Freyer: Die Auswärtsstärke zeigt das Phoenix-Potenzial

Das große Interview zur Rückrunde mit Ingo Freyer.
Das große Interview zur Rückrunde mit Ingo Freyer.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Am Samstag startet Phoenix Hagen in die Rückrunde. Ingo Freyer spricht über die schwierige Hinrunde, die Entwicklung seiner Spieler und die Aussichten

Hagen.. Die Allstar-Pause ist vorbei, bereits drei Trainingseinheiten sind absolviert. In vier Tagen startet Phoenix Hagen in Bayreuth in die Rückrunde der Basketball-Bundesliga (Samstag, 18.30 Uhr). Anlass für eine Zwischenbilanz. Ingo Freyer, in der achten Saison Phoenix-Coach und damit dienstältester Trainer der Eliteklasse, spricht im ausführlichen WP-Gespräch über die schwierige Hinrunde, die Entwicklung seiner Spieler und die Aussichten für die zweite Serie.

Zuerst zum aktuellen Stand. Sind alle Spieler wohlbehalten aus dem Heimaturlaub zurück? Und konnten die zuletzt verletzten Larry Gordon und Urule Igbavboa wieder ins Training einsteigen?

Ingo Freyer: Die Spieler, die weg waren, haben einen positiven Eindruck hinterlassen, wir hatten schon gute Trainingseinheiten. Larry kann allerdings nur Ausdauer-, Kraft- und Wurftraining machen, er wird am Samstag noch nicht spielen können. Ein weiteres MRT hat gezeigt, dass die Verletzung noch nicht komplett ausgeheilt ist. Urule hat zuletzt wegen seiner Rückenbeschwerden ja mit angezogener Handbremse gespielt und trainiert. Ob die Behandlung in der Pause geholfen hat, kann er noch nicht richtig einschätzen.

Mit sieben Siegen hat Phoenix das Hinrunden-Ergebnis der Vorsaison wiederholt, ist auf Platz 13. Wie fällt die Bilanz des Trainers aus?

Ingo Freyer: Wenn man betrachtet, wie der Sommer und die Vorbereitung verlaufen sind, ist das Tabellen-Segment okay, in dem wir jetzt sind. Das war ja die schwierigste Zeit für Phoenix überhaupt, es gab kein Team, das solche Vorzeichen hatte. Den Turnaround haben wir mit der Aufbruchstimmung nach dem Sponsoren-Treffen geschafft, seitdem haben wir fünf von acht Spielen - da zähle ich jetzt mal das Crailsheim-Spiel dazu - gewonnen. Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn wir Dino Gregory nicht verpflichtet hätten und jetzt auch noch Larry Gordon ausgefallen wäre. Einzelne Niederlagen wie beim MBC und gegen Bremerhaven haben natürlich auch sehr weh getan, dafür gab es Siege wie im Artland, wo wir eigentlich schon verloren hatten.

Phoenix hat weiter im Schnitt die meisten Gegenpunkte. Eine andere Statistik weist das Team dagegen defensiv als fünftbestes der Liga aus. Ist Ihr Team gar nicht so abwehrschwach?

Ingo Freyer: Wir wussten schon immer, dass das nicht so ist, nur weil wir absolut die meisten Punkte kassieren. Dafür schaffen wir auch mit großem Abstand die meisten Steals. Die genannte Statistik ist viel aussagekräftiger, weil sie bemisst, wie viele Punkte man pro Angriff des Gegners zulässt.

Über die Heimschwäche wurde viel gerätselt, eine Antwort hat noch niemand gefunden. Warum ist Phoenix auf der anderen Seite plötzlich so auswärtsstark?

Ingo Freyer: Auch das ist schwer zu beantworten, da hatten wir ein bisschen Glück, so wie wir zuhause Pech hatten. Aber man kann daran sehen, dass das Team Potenzial hat. In den ersten Spielzeiten haben wir auswärts ja häufig hoch verloren, jetzt sind wir da konkurrenzfähig. Es ist hoffentlich einfacher, die Heimschwäche abzulegen.

Fabian Bleck und Niklas Geske erhalten schon viel Spielzeit. Wie beurteilen Sie insgesamt die Entwicklung der jungen Spieler?

