Da steht ein Pferd auf dem Flur
09.05.2011 | 18:27 Uhr 2011-05-09T18:27:00+0200
Kronberg.Es ist Umzugstag. Matthias Alexander Rath holt Totilas, das teuerste Dressurpferd der Welt, nach Hause in den Taunus. Um sechs Uhr morgens hat sich der Reiter im norddeutschen Mühlen ans Steuer des gelb-schwarzen Transporters mit dem Familienwappen gesetzt und ist losgefahren. Jetzt ist es elf Uhr, und in Kronberg warten 15 Kamerateams und die Pferdepfleger auf den Rappen.
Die Sonne scheint, der Rhododendron blüht. Was riecht frühlingshafter als frisch gemähter Rasen? Das Leben ist doch ein Ponyhof, jedenfalls an diesem Vormittag hinter den schmiedeeisernen Toren des Gestüts Schafhof. Die Box ist gerichtet. An der Decke der Stallgasse hängen sieben Kronleuchter, die Wände sind gelb gefliest, Totilas schläft nicht auf Stroh wie die anderen Pferde im Stall. Er hat Sägespäne. Weil er die lieber mag. Am Gitter der Box hängen zwei Gummibälle. Ein roter und ein grüner. Totilas liebt es, mit diesen Bällen zu spielen. Ohne diese Bälle will er nicht in seine Box. Totilas ist kein Pferd, Totilas ist der dreifache Dressur-Weltmeister, er ist ein Star.
Draußen ruft jemand: „Sie kommen!“ Man schaut über die wuchernde Hecke und sieht ein Taxi. Kann das...?
Aber da hupt auch schon der Transporter. Der Lkw wendet, 14 Menschen kümmern sich darum, die Verladeklappe zu öffnen. Es dauert. Die Kameras laufen. Es dauert immer noch. Wer kommt da jetzt raus? Der Mann im Mond? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Miss World? Es kommt: ein Pferd.
Das Fell schwarz wie Tusche und glänzend wie nasser Asphalt. Für Pferde wie dieses wurden Filme erfunden wie Fury und Black Beauty. Nun gibt es das Pferd auch im richtigen Leben.
Rath führt den Hengst an den Kameras vorbei. Totilas blickt stolz, es scheint, als würde er verstehen, was um ihn herum geschieht. Doch dann wird es skurril, denn plötzlich richten sich auch die Mikrofone auf Totilas. Aus Black Beauty wird Mister Ed, das sprechende Pferd aus der gleichnamigen US-Fernsehserie. Totilas schnaubt tatsächlich in eins der Mikrofone.
Das Gewimmel löst sich nur langsam auf, der Elfjährige macht die ersten Schritte in Richtung Box, doch wie bei einem richtigen Umzug stockt mal wieder alles. Totilas wartet hinter den Toren, plötzlich steht das Pferd auf dem Flur, dann bezieht er seine Box. Er wälzt sich einmal in den Sägespänen. „Ein Zeichen dafür, dass er sich schon zu Hause fühlt“, sagt Sohn Rath.
Vater Rath ist der Trainer des neuen Dressur-Paares. Zwischen acht und zehn Millionen Euro soll der Pferdezüchter Paul Schockemöhle an den holländischen Besitzer von Totilas als Kaufpreis überwiesen haben. Ann Kathrin Linsenhoff, die Stiefmutter von Rath junior, hat sich an der Summe beteiligt. In welcher Höhe, das verrät sie nicht. „Totilas ist doch nicht mit Geld aufzuwiegen“, findet sie. „Das ist für mich ganz einfach eine emotionale Geschichte.“ Ann Kathrin Linsenhoff ist 50 Jahre alt, 1988 hat sie mit der deutschen Equipe Dressur-Gold bei Olympia gewonnen, ihre Mutter Liselott Linsenhoff gewann 1972 Olympia-Gold im Einzel, jetzt soll Matthias Alexander 2012 in London nachlegen. „Noch einmal Gold in der dritten Generation einer Familie wäre doch unglaublich“, sagt der Vater.
Der 26-jährige Sohn gibt sich zurückhaltender. Er hat seine Bachelor-Arbeit im Studium der Betriebswirtschaft abgegeben, bis es dort weiter geht, arbeitet er mit Totilas.
Das Ziel Olympia
Der Rappe hat mit Raths Vorgänger, dem holländischen Reiter Edward Gal, bei der WM 2010 in Kentucky alle drei möglichen Titel gewonnen. Nach dem Verkauf einen Nachfolger im Sattel zu finden, ist schwieriger als die Aufgabe, nach Franz Beckenbauer einen Libero für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu finden. Die Fußballer haben die Position des Liberos gleich abgeschafft, bei den Dressur-Reitern geht das nicht.
„Alleine kann es Totilas auch nicht schaffen“, sagt Rath. „Man kann in der Dressur nur als Paar gewinnen.“ Aber er will die Erwartungshaltung, die eine enorme Fallhöhe beinhaltet, gar nicht annehmen. „Olympia“, so sagt er, „ist ein großes Ziel für einen Sportler. Einmal dabei sein, davon träumt jeder.“ Doch damit macht er es sich etwas leicht.
Aber genug geredet, Rath will mit Totilas endlich ins Dressur-Viereck des Schafhofs, und er tauscht seine Jeans gegen seine Reithose. Es ist eben Umzugstag.

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