Bierhoffs Schuss ins Glück
30.06.2008 | 00:01 Uhr 2008-06-30T00:01:00+0200
Ihren letzten EM-Endrundensieg feierte die deutsche Nationalmannschaft am 30. Juni 1996 in London. Sie gewann gegen Tschechien mit 2:1 und war damit zum dritten Mal nach 1972 und 1980 Europameister.
„Football Comes Home” - der Fußball kehrt heim. So begrüßte England 1996 das illustre, auf 16 Teilnehmer aufgestockte Endrundenfeld. Die Spiele standen auf des Messers Schneide, vier wurden im Elfmeterschießen entschieden. Und mit dem ersten „Golden Goal" der Fußballgeschichte im Endspiel erlangte Oliver Bierhoff sportliche Unsterblichkeit. Der ungelenk wirkende Stürmer von Udinese Calcio hatte bis dahin nur eine Nebenrolle gespielt. Beim Stande von 0:1 (Dortmunds Patrick Berger hatte einen von Matthias Sammer verursachten Elfmeter verwandelt), erinnerte sich Bundestrainer Vogts der Worte seiner damaligen Frau Monika. Sie hatte ihrem Berti vor dem Turnier prognostiziert: „Ich hab es im Gefühl, der Olli schießt ein wichtiges Tor.” Man soll häufiger auf Frauen hören...
„Olli” kam in der 69. Minute. Mit seiner ersten Aktion köpfte er den Ball nach einem Freistoß von Christian Ziege zum 1:1 in die Maschen. Verlängerung. Fünf Minuten waren gespielt, als sich Bierhoff um drei Abwehrspieler drehte und halbhoch ins rechte Toreck schoss. Schlussmann Petr Kouba glitt der Ball durch die Hände, fast im Zeitlupentempo trudelte er über die Linie. Kouba kniete fassungslos auf dem Boden. Er wollte die Grausamkeit dieses Augenblicks nicht wahrhaben. Auf der anderen Seite schwarz-rot-goldene Glückseligkeit: Endlich war Vogts aus dem langen Schatten des„Kaisers” getreten.
Welle in Wembley
Die Bilder, als „Bundes-Berti" im dunkelbraunen Anzug auf dem heiligen Wembley-Rasen vor den Fans die Welle zelebrierte, im Gesicht ein glückliches Lächeln, gingen um die Welt: Das Happy End aufregender EM-Geschichten. Eine schrieb Jürgen Kohler. Der Abwehrrecke führte die Elf im Auftaktspiel gegen Tschechien - 2:0 (Tore: Möller, Ziege) - als Kapitän aufs Feld. Nach neun Minuten war Schluss. Kohler zog sich einen Innenbandriss im rechten Knie zu. Ein Drama. Oder Jürgen Klinsmann. Er musste erst eine Gelbsperre absitzen und feierte beim 3:0 gegen Russland mit zwei Toren einen tollen Turnier-Einstand.
Im Viertelfinalspiel gegen Kroatien verwandelte er einen Elfmeter zum 1:0, dann schied Klinsmann mit Muskelfaserriss aus. Den Medizinern gelang es, ihn in einer Art Wunderheilung für das Endspiel fit zu machen. Und - nicht zu vergessen - Andreas Möller. Der Mittelfeld-Star sah im Halbfinale gegen England, wie Stefan Reuter,eine folgenschwere Gelbe Karte: Sperre im Endspiel. Dem 1:1 gegen die Gastgeber in der regulären Spielzeit (Tore: Shearer und Kuntz) folgten Verlängerung und Elfmeterschießen.5:5 hieß es, als Gareth Southgate anlief und Andreas Köpke hielt. Möller, der sechste Schütze, verwandelte eiskalt gegen David Seaman. Später triumphierte er: „Ich war mir sicher, dass ich ihn reinmache.” Andere hatten ihre Bedenken. England hatte wieder - wie bei der WM 1990 - das Elfmeterschießen gegen Deutschland verloren.
Sammer als Herz und Seele
Über allen thronte Matthias Sammer. Europa wählte ihn im Dezember 1996 zum „Fußballer des Jahres”. Nur ein einziges Mal irrte er hilflos über den Rasen, beim 0:0 im letzten Gruppenspiel gegen Italien. Sammer ließ sich bis zum Viertelfinalspiel gegen Kroatien nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken. „Ich muss mit mir selbst ins Reine kommen”, sagte er mir in einemTelefoninterview. Ausgerechnet Sammer, der Feuerkopf, bewahrte in der schlimmen Bolzerei gegen Kroatien den Überblick. Er riss das Spiel entschlossen an sich und schoss Deutschland mit dem Treffer zum 2:1 ins Halbfinale. Sammer war Kopf und Herz einer Mannschaft, die zusammenhielt wie Pech und Schwefel. Dem einzigen Unruheherd, Mario Basler, bereitete Christian Ziege den Garaus, als er ihn im Training mit voller Wucht am gerade operierten Knöchel traf. Unbeabsichtigt? „Super Mario” flog lautlos nach Hause - anders als am 1. Juli 1996 der von London bis Frankfurt von der Luftwaffe eskortierte Europameister.

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