Ingo Freyer: Die Jungen profitieren ja davon, dass wir lange nur fünf Amerikaner und dazu auch einiges Verletzungspech hatten. Gerade Niklas nimmt den Kampf um mehr Minuten gut an. Auf seiner Position als Aufbauspieler werden Fehler gleich bestraft. Er macht noch viele Fehler, aber er gibt uns genauso viele gute Sachen. Fabian hatte Pech mit seiner Verletzung, da hat er fünf, sechs Wochen verloren. Jetzt ist er wieder so fokussiert wie vor dem Bänderriss. Wenn er sich weiter so entwickelt, wird er in seinem Jahrgang in der Liga herausragend sein.

Mit Arber Tolaj haben wir viel gesprochen. Er hat sein Verhalten geändert, ist nicht mehr der, der er in den ersten zwei Monaten war. Der Abstand zu den anderen ist verringert, bei den Teamkollegen hat er mehr Akzeptanz. Ich kann ihn jetzt bringen, körperlich hat er ja die Voraussetzungen, gegen jeden Zweier oder Dreier zu verteidigen.

Und bei Moritz Krume hatten wir uns die Entwicklung ganz anders gedacht. Er sollte zunächst in Iserlohn viel Verantwortung übernehmen und bei uns reinwachsen. Doch in Iserlohn konnte er nicht viel trainieren, weil wir ihn brauchten, deshalb kam er dort nicht richtig hinein. Aber er hat auch schon gute Spiele gemacht und haut sich in jedem Training bei uns rein.

Nicht die Form der Vorjahre erreicht in dieser Saison Larry Gordon. Was ist mit ihm los?

Ingo Freyer: Wir sind natürlich verwöhnt von den überragenden zwei Spielzeiten zuvor. Jetzt hat er auch Pech mit seinen Würfen, denkt manchmal zu viel nach, das gehört in einer Entwicklung dazu. Vom Einsatz her kann ich ihm keinen Vorwurf machen, das ist das Wichtigste. Sechs Rebounds im Schnitt sind für einen Flügelspieler immer noch nicht selbstverständlich.

Keith Ramsey gehörte am Anfang zu den Topscorern der Liga, jetzt gehen seine Zahlen zurück. Auch weil Dino Gregory zurück ist?

Ingo Freyer: Keith ist einer der am unterschätztesten Spieler der Liga. Jetzt hatte er mehr Aufmerksamkeit, weil unser Spiel auf ihn als „Point-Center“ zugeschnitten war. So spielen wir jetzt nicht mehr, mit Dino haben wir einen mehr unter dem Korb - und für Keith dort nicht mehr soviel Platz. Aber er ist nicht sauer darüber, dass er nicht mehr 16 Punkte im Schnitt macht, und spielt nicht schlechter.

Wie verändert sich das Phoenix-Spiel mit Gregory?

Ingo Freyer: Ohne ihn mussten wir sehr risikoreich verteidigen, darauf stellen sich die Gegner natürlich ein. Das müssen wir jetzt nicht mehr, Dino gibt uns mit seiner Athletik und seinen Rebounds viel Stabilität in der Verteidigung, die wir vorher nicht hatten.

Mit ihm scheint das Team qualitativ ähnlich besetzt wie im Vorjahr. Welche Ziele stecken Sie für die Rückrunde?

Ingo Freyer: Wichtig ist, dass die Spieler sich weiterentwickeln, das sieht man dann an den Ergebnissen. Das gilt für die Jungen wie Fabian und Niklas natürlich. Aber auch Zamal Nixon und Todd Brown müssen sich noch mehr an die Härte des Spiels in der Bundesliga gewöhnen, müssen mit ihrer Körpersprache Präsenz zeigen. David Bell war die letzten zehn Spiele überragend, das können wir nicht immer von ihm verlangen, aber wir brauchen von ihm ein solide hohes Niveau.

Die Hinrunde war sauschwer. Wenn wir jetzt aus dem vollen schöpfen können und nicht mehr so viele Verletzungen haben, ist das Ziel wie in den letzten Jahren Platz zehn bis 14. Denn die Liga ist eng zusammen, man kann schnell nach unten abrutschen.