Borussia Dortmund breitet mit Hertha-Sieg die Flügel aus

Dortmund.. Gemeint hatte Jürgen Klopp das ganz anders. Nach dem Spiel gegen Hertha BSC saß er da im Obergeschoss des Stadions und hatte sich gerade anhand des Zahlenwerks auf einem Blatt Papier vergewissert, dass der 2:0 (2:0)-Sieg noch zu niedrig ausgefallen war, als er ein Lob auf seine Mannschaft begann. Sie habe viel richtig gemacht und „die Flügel frei bekommen“. Er meinte: die Seiten des Feldes.

Aber zulässig ist in diesen Tagen auch eine andere Deutung dieses Satzes: Die nämlich, dass Borussia Dortmund die bleierne Schwere einer hoch komplizierten Bundesliga-Saison aus dem Gefieder geschüttelt hat und nun wieder zu fliegen beginnt. Nicht so elegant, nicht so hoch wie einst. Das ist schon allein anhand der Torschützen zu erkennen: Den ersten Treffer bewerkstelligte der schwarz-gelbe Strafraumsegler Neven Subotic nach einer Ecke mit dem Kopf, den zweiten besorgte Torgrünschnabel Erik Durm (erstes Bundesliga-Tor) unter Mithilfe des Berliner Torwarts Thomas Kraft.

Es ist also durchaus noch für jeden Hobby-Ornithologen und Fußball-Freunde erkennbar, dass es ein angestrengter Flügelschlag ist, der aber die Borussen derzeit in kaum mehr für möglich gehaltene Sphären aufsteigen lässt: Vor den beiden finalen Spieltagen der Saison ist der BVB auf Tabellenplatz sieben angekommen, der ihn zur Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigen würde. Der Klub hat das glückliche Ende einer absurden Saison in der eigenen Hand: Vier Punkte aus den letzten beiden Spielen würden wegen des besseren Torverhältnisses gegenüber den Konkurrenten aus Hoffenheim und Bremen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit reichen, um in die Europa League einzuziehen. „Platz sieben fühlt sich an wie der Platz an der Sonne“, sagt Jürgen Klopp.

Seit der Trainer Mitte April seinen Rücktritt zum Ende der Saison angekündigt hat, ist seine Mannschaft ungeschlagen. Fünf Spiele, ein Unentschieden, vier Siege. Darunter der Halbfinalsieg im DFB-Pokal gegen Bayern München, der Klopp einen geradezu kitschigen Abschied beim Finale in Berlin bescheren könnte. Des Trainers Abschiedsankündigung scheint die letzten Prozentpunkte an Motivation bei den Spielern freizusetzen. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meinen Abschied am Anfang der Saison erklärt. Dann wären wir schön durchmarschiert“, sagt Klopp. Das Wort „schön“ zieht er dabei in die Länge. Er lacht danach, weil er nicht wirklich glaubt, dass das eine mit dem anderen etwas zu tun haben könnte.

Klopps Laune war nach dem Spiel unabänderlich bestens.

Der Wutausbruch von Kapitän Mats Hummels, der seinen am Boden liegenden Mitspieler Henrikh Mkhitaryan wegen dessen risikofreudiger Dribblings auf dem Platz zusammenstauchte? „Alles im grünen Bereich. Das sind wohl erzogene Jungs, die sich mal angeschrien haben“, sagt Klopp.

Die Tatsache, dass ausgerechnet der als Meister feststehende und dann in der Liga zu vermeidbaren Niederlagen neigende FC Bayern München mit seinem 0:1 gegen den FC Augsburg verhinderte, dass die Borussia noch einen weiteren Platz nach oben geklettert wäre? „Kein Vorwurf von meiner Seite. Bayern hatte alle Mann an Bord, war aber früh in Unterzahl und ist derzeit stark belastet. Und: Dass man gegen Augsburg verlieren kann, ist uns schon aufgefallen“, sagt Klopp. Nach dem 0:1 am 19. Spieltag waren die Dortmunder auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Jetzt ist sogar Platz fünf wieder in Reichweite.

„Es war gut, aber wir können es besser“, bilanzierte Jürgen Klopp am Ende dieses erfolgreichen Fußballtages und fügte an: „Das wird auch notwendig sein.“ Zumindest, wenn es die schwarz-gelben Zugvögel noch vor dem nächsten Winter in die Ferne ziehen soll.