„Dann müssen wir ans Festgeld herangehen“

Hagen..  Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, fährt vor zum Redaktionsbesuch bei der WESTFALENPOST, parkt auf dem Hof, nimmt die Treppe in die dritte Etage und redet. Über eine missratene Saison, über die Europa League und den personellen Umbruch, den viele erwarten.


Herr Watzke, in Dortmund wird gerade viel über einen vermeintlich nötigen Umbruch im Team geredet. Stört Sie das?
Was ist ein Umbruch? Wenn wir drei, vier Spieler holen? Das machen wir jedes Jahr. Nein, ein Umbruch ist, wenn wir die halbe Mannschaft auswechseln. Das wird nicht passieren. Die Mannschaft hatte in diesem Jahr Probleme. Die haben wir hundertfach erläutert. Aber was die sportlichen Ambitionen angeht, wird es keinen gravierenden Einbruch beim BVB geben.


Wie wertvoll wäre eine Qualifikation für die Europa League, die dem BVB sowohl über die Liga als auch über das DFB-Pokalfinale noch ­gelingen könnte?
Die wollen wir mit aller Macht. Das noch zu schaffen, wäre gemessen an unseren Ansprüchen zwar nicht der größte Erfolg, aber vor dem Hintergrund, dass wir im Februar noch ­Tabellenletzter waren, wäre das mit Sicherheit die größte Aufholjagd, die ein Tabellenletzter in der Bundesliga je hinbekommen hätte.


Sie sind zuversichtlich?
Es sind noch drei Spiele zu spielen, wir treten zweimal im eigenen Stadion an, am Samstag gegen Berlin, zwei Wochen später gegen Bremen. Wenn wir beide Heimspiele gewinnen, haben wir eine hohe Wahrscheinlichkeit, dabei zu sein. Und das Pokalfinale wollen wir sowieso gewinnen, dann stünden wir direkt in der Gruppenphase. Das ist ein ökonomisches Thema, das wären 25 bis 30 Millionen Euro.


Die Europa League bringt dem BVB so viel Geld?
Das ist noch konservativ gerechnet. Das hat nichts damit zu tun, dass da jetzt ein Füllhorn an Geld über allen teilnehmenden Klubs ausgeschüttet wird. Aber wir haben andere Einnahmepotenziale als viele andere.


Das bedeutet genau?
Ich gehe davon aus, dass wir egal gegen welchen Gegner ein gut gefülltes Stadion haben werden. Und: Wir haben Sponsoring-Verträge, die auch für die Europa League sehr werthaltig sind. Wenn wir über die Gruppenphase hinaus noch ein, zwei Runden spielen würden, sind 30 Millionen Euro drin.


Was verändert sich, wenn es der BVB nicht nach Europa schafft?
Wenn wir die Europa League verpassen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: So sehr die Mittel für das Mannschaftsbudget zu kürzen, dass man nicht mehr ambitioniert genug ist. Oder in Vorleistung zu treten und ans Festgeld heranzugehen, es nicht auflösen, aber ein Stück weit abschmelzen. Das hätten wir vor.
Wie haben Sie persönlich - mit dem Abstand von heute - diese Krisen-Phase als KGaA-Chef erlebt?
Es war furchtbar. Mit Ausnahme der Anfangszeit damals 2005 war dieses Jahr für mich persönlich das schwierigste. Die ganze Saison stand unter schlechten Vorzeichen. Die Langzeitverletzten, die WM und bei mir privat kam der Schicksalsschlag mit meinem Vater dazu (Hans Watzke verstarb im Spätsommer des vergangenen Jahres, d. Red.). Er hat mir in den Monaten danach sehr gefehlt, weil ich mich mit ihm immer austauschen konnte. Mein Vater war einer der wenigen Menschen, bei denen ich immer wusste, dass ich eine wertfreie Antwort bekomme, die ohne Hintergedanken ist.


Trainer Jürgen Klopp hat vor wenigen Wochen um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Haben Sie versucht, ihn umzustimmen?
Über die Jahre entwickelt man ja immer mehr ein Gefühl für den anderen. Es war Jürgens Wunsch und nachdem wir uns sehr, sehr oft ausgetauscht hatten, haben wir alle zusammen das Gefühl gehabt, dass es die richtige Entscheidung ist. Diese Geschichte, die Jürgen mit uns in den letzten sieben Jahren geschrieben hat, ist eine der größten, die es in den letzten 50 Jahren im Fußball gegeben hat. Von ganz unten nach ganz oben. Aber jeder wusste, dass sie irgendwann zuende sein wird. Trotzdem hat es weh getan.


Halten Sie für möglich, dass er mal Trainer bei den Bayern wird?
Ob er jemals das Bedürfnis hat, zu den Bayern zu gehen, muss er ganz allein entscheiden. Wir würden aber auch dann Freunde bleiben.


Wäre er der Aufgabe gewachsen?
Jürgen könnte jeden Klub trainieren. Dass er ein großartiger Kerl ist, dass er eine große Ausstrahlung hat, ist alles richtig. Aber das alles Entscheidende - und darauf reduziert sich das bei den Top-Klubs dieser Welt - ist die fachliche Kompetenz. Diese Top-Klubs brauchen niemanden, der übermäßig sympathisch ist oder freundlich, sondern jemanden, der Fußball-Fachmann ist. Und das ist Jürgen über alle Maße.


Das klingt auch wie ein Plädoyer für Ihren neuen Trainer Thomas Tuchel. Ein Fachmann, aber eigenwillig.
Er ist ein Fachmann - zweifellos! Ich möchte zum Thema Thomas Tuchel aus Respekt vor Jürgen aber noch nichts sagen. Nur das: Es gibt ganz wenige Menschen auf dieser Welt, gegen die es nicht irgendwelche Einwände von Außenstehenden gäbe. Das beste Beispiel ist, dass man damals in Hamburg Jürgen Klopp offenbar nicht haben wollte, weil er Löcher in den Jeans hatte. Es werden gerade am Anfang viele Stereotype und Vorurteile übernommen. Thomas Tuchel sollte bei uns erstmal arbeiten dürfen, bevor er in irgendeiner Art bewertet wird.