbau und die Fehleranalyse auf dem Plan. Eine Erkenntnis steht dabei definitiv fest: Die deutschen Flieger haben bei der Vierschanzentournee definitiv ein Kopfproblem, bei dem vielleicht nur noch ein Psychologe helfen kann.

Speziell Severin Freund. Sein Schlusssprung beim Team-Olympiasieg von Sotschi im Februar schien alle Bremsen beim 26-Jährigen gelöst zu haben. Danach folgten der Weltmeistertitel im Skifliegen, fünf Weltcup-Siege und die Kampfansage für die Tournee: „Ich traue mir den Sieg zu.“ Genau diese offensive Einstellung hatte Schuster eingefordert, „weil wir uns nicht immer verstecken können.“ Bis zum Probedurchgang von Oberstdorf, als er mit 138,5 Metern die größte Weite stand, konnte Freund das auch bestätigen. Doch als es wirklich darauf ankam, versagten die Nerven. „Das liegt nur an mir. Die Sprünge waren einfach schlecht“, sagte der restlos enttäuschte Freund: „Ich dachte, ich bin schon weiter.“

Sein Chefcoach Schuster hatte bei seinen beiden Wettkampfsprüngen einen Fehler gesehen, den „Severin schon ewig nicht mehr gemacht hat: Er war katastrophal zu spät. Er ist diese Schanze schon 10 000 Mal runtergesprungen und das waren seine schlechtesten Sprünge. Das tiefe Vertrauen war nicht da, er hatte das Gefühl, besonders toll springen zu müssen.